Bewaffnete Aktionen und Klassenbewusstsein

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Lutte de Classe (Klassenkampf)
Dezember 1972

Entführung eines Fabrikdirektors in Argentinien durch ein Kommando der ERP-ERT (argentinische Sektionr der Vierten Internationale – Vereinigtes Sekretariat); Entführung von Nogrette in Frankreich durch die Maoisten der Nouvelle Résistance Populaire (Neue Volkswiderstand) am Tag nach der Ermordung von Overney[1]; Intervention einer palästinensischen Kommandogruppe der „Schwarzen September” in München gegen die israelische Delegation bei den Olympischen Spielen: All diese Aktionen und weitere, die von linksextremen Gruppen beansprucht oder unterstützt werden, lassen heute eine Debatte wieder aufleben, die zumindest für Marxisten längst als abgeschlossen galt: die Debatte über den Terrorismus.

Das scheint nicht der Fall zu sein, denn heute bringen Gruppen, die sich zum Maoismus oder sogar zum Trotzkismus bekennen, Konzepte und Methoden wieder zu Ehren, die unbestreitbar eher denen von Bakunin als denen von Marx und Lenin ähneln.

Sicher, erklären sie, denn sie haben die Klassiker durchgeblättert, wir machen nicht aus jeder Gewalt eine Tugend. Wir wissen sehr wohl, dass Terror und Reaktion gleichermaßen im Dienste der Reaktion stehen können. Wir wissen, dass die französische Bourgeoisie von 1793 ihre Macht im Schatten der Guillotinen etablierte und sicherte, dieselbe Bourgeoisie, die auch nicht zögerte, als es 1871 darum ging, die Pariser Kommune im Blut zu ertränken. Wir setzen, wie sie behaupten, den Terror der Ausbeuter nicht mit dem Terror gleich, den die Unterdrückten und Ausgebeuteten im Kampf um ihre Emanzipation anwenden können.

Und tatsächlich kann kein Revolutionär den Unterdrückten das Recht auf Revolte absprechen. Ein schlechter Marxist wäre derjenige, der seine Unterstützung für den Bauern, der gegen den Grundbesitzer oder den Steuereintreiber rebelliert, oder seine Unterstützung für den schwarzen Amerikaner, der gegen den rassistischen Polizisten oder Richter rebelliert, unter dem Vorwand verweigert, dass er in diesen Revolten nicht sein gesamtes Programm wiederfindet. Lenin beispielsweise hatte nicht darauf gewartet, dass die russischen Bauern sich dem Bolschewismus anschlossen, um sich ihrer Forderungen und ihres Kampfes anzunehmen, ebenso wenig verlangte er von der armen Bevölkerung Georgiens, dass sie sich auf die Seite der Sowjets stellte, um seine nationalen Bestrebungen zu unterstützen, die auf zweihundert Jahren großrussischer Herrschaft beruhten. Er schloss sich jedoch weder den populistischen Gruppen noch den georgischen nationalistischen Organisationen an.

Ebenso wird heute kein sozialistischer Revolutionär seine Unterstützung für die aufständischen Palästinenser oder Vietnamesen in Frage stellen.

Aber das ist nicht die eigentliche Frage, die sich aus der Haltung der maoistischen Gruppen oder des Vereinigten Sekretariats gegenüber dem Terrorismus stellt.

Ausgehend von der legitimen Unterstützung, die jeder Revolutionär den Kämpfen der Unterdrückten zuteilwerden lassen soll, lassen diese Gruppen alle Klassenkriterien, auf denen der Marxismus seine Analysen gründet, außer Acht und ersetzen sie durch eine Reihe moralischer und sentimentaler Kriterien, die ihnen als Argumentation dienen.

Da für

Da für diese Gruppen der Kampf des palästinensischen Volkes gegen die Ausbeutung durch den zionistischen Staat gerechtfertigt ist, folgern sie daraus, dass sie die Politik der palästinensischen Organisationen bedingungslos unterstützen müssen. Die Vermischung der tiefen Sehnsüchte der Massen mit den politischen Führungen, die sich diese Massen gegeben haben oder die sich als von ihnen beauftragt bezeichnen, ermöglicht alle möglichen Tricks. So lässt sich beispielsweise die Aktion von „Schwarzer September” politisch legitimieren, indem man sich auf die Verzweiflung der entwurzelten palästinensischen Massen beruft, deren Hüter die Fedajin seien. Ihnen zufolge ist das Programm von „Schwarzer September“, der Fatah oder der Volksfront zur Befreiung Palästinas PFLP) nur von untergeordneter Bedeutung, ebenso wie die soziale Bedeutung ihrer Aktionen. Was zählt, ist, dass sie mit Waffen in der Hand gegen die Unterdrücker kämpfen. Wir nennen die palästinensischen Organisationen nur als ein Beispiel unter vielen, man könnte ebenso über ihre Haltung gegenüber der algerischen FLN, der vietnamesischen FNL, der baskischen ETA usw. diskutieren. Man könnte den Marxismus nicht auf eine armseligere Karikatur reduzieren!

Die linken Gruppen, die solche Organisationen und damit deren Politik unterstützen, charakterisieren eine politische Richtung also nicht anhand ihres Programms, nicht anhand der sozialen Klassen, auf denen sie ihr Handeln gründet, sondern anhand des Radikalismus, den sie im Kampf an den Tag legt, und des Mutes ihrer Aktivisten. So wird „Che“ Guevara in den Himmel gelobt, weil er sich gegenüber den Stalinisten, die den „friedlichen Weg“ befürworteten, zum Verfechter des bewaffneten Kampfes in Lateinamerika gegen den US-Imperialismus gemacht hat. Und Schande über den, der es wagt, den sozialen Inhalt dieses Kampfes zu diskutieren! In dieser Welt ist alles, was mit Waffen kämpft, revolutionär und somit „sui generis“ sozialistisch.

Und da es in den Augen der Maoisten oder des Vereinigten Sekretariats auf den Mut einiger weniger Individuen ankommt, die den „gerechten Zorn der Massen” verkörpern, ist es nicht verwunderlich, dass sie exemplarischen Handlungen, insbesondere terroristischen Handlungen, Tugenden zuschreiben, die diese für Marxisten nie hatten. Ausgehend von einer solchen Auffassung ist es auch nicht verwunderlich, dass sie die Notwendigkeit des Aufbaus einer revolutionären Arbeiter/innen/partei ablehnen, selbst wenn sie mit gespaltener Zunge das Gegenteil behaupten. Denn wenn einige wenige unerschrockene Führer ausreichen, um die Bestrebungen der Massen zum Ausdruck zu bringen, wenn ein entschlossenes Kommando ausreicht, um das Werk der Unterdrückten zu vollbringen, warum sollte man dann Zeit damit verschwenden, eine Partei aufzubauen? Einige wenige furchtlose, politisierte Leute, die die Wahrheit verkörpern, sollten ausreichen. Hinter dieser Auffassung verbirgt sich die Mentalität und Ideologie, die die einzige Lehre ist, die der Stalinismus den Obersten der unterentwickelten Länder vermitteln konnte, nämlich das Glück der Völker ohne deren Wissen, wenn nicht sogar gegen ihren Willen, herbeiführen zu wollen.

Diese Übereinstimmung ist jedoch kein Zufall. Sie entspricht einer Entscheidung, die durch den Verzicht auf die Orientierung nach der Arbeiter/innen/klasse oder durch die bewusste Weigerung, sich auf diesem Terrain zu positionieren, und letztlich durch die Weigerung, für das Programm des internationalen Proletariats zu kämpfen, gekennzeichnet ist. Und es ist kein Zufall, dass man beispielsweise französische Maoisten, die vom bewaffneten Kampf des Volkes fasziniert sind, an der Seite bekannter Gaullisten findet, um die Résistance zu ehren, die während des Zweiten Weltkriegs den Burgfrieden verwirklichte. Es ist auch kein Zufall, dass die Ligue Communiste vor Persönlichkeiten wie Charles Tillon, dem stalinistischen Führer der FTP [2], der diese Politik des Burgfriedens verkörperte, in die Knie geht. Der Verweis auf den bewaffneten Kampf, den Kampf des Volkes und warum nicht auch auf den fehlgeleiteten Kampf der Arbeiter/innen ermöglicht es, den Übergang ins Lager der Bourgeoisie zu rechtfertigen. So hat die Ligue Communiste keinen Scham, sondern rühmt sich sogar damit, in der sogenannten IV. Internationale (Vereinigtes Sekretariat) mit einer Organisation (ERP-ERT) zusammenzuarbeiten, die ihren Willen verkündet, „für Argentinien zu siegen oder zu sterben”. Aber diese Organisation hat für die Aktivisten des Vereinigten Sekretariats den unvergleichlichen Verdienst, einige Heldentaten vollbracht zu haben, wie die, die zur Hinrichtung des Direktors von Fiat-Argentinien führte.

Man könnte übrigens je nach Zeitraum und Land noch viele weitere Beispiele anführen. Sie alle veranschaulichen die Abkehr vom Marxismus, d. h. die Abkehr vom Terrain des Proletariats.

Denn die Symbolik der linksradikalen Gruppen hat trotz ihrer Mehrdeutigkeit eine klare Klassenbedeutung. Sie spiegelt die Ungeduld der radikalisierten Kleinbourgeoisie wider, so wie zu anderen Zeiten oder in anderen Milieus der Poujadismus [3] und der Faschismus diese Ungeduld zum Ausdruck gebracht haben. Sie ist nur die „linke” Variante eines Phänomens, das, wie die Geschichte viele Beispiele zeigt, viele Formen annehmen kann.

Marxistische Revolutionäre haben nie geglaubt, dass Gesten, Beschwörungen und Worte die Menschheit auch nur einen Zentimeter näher an ihre Emanzipation bringen könnten. Die Ungeduld des Kleinbürgertums führt zweifellos zu allem Möglichen, aber nicht zur sozialistischen Revolution. Das haben Marxisten immer betont. Und für all diejenigen, die weiterhin der Ansicht sind, dass das Proletariat die einzige Klasse ist, die sich für die Forderungen und Bestrebungen aller Unterdrückten der Welt einsetzen kann, geht es nicht darum, sich von einer solchen Ungeduld mitreißen zu lassen, denn sie würde uns unweigerlich von unserem Ziel abbringen.

Die Aufgabe der sozialistischen Revolutionäre besteht nämlich nicht darin, verzweifelt nach Abkürzungen zu suchen, die es ermöglichen würden, auf den Aufbau einer revolutionären Arbeiter/innen/partei zu verzichten, einer Partei, in der sich das Proletariat nicht nur Frankreichs, sondern der ganzen Welt wiedererkennen kann und in der sich gleichzeitig alle Unterdrückten des Planeten wiedererkennen würden. Bei der Erfüllung dieser Aufgabe lehnen wir Gewalt und sogar terroristische Aktionen nicht ab, aber wir ordnen ihren Einsatz unserer Strategie unter.

So glauben wir beispielsweise nicht, dass es ausreicht, Faschisten aus dem Quartier Latin in Paris zu jagen oder einen Fabrikdirektor in Argentinien zu entführen, damit die Arbeiter/innen/klasse, wie man so schön sagt, objektiv einen Punkt erzielt hat. Gewalt und militärische Aktionen haben für revolutionäre Sozialisten nur dann eine Bedeutung, wenn sie die bewusste Fortsetzung des Willens der Arbeiter/innen darstellen. Die Entführung eines Fabrikdirektors aus seinem Büro während eines Streiks hat mehr Wert, wenn sie den Kampfeswillen der Arbeitenden zum Ausdruck bringt, auch wenn sie technisch gesehen von einer begrenzten Anzahl von Teilnehmern durchgeführt wurde, als die spektakuläre Entführung eines beliebigen Führers oder die Ausschaltung einiger Faschisten in einem Einzelkampf, bei dem die Arbeiter/innen/klasse nur Zuschauerin wäre. Das Ziel der Revolutionäre ist es nicht, von den Massen und den Arbeiter/innen bewundert zu werden. Es ist nicht, außerhalb des Proletariats zu agitieren. Ihre Tätigkeit innerhalb der Arbeiter/innen/klasse zielt darauf ab, diese zu organisieren, sie zu einer bewussten Kraft zu machen, die in der Lage ist, die ihr zukommende historische Rolle zu spielen.

Denn für die Marxisten bleibt das Ziel die Errichtung der Diktatur des Proletariats. Wie kann dies ohne die bewusste Beteiligung der Arbeiter/innen erreicht werden? Durch einen gewagten Handstreich einer entschlossenen Führung, die entweder durch eine Überraschung oder durch eine Verbindung günstiger Umstände auf der Grundlage populistischer Demagogie eine bereits schwankende Macht stürzt? Das würde bedeuten, dass die Diktatur des Proletariats sich darauf beschränkt, dass einige wenige Menschen, die vom Proletariat beauftragt sind (oder vorgeben, es zu sein), an die Macht kommen. Das würde bedeuten, zu vergessen, was Marx uns lehrt: Dass die soziale Revolution sich nicht auf die Übernahme der politischen Macht beschränken kann, sondern dass sie die soziale Entmachtung der herrschenden Klasse erfordert. Eine solche Entmachtung erfordert, dass die Arbeiter/innen/klasse den bürgerlichen Staatsapparat in all seinen Teilen, von der Basis bis zur Spitze, zerstört und durch ihre eigenen Machtorgane ersetzt. In Russland waren es im Oktober 1917 die Arbeiter- und Bauernsowjets und die Arbeiterwehren, die sich von Anfang an als Vorposten der Weltrevolution bildeten. Und diese soziale Rolle der Arbeiter/innen/klasse, die sich ihrer historischen Aufgabe bewusst ist, kann keine Gruppe, kein Anführer, kein „Che” an ihrer Stelle erfüllen.




[1] ein maoistischer Aktivist, der von einem Sicherheitsmann der Renault-Fabrik in Billancourt erschossen wurde, nur weil er Flugblätter am Tor verteilte

[2] Guerillapartisanen der französischen Résistance

[3] Poujade war in den 50er Jahre in Frankreich der Anführer von empörten Kleinhändlern (gegen den Staat, gegen die Steuern…)