Lateinamerika: Regierungen zwischen Zusammenarbeit mit den USA und Befreiungsversuchen von deren Herrschaft (Vortrag des Leo Trotzki-Zirkels (Paris) vom 24. November 2006)

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Lateinamerika: Regierungen zwischen Zusammenarbeit mit den USA und Befreiungsversuchen von deren Herrschaft
November 2006

Lateinamerika ist ein Quasi-Kontinent, der von etwa 600 Millionen Menschen besiedelt ist. Das ist ein umfassendes Ganzes von Ländern sehr unterschiedlicher Größen. Mexiko besetzt eine fast vier Male so große Oberfläche wie diejenige von Frankreich mit einer Bevölkerung von etwas mehr als 100 Millionen Einwohnern. Brasilien, das einzige Land portugiesischer Sprache in diesem Komplex, wo man überall anders Spanisch spricht, hat fast 200 Millionen Einwohner auf einem Gebiet, das mehr als fünfzehn Male größer als Frankreich ist. Aber andere Länder haben eine viel bescheidenere Ausdehnung, so Nikaragua, mit weniger als drei Malen die Größe Frankreichs und kaum mehr als 5 Millionen Einwohnern.

Andererseits haben die Länder von Lateinamerika sehr verschiedenartige geographische und klimatische Bedingungen, die sich in der großen Vielfalt von ihren Bodenschätzen wie von ihren landwirtschaftlichen Erzeugungen widerspiegeln. Deshalb sind ihre Wirtschaften, deren viele nach der Produktion von Rohstoffen ausgerichtet sind, sehr unterschiedlich.

Aber alle diese Völker, alle diese Länder haben es gemeinsam, unter der Vormundschaft der USA zu leben.

Wir haben entschieden, die Karibikinseln beiseite zu lassen und nur über verschiedene lateinamerikanische Regierungen, von Mexiko im Norden bis Argentinien und Chile im Süden, zu sprechen, die mindestens eine Zeit lang versucht haben, sich von der Herrschaft der USA zu befreien.

UNTER SPANIENS UND PORTUGALS FUCHTEL

Die Eroberung dieses Amerikas - das lateinisch genannt werden sollte - durch Spanien und Portugal hat das Leben der Völker, die es bewohnten, tief erschüttert. Die Konquistadoren haben den Atlantischen Ozean auf der Suche nach Schätzen, nach Gold überquert. Und um welche zu finden haben sie geplündert, gestohlen, gefoltert, massakriert. Von den Völkern von Jäger-Pflückern bis zu den Azteken- und Inka-Reichen, alle haben diesen brutalen Schock im 16. Jahrhundert erlebt. Nicht nur die Kulturen, die Zivilisationen, die Gesellschaften wurden zerstört, sondern auch sehr oft die Bevölkerungen selbst.

Innerhalb von einigen Jahrzehnten haben die Spanier und die Portugiesen wertvolle Metalle mitgenommen, die Generationen von Indianern in den Flüssen eines ganzen Erdteiles gesammelt hatten. Gold und Silber wurden auf die Galeonen geladen und nahmen die Richtung Europas. Das war die erste Handlung einer riesengroßen Verarmung Lateinamerikas und einer bedeutenden Bereicherung der westeuropäischen Bourgeoisie damals in großem Aufschwung. In diesem historischen Prozess haben Spanien und Portugal nur die Rolle einer Brücke in der Überweisung der Reichtümer Lateinamerikas in die Truhen des Bürgertums der Niederlande, Englands und Frankreichs gespielt. Der Aufschwung des Handelskapitalismus wurde dadurch in hohem Maße beschleunigt, dass die Naturrohstoffe von Amerika ausgesaugt wurden. In diesem Sinne, wenn die Entdeckung und die Kolonisierung von Amerika durch die Europäer eine Katastrophe für dessen Einwohner war, hat sie eine bedeutende Rolle in der Geschichte der Menschheit gespielt : Sie hat die Wirtschaft weltweit vereinigt und dem Bürgertum in Europa die Möglichkeit gegeben, die kapitalistische Entwicklung zu beschleunigen.

Die Spanier haben in der Mitte des 16. Jahrhunderts große Bergvorkommen wertvoller Metalle entdeckt. In den von ihnen beherrschten Zonen bildeten sich riesengroße Landgüter, in denen produziert wurde, was nötig war, um die großen Konzentrationen von Indianern, die der Bergbaufronarbeit unterworfen waren, zu ernähren. Die Silbergrube von Potosi, die sich im gegenwärtigen Bolivien befindet, führte - in einem Zeitlauf von kaum dreißig Jahren - zur Entstehung einer Stadt von 100.000 Einwohnern, von der Größe von London oder Paris damals. In einem Umkreis von Hunderten Kilometern wurden die Indianer zwangsweise in die Bergwerke gesandt, wo sie meistens an der Arbeit starben. Silber- oder Goldbergbaubetriebe entstanden von Mexiko bis zum gegenwärtigen Chile. Europa war mit diesen aus dem amerikanischen Boden durch die Ausbeutung der Indianer entrissenen Reichtümern überschwemmt.

EINE MISCHUNG VON MODERNISMUS UND ALTERTÜMLICHKEIT

Mit der Einführung des Zuckerrohrs durch die Portugiesen entstand die Plantagenwirtschaft in das zukünftigen Brasilien. Immer geräumigere Ländereien wurden dieser Kultur gewidmet. Zucker und seine Derivate waren auf dem europäischen Markt sehr gefragt. Der Plantagenbesitzer häufte ein Vermögen sehr schnell an, um so mehr als er das Eigentum der Güter, ohne Geld auszugeben, und nur dank des Eroberungsrechts erworben hatte. Und er nutzte die auf Sklavenarbeit reduzierten Indianer bis zum Tod aus. So sehr, dass viele Indianer lieber in die tiefen Wälder des Inneren des Erdteiles flohen. So hat man angefangen, Afrikaner einzuführen, die man weit weg von ihrer Ursprungsgegend leichter in Versklavung erhalten konnte.

In dieser ersten Entwicklung Brasiliens vermischten sich sowohl moderne als auch andere vollkommen rückläufige soziale und wirtschaftliche Merkmale. Die Produktion war rational organisiert, sie war zur Bedarfsdeckung des europäischen Marktes vorgesehen. Handelshäfen entstanden und wurden von Händlern verwaltet. Das waren Merkmale, die vom sich im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts entwickelnden Bürgertum abgeleitet waren. Aber gleichzeitig werden auf den großen, von den Großgrundbesitzern besetzten Landgütern, Generationen landloser Bauern außerhalb jeder technischen Entwicklung arbeiten. Das Wiederaufleben der Sklaverei in großem Maße erwies sich wirklich als eine Drosselung jedes technischen Fortschrittes. Die sich entwickelnde brasilianische Gesellschaft war eine Mischung von Modernismus und von Archaismus, und auch eine Mischung von drei Bevölkerungsgruppen: Indianern, Europäern und Afrikanern.

GROSSBRITANNIEN, ERSTER KUNDE VON LATEINAMERIKA

Das portugiesische und das spanische Lateinamerika haben eine Folge systematischer Diebstähle der Reichtümer gekannt, die in diesem Erdteil durch die Arbeit der indianischen und afrikanischen Bevölkerungen gewonnen wurden. Holz, Zucker, Kaffee, Kakao, Sisal, Tabak und viele andere Landwirtschaftsprodukte sind dem Weg mineralischer Rohstoffe nach Europa gefolgt. In Lateinamerika hat nur die Grundbesitzerklasse ihren Reichtum entwickelt. Aber sie hat es als Vermittler der Plünderung gemacht. Der einbahnige Betrieb dieser gemeinsamen Wirtschaft, die das Bürgertum entwickelte, indem es Europa mit Amerika und Afrika verband, hat für eine ganze Epoche die Möglichkeiten der industriellen Entwicklung in Lateinamerika vollständig verhindert.

Diese ländliche Wirtschaft erforderte nur wenige industrielle Erzeugnisse, die England billig lieferte. Außerdem hat Großbritannien seinen wachsenden Einfluss auf Portugal im 18. Jahrhundert benutzt, damit es die Zuckerraffinerien in Brasilien verbietet, so dass dessen Kolonie in die Rolle eines Exporteurs von Zuckerrohrsaft beschränkt war. Portugal hat auch befohlen, die Webereien und die Spinnereien von Brasilien zu verbrennen, um diesen Markt der englischen Textilindustrie anzubieten. Lateinamerika beschränkte sich darauf, immer mehr Rohstoffe herzustellen, die wenig verarbeitet waren, und wichtige Häfen zu entwickeln, die die großen Landgüter des Hinterlandes mit dem europäischen Markt verbanden. Die steinreichen Eigentümer verweilten abwechselnd auf den Landgütern, deren Bewirtschaftung oft einem weißen Verwalter anvertraut war, und in ihrem herrschaftlichen Stadthaus, das in Hafengroßstädten lag. Sie gaben ihr Vermögen für aus Europa eingeführte Luxusartikel aus, und trugen erneut zur Konzentration des Reichtums auf dem europäischen Ufer des Atlantischen Ozeans bei.

Diese Verwandlung ohne Entwicklung der lateinamerikanischen Gesellschaft unter spanischer und portugiesischer Herrschaft beruhte natürlich auf der grenzenlosen Ausbeutung der verfügbaren Arbeitskraft. Das fand drei Jahrhunderte lang nicht ohne Aufstände statt. Die afrikanischen Sklaven erhoben sich viele Male in den Plantagen oder sie flohen in die dichten Wälder. Die Indianer haben sich auch in den Aufstand gestürzt, manchmal versprachen ihre Leiter ihnen die Rückkehr zu einem mythischen goldenen Inka-Zeitalter. Aber die Erschütterung des Kolonialsystems kam von den Grundbesitzern selbst.

Im 18. Jahrhundert war der britische Kapitalismus Lateinamerikas Hauptkunde für Rohstoffe geworden. Das System der Plantagen verband die lateinamerikanischen herrschenden Klassen immer mehr mit dem britischen Kapitalismus, während sich die Verbindungen mit Portugal und vor allem mit Spanien lockerten. Nach ruhmreichen Jahren waren diese beiden europäischen Länder dem Untergang nahe. Als 1808 das Frankreich von Napoleon 1. in die iberische Halbinsel einfiel, fanden sich die amerikanischen Kolonien in der Lage, sich autonom zu regieren. Und sobald die spanische Monarchie versucht hat, die Kontrolle ihres Reiches gewaltsam zurückzunehmen, hat der Bürgerkrieg an zahlreichen Orten angefangen.

DIE UNABHÄNGIGKEITSKRIEGE

Der von Spanien geführte Krieg war schrecklich. Er wurde von Greueltaten und von Massenmorden begleitet. Von 1810 bis 1824 haben die von Simon Bolivar geprägten Unabhängigkeitskriege, sind, Lateinamerika verwüstet. Die Unabhängigkeitskämpfe haben lange Jahre gedauert, weil die spanischen Truppen anfänglich Schwarze und Indianer rekrutieren konnten, die in den Unabhängigkeitskräften ihre unmittelbaren Unterdrücker sahen. Bolivar war der Erbe einer reichen Familie von Großgrundbesitzern, die Plantagen und Sklaven im gegenwärtigen Venezuela besaß, und er vertrat die Unterdrückerklasse, die er zum Kampf führte. Erst ab 1816 entschied sich Bolivar dafür, das Ende der Sklaverei für die Schwarzen, Rechte für die Indianer und die Gleichheit für die Mischlinge zu versprechen. Bolivar hat so die Unterstützung des Volkes, die zuerst den Unabhängigkeitskräften gefehlt hatte, gesucht und erhalten, was ihm erlaubt hat, das Kräfteverhältnis umzustürzen und die spanische Macht auf entscheidende Weise zu untergraben.

1821 konnten Bolivars Heere schließlich Venezuela von den spanischen königlichen Truppen befreien, später auch Kolumbien. Bolivar hatte damals das Projekt, einen großen Staat zu schaffen, der den Großteil des früheren spanischen Amerikas einschloss. Er hat den Krieg mehr im Süden durch Ekuador nach Peru fortgesetzt. Dort hat er die aus Argentinien gekommenen Unabhängigkeitstruppen getroffen, die die Spanier nach Norden durch das gegenwärtige Paraguay und Chile weggedrängt hatten. Indem die spanische militärische Bedrohung sich verringerte und die befreiten Gebiete sich vergrößerten, weiteten sich aber die Zentrifugalkräfte aus, die auch gegen das Projekt des einheitlichen Südamerikas von Bolivar arbeiteten.

Die reichen Großgrundbesitzer haben die politische Macht ausgeübt, als Spanien weggejagt worden war. Und sie haben ihre Interessen bestens verteidigt. Und es gab keine wirtschaftliche Einheit in diesem großen amerikanischen Erdteil. Die Kaffeeplantagenbesitzer Venezuelas trieben keinen Handel mit den Eigentümern mexikanischer Farmen, oder mit den argentinischen Züchtern oder den Grubeneigentümern Perus. Die Produktion jeder einzelnen Gegend war dafür vorgesehen, lediglich an die europäischen (hauptsächlich britischen) Kapitalisten verkauft zu werden. Die Grundbesitzer wurden reich, indem sie als Vermittler zwischen den Bodenschätzen Amerikas, die durch die Arbeit der Indianer und der Schwarzen hergestellt wurden, und dem europäischen Kapitalismus, der in vollem Aufschwung war, dienten. Sie brauchten dafür keinen Staat in der Größe des Kontinents. Im Gegenteil haben die Besitzenden - jeweils zu ihrem exklusiven Vorteil - ihren eigenen örtlichen Staat auf den zerbröckelten Ruinen des spanischen Reiches geschaffen.

Die neuen unabhängigen Staaten von Lateinamerika haben Bolivars Versprechungen bezüglich der Befreiung der Sklaven nicht gehalten. In Venezuela werden nur die nach 1821 geborenen Kinder von Sklaven frei sein, und auch dann erst, nachdem sie für ihre Herren bis zum Alter von 25 Jahren gearbeitet haben. Die totale Abschaffung der Sklaverei lässt noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts in den meisten lateinamerikanischen Ländern auf sich warten. Und die brasilianischen Sklaven werden erst 1888 befreit sein.

GROSSGRUNDBESITZER ABER EIN BÜRGERTUM IM ANFANGSSTADIUM

Jeder Staat war von einer Klasse von Grundbesitzern beherrscht, die gar nicht an die industrielle Entwicklung ihres Landes interessiert war. Die Kapitalisten von Liverpool und London bestimmten, was in Lateinamerika hergestellt und zu welchem Preis es verkauft wurde, und was die englische Industrie als Gegenleistung lieferte. Das spanische Joch wurde durch die englische Vormundschaft um so mehr ersetzt, als die materiellen Zerstörungen und die Hunderttausenden Toten der Unabhängigkeitskämpfe die Finanzen der neuen lateinamerikanischen Staaten in die Knie gezwungen hatten. Sie wurden sehr schnell gezwungen, Kapital von englischen Banken zu leihen, die nicht nur Gewinne mit den Zinsen dieser Leihen machten, sondern auch von einer beachtenswerten Zwangsmacht profitierten, die sie ausübten, um diesen so genannten unabhängigen Nationen, eine für das britische Kapital günstige Außen- und Wirtschaftspolitik aufzuzwingen. Der grausame Mechanismus der Verschuldung, in dem Lateinamerika noch heute gefangen ist, begann in diesem Teil der Welt sehr früh.

Die Latifundien, diese riesengroßen von einer einzelnen Person oder von einer ausländischen Gesellschaft besetzten Gebiete, waren die Basis der Wirtschaft. Die Eigentümer übten tatsächlich ein Recht über Leben und Tod der Bauern aus, die für sie arbeiteten. Sie hielten sie in einer Quasi-Sklaverei. Die Landarbeiter waren, durch die persönliche Verschuldung, durch den gezwungenen Kauf im Geschäft des Eigentümers und durch allerlei Zwänge, an das Land ebenso sicher gekettet wie die Leibeigenen des Mittelalters. Der Analphabetismus, die Isolierung, und der große Anteil -unter diesen Verdammten der Erde- von Indianern, die nicht oder schlecht Spanisch sprachen, fügten zur Zerstückelung dieser äußerst armen und unterdrückten ländlichen Klasse hinzu. Das Großeigentum war oft eine geschlossene Welt, innerhalb deren man versuchte, die Arbeitenden noch mehr vom Rest des Landes abzuschneiden, um sie daran zu hindern, zu fliehen oder zu revoltieren.

In Amerika sind die großen Landgüter keine Überreste des Feudalismus. Denn es gab niemals einen Feudalismus auf dieser Seite des Atlantischen Ozeans. Die von den Europäern vorgeschriebenen sozialen und Eigentumsformen entsprechen der kapitalistischen Entwicklung der Wirtschaft. Viele dieser großen Haziendas wurden gebildet, um die notwendige Nahrung für die Menschen in den Plantagengegenden und in den Bergbauzonen herzustellen. Andere sind entstanden, weil die Händler die europäischen Märkte mit exotischen Produkten wie Zucker und später Kaffee und Kakao zu versorgen hatten. Diese rückständige Wirtschaft, die, bis heute, Millionen Bauern an die Ländereien von Großgrundbesitzern fesselt, ist ein Produkt des Kapitalismus, der sich damals weltweit entwickelte.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde Lateinamerika ein Investitionsgebiet für die immer größer gewordenen Kapitalien der reichen Bürgertümer Westeuropas oder der Vereinigten Staaten. Aber dieses Kapital, auch Vermittler der imperialistischen Herrschaft, diente hauptsächlich dazu, Bergwerke und Haziendas zu kaufen, selten um die Industrie zu entwickeln. Das örtliche Bürgertum existierte nur im Anfangsstadium. Das ausländische Kapital hat zum Beispiel die Eisenbahn entwickelt, aber nur sofern, als sie nützlich war, um die Rohstoffquellen mit den Häfen für die Ausfuhr nach England, Deutschland, Frankreich oder den USA zu verbinden.

EINE BAUERNREVOLUTION FÜR "LAND UND FREIHEIT" IN MEXIKO

In Mexiko wurden diese wirtschaftlichen und sozialen Strukturen zum ersten Male durch eine sehr breite Bauernrevolution stark in Frage gestellt. 1910 hatte ein junger Politiker namens Madero zum Aufstand aufgerufen, um den alten Diktator Diaz, an der Macht seit fünfunddreißig Jahren, zu verjagen. Madero gehörte zu einer sehr reichen Familie des Nordens des Landes. Er vertrat die Besitzenden, Bürger und Grundbesitzer, die von der zu langen Diktatur von Diaz und seinen Anhängern genug hatten. Es hätte nur einer dieser in Lateinamerika so häufigen Gewaltstreiche sein können, mit dessen Hilfe die Besitzenden einen verbrauchten Diktator durch einen anderen, einen neueren, ersetzen, während sie die Sozialstrukturen so wenig wie möglich ändern.

Aber Madero hat bei den mexikanischen Bauern eine Hoffnung erweckt, die in vielem das übertraf, was er wirklich zu tun bereit war. Sie haben seine Versprechungen ernst genommen, nämlich die Ländereien den ungerecht bestohlenen Bauern zurückzugeben.

Im Norden des Landes griff der ehemalige Herdenwächter Pancho Villa zu den Waffen und schlug an der Spitze von Bauernheeren Ende 1910 die Armee in die Flucht. Im Süden, im Staat Morelos, wo sich auf einem Viertel der Ländereien etwa vierzig Zucker herstellten Haziendas befanden, stellte sich Emiliano Zapata, ein Bauer, der ein wenig Land besaß (aber nicht genug, um davon zu leben), an die Spitze der rebellierenden Bauern. Zwei Monate nach dem Beginn der Kämpfe hatten sich 4.000 Menschen Zapatas Armee angeschlossen und die Truppen von Diaz flohen vor den bewaffneten Bauern weg. In Morelos fing sogleich die Aufteilung der Ländereien der Haziendas an.

Da er die aufsteigende Revolution nicht aufhalten konnte, floh Diaz im Mai 1911. Madero wollte die Bauern von Morelos sofort entwaffnen und versuchte Zapata davon zu überzeugen, dass die Revolution beendet war. Gleichzeitig organisierte sich die Armee um und sie begann eine Offensive gegen die südliche Bauernarmee. Zapata wollte aber die Bauern nicht entwaffnen und die schon verteilten Ländereien zurückgeben. Die Armee wurde noch einmal von Morelos Ende 1911 gejagt, und Zapata brach politisch mit Madero ab, indem er ein im Slogan "Erde und Freiheit" zusammengefasstes politisches Programm der Agrarrevolution veröffentlichte. Im Gegensatz zu allen von oben organisierten Bodenreformen sah es die sofortige Aufteilung der Ländereien der Haziendas vor, und notfalls ihre Verteidigung, die Waffen in der Hand. Anfang 1912 begannen die Bauern von drei anderen südlichen Staaten Mexikos, dieses Programm ihrerseits anzuwenden.

Wenn auch ein Teil der Grundbesitzer Madero ermuntert hatte, Diaz zu stürzen, sie wollten keine Bauernrevolution, durch die ihre Ländereien beschlagnahmt wurden. Ihrerseits hatte die schwache mexikanische Bourgeoisie die Idee von Madero gern gesehen, die ausländischen Gesellschaften anzugreifen, die das Land plünderten und die Entwicklung ihrer eigenen Geschäfte hinderten. Aber die Besitzenden hielten jetzt Madero für unfähig, die Bauernbewegung einzudämmen. Im Februar 1913 organisierte der General Huerta einen Militärputsch und ermordete Madero mithilfe des Botschafters der USA.

Die Machtergreifung dieses Generales hatte jedoch das Problem der mexikanischen Großgrundbesitzer nicht gelöst. Weil die Bauern überall im Land wohl davon ausgingen, dass nur ihre eigene Entschlossenheit ihnen erlauben würde, Besitz vom Boden zu ergreifen, den sie begehrten. Und die Revolution (weit entfernt davon, beendet zu sein) wurde wieder in Gang gebracht.

Pancho Villa, der aus seiner Gefangenschaft floh, begann noch einmal einen Feldzug. 1914 war er an der Spitze der nördlichen Division, die nicht nur eine Streitkraft war, sondern durch ihren Marsch auf Mexiko-Stadt eine revolutionäre Rolle spielte. In den von der Division von Villa befreiten Gegenden wurden die Haziendas entweder zwischen den Bauern aufgeteilt oder beschlagnahmt. Das geschah mit dem Ziel, die Armee direkt oder durch das Geld aus dem Verkauf der Produktion an die USA zu versorgen. Die Eigentümer, die großen Händler, die Richter, alle diese Personen, die gewöhnt waren, die Bauern zu unterdrücken und auszusaugen, flohen vor dem Vormarsch von Villa. Im Kielwasser seiner Truppen gründete Villa, der erst ein Jahr vorher im Gefängnis hatte schreiben gelernt, Schulen.

Im August 1914 war der Druck der Bauernarmeen so groß, dass Huerta aus Mexiko-Stadt floh und den Platz an zwei Politiker des Bürgertums zurückließ : General Obregon und Carranza, ein Grundbesitzer, der sich als der Nachfolger Maderos vorstellte. Carranza vertrat alle Privilegierten, die wollten, dass die Revolution aufhört, dass das Großeigentum geachtet wird und die Bauern wie vorher wieder unterworfen arbeiteten. Obregon fühlte seinerseits, dass die Reichen Zugeständnisse machen mussten, wenn sie die revolutionäre Mobilisierung stoppen wollten. Er drang bei Carranza darauf, dass der achtstündige Arbeitstag anerkannt, ein Mindestlohn festgelegt und die Sonntagsruhe eingeführt wird. Das zog ihm die Sympathie der Arbeiterorganisationen an, die sich frei entwickeln konnten. Aber nichts wurde getan, um den Landhunger der Bauern zu befriedigen.

Nun bestanden aber die revolutionären Armeen, die Carranzas und Obregons Regierung in Mexiko-Stadt unterstützten, genau aus den unzufriedenen Bauern, die von Pancho Villa im Norden und von Zapata im Süden vertreten wurden. Der letztere hatte bereits die Aufteilung der Ländereien in den von ihm beherrschten Territorien durchgeführt. So schlossen sie sich der Rebellion gegen die Macht an. Die Leiter des Bürgertums versuchten nicht einmal, dem steigenden Strom der Bauernrevolution entgegenzustehen. Sie hatten ganz einfach keine ausreichenden Kräfte, um sich ihm gegenüberzustellen. Carranza und Obregon flohen ihrerseits aus Mexiko-Stadt und flohen in den Osten des Landes unter den Schutz der Truppen der USA, die in die Erdölzone eingedrungen waren, um die nordamerikanischen Investitionen unmittelbar zu schützen. In Wirklichkeit gelang es keiner mexikanischen Regierung, die Revolution zu verhindern.

DIE BAUERNARMEEN NEHMEN MEXIKO-STADT EIN UND ZIEHEN ANSCHLIESSEND AB

So sind Ende November 1914 Pancho Villa und seine Truppen in Mexiko-Stadt eingedrungen, gefolgt einige Tage später von Zapata und seiner Armee. Vier Jahre erbitterter Kämpfe waren nötig gewesen, damit die radikalsten Elemente der mexikanischen Revolution sich der Hauptstadt des Landes bemächtigten. Vier Jahre, während deren der Schrei nach "Erde und Freiheit" vonseiten der armen, größtenteils indianischen Bauern laut wurde. Aber, auch wenn die bewaffneten Bauern die Hauptstadt Mexikos einnahmen, so haben sie die Macht nicht wirklich in die Hand genommen. Auch ihre Führer nicht. Sie strebten lediglich danach, die Ländereien, die ihnen endlich gehörten, wiederzufinden. Sie wollten einfach, ohne der Unterdrückung der Reichen ausgesetzt zu sein, die Felder bebauen, die sie von den Hazienda-Eigentümern hart erkämpft hatten. Sonst hatten sie kein anderes politisches Programm.

Zapata und Villa besuchten den Präsidentenpalast. Sie setzten sich, ein jeder der Reihe nach auf den Präsidentenstuhl, nur "um zu sehen, was für ein Gefühl das ist". Und im Januar 1915 verließen beide Mexiko-Stadt, Zapata und seine Truppen südwärts, Villa und die seinen nordwärts. Damit wurde deutlich, wie begrenzt die Ziele dieser Bauernrevolution waren, so äußerst radikal sie auch gewesen sein mag.

Die schwache Arbeiterklasse ihrerseits, und ihre Führer haben den bewaffneten Bauern keine andere Perspektive angeboten, die in der größten Stadt des Landes kampierten. Und ein Teil der Arbeitergewerkschaften, die von zwielichtigen Anarchisten geleitet wurden, würde später sogar eine sehr traurige Rolle spielen.

Nach Mexiko-Stadt zurückgekehrt, suchten Carranza und Obregon Unterstützung bei der Bevölkerung, um der Bauernrevolution ein Ende zu setzen. Obregon machte gegenüber den Gewerkschaftsführern Zugeständnisse, indem er die Dauer des Arbeitstages beschränkte, einen Mindestlohn einfuhr und ihnen vor allem die Verwaltung der Sozialhilfe überliess, was ihnen einen wichtigen Einfluss auf die Armen der Städte bescherte. Als Gegenleistung reihte sich die Mehrheit der Gewerkschaftsleiter hinter Obregon ein, welcher, trotz der Opposition mehrerer Gewerkschaften, tausende Mitglieder der Arbeiterorganisationen in die bürgerliche Armee innerhalb so genannter "roter Bataillone" einreihte. Gestärkt von einer breiten Basis in der Bevölkerung, nahm Obregon die Offensive gegen die nördliche Division von Villa wieder, die mehrmals geschlagen wurde. Die Revolution ging im ganzen Norden des Landes zurück, je weiter die Armee von Villa sich auflöste. Pancho Villa war gezwungen, mit einer Guerillatruppe ins Gebirge zu flüchten.

Jedoch, nach diesen Erfolgen, waren Carranza und Obregon der Meinung, dass sie die Unterstützung der Gewerkschaften nicht mehr zu bezahlen brauchten. Die falsch genannten "roten" Bataillone wurden im Februar 1916 aufgelöst. In mehreren Städten wurden die radikalsten Arbeiterführer von den Streitkräften festgenommen. Ein zunehmender Aufruhr erfasste die Arbeiterklasse. Im Juli 1916, unterdrückte Obregon einen Generalstreikversuch, und setzte damit für eine ganze Zeit dem Arbeiterprotest ein Ende.

Die Revolution liess langsam im Gesamtmexiko nach. Viel härter aber war der Widerstand der Bauern in Morelos, in der Provinz, in der Zapata seit 1912 die Einführung des Bauerneigentums möglich machte, und die einen Status der Quasi-Autonomie genoss. Die Regierungstruppen brauchten nach 1916 noch drei Jahre, um mit Zapata und seinen Anhängern fertig zu werden. Der Bürgerkrieg war in Morelos besonders verheerend. In den Städten und in den Dörfern, die in die Hände der Soldaten von Carranza fielen, war die Repression äußerst brutal. Plünderung, Diebstähle, Gemetzel, Vergewaltigungen, Vertreibung der Bevölkerung, sämtliche Mittel der Gegenrevolution wurden gegen die Bauern angewendet, deren einziges Verbrechen darin bestand, ein Stück Land haben zu wollen, das sie eigenständig bebauen konnten.

ALS ZAPATA AN LENIN SCHRIEB

Die Ermordung Zapatas während eines Hinterhaltes im April 1919 hat das Ende der mexikanischen Revolution bezeichnet. Pancho Villa legte die Waffen nieder, was aber nicht verhindern konnte, dass auch er 1923 ermordet wurde. Und die darauf folgenden Jahre sahen die Rückkehr der Grundbesitzer, die den Bauern die besten Ländereien zurücknahmen. Die mexikanische Wirtschaft wurde erneut zur Beute der nordamerikanischen Unternehmen, die an Rohstoffen und vor allem an Erdöl interessiert waren.

Aber diese Bauernrevolution, die in demselben Moment endete, als Europa durch die revolutionäre Krise, die der Erste Weltkrieg mit sich brachte, erschüttert wurde, hätte in der Infragestellung der gesamten kapitalistischen Weltordnung auch seinen Platz finden können.

Zwei Monate vor seiner Ermordung schrieb Zapata an Lenin aber es ist nicht sicher, ob dieser den Brief jemals erhalten hat: "Wir gewännen viel, und die Menschheit und die Gerechtigkeit gewännen viel, wenn alle Völker Amerikas und alle Nationen des alten Europas verstünden, dass die Sache des revolutionären Mexikos und die Sache Russlands, die Sache der gesamten Menschheit ist, das höchste Interesse aller unterdrückten Völker. (...) Hier wie dort gibt es unmenschliche, ehrgeizige und grausame Großherren, die von Generation zu Generation große Massen von Bauern ausgebeutet haben bis hin zur Folter. Und hier wie dort beginnen die unterdrückten Menschen, die Menschen, deren Bewusstsein man eingeschläfert hat, aufzuwachen, sich aufzurappeln, sich zu bewegen, sich zu rächen. (...) Deshalb muss man sich nicht wundern, dass das Weltproletariat der russischen Revolution auf die gleiche Weise Beifall spendet und sie bewundert, wie es seine Unterstützung, seine Sympathie und seinen Rückhalt dieser mexikanischen Revolution geben wird, sobald es sich über ihre Ziele wirklich im Klaren sein wird".

Natürlich hat der Anschluss der Sozialdemokratie an die kapitalistische Ordnung, und auch die stalinistische Entartung dazu geführt, dass in allen sozialen Bewegungen, die dann Lateinamerika erschüttert haben, die proletarische Revolution als Perspektive von den kämpfenden Massen nicht mehr bis zum heutigen Tag vertreten wurde. Und das ist es, wie wir es sehen werden, was ihnen wirklich fehlte. Und das wäre dennoch das Einzige, was für die Zukunft von wirklicher Bedeutung wäre.

DAS MEXIKO VON CARDENAS

Nach Zapata und Villa blieb jedoch Mexiko durch die Revolution sehr stark geprägt, die das Land so tief erschüttert hatte. Und das wurde während der großen Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre besonders deutlich. Der Volksaufruhr begann wieder. Der General Lazaro Cardenas, der das Land vom 1934 bis 1940 führte, beschloss damals die Bauern und die Arbeiter in einem gewissen Maße zu befriedigen. Er stützte sich auf die Verfassung von 1917 und verwirklichte eine an Obregon angelehnte Politik. Sein Ziel bestand darin, sich die Unterstützung der Armen zu holen, im Rahmen einer Politik nationaler Unabhängigkeit gegenüber den USA und ihren Konzernen, die das Land erwürgten.

Cardenas führte eine Bodenreform ein. Die Ländereien waren öfter der Kirche -die zum Gehorsam gebracht wurde- weggenommen, als den Privateigentümern und den Unternehmen, die die Haziendas für den Export ausbeuteten. Außerdem waren die den Dörfern zugewiesenen Ländereien meistens nicht bewässert.

Trotz aller dieser Einschränkungen wurden unter dem Vorsitz von Cardenas mehr Ländereien den Bauern zugewiesen als unter allen seinen Vorgängern seit 1917.

Cardenas suchte auch die Unterstützung der Arbeitergewerkschaften und er gab das Gewerkschaftsmonopol den Führern, die ihn unterstützten. Ein Gewerkschafter wurde Minister. Die Gewerkschaften wurden, zusammen mit den Bauernorganisationen, zu einer Basis des Regimes unter der Bedingung, dass sie die Aufsicht der Partei von Cardenas, der Partei der Mexikanischen Revolution, akzeptierten. Und eben diese Stütze verhalf Cardenas 1938 dazu, die Ölindustrie zu verstaatlichen.

Selbstverständlich haben die amerikanische und englische Bourgeoisie protestiert und von Diebstahl gesprochen, gerade sie, die dem mexikanischen Volk alle seine Bodenschätze gestohlen hatten. Mexiko wurde dann einem Erdölboykott unterworfen, den Cardenas aber umging, indem er das mexikanische Erdöl an Deutschland und an Italien verkaufte. Anstatt sich dem Willen von Washington und von London zu fügen, verstaatlichte er ebenfalls die Eisenbahnen. Dank der Unterstützung des Volks, von der es profitierte, hat das Cardenas-Regime dem Imperialismus widerstehen können.

Die Krise zwischen Mexiko und den USA hat sich im Verlauf des Aufmarschs zum Zweiten Weltkrieg verringert. Cardenas hat die ausländischen Erdölgesellschaften entschädigt. Sein Nachfolger hat Washington unterstützt und den Krieg gegen Deutschland erklärt. Dafür konnte Mexiko seine Industrie, gewissermaßen als Ergänzung der Kriegswirtschaft der USA entwickeln.

Heutzutage ist die mexikanische Industrie noch grundlegend in der Funktion als Zulieferer im Dienste der großen amerikanischen Unternehmen gekennzeichnet. Im Verlauf der achtziger und neunziger Jahre haben sich nur die \\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\"Maquiladoras\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\\" entwickelt, jene Betriebe, die Einzelteile zusammensetzen, damit die Industrie der USA von den Freizonen und der billigen mexikanischen Arbeitskraft profitieren kann. Jedoch ist für die mexikanische Wirtschaft der Vorteil einer geographischen Nähe zu den USA keine echte Garantie. Die Maquiladoras nehmen zurzeit ab, nicht zuletzt, weil das amerikanische Kapital sie in einen Wettbewerb mit den chinesischen Fabriken hineinzieht, wo man, so wird es gesagt, die Arbeitskraft für nur dreimal billiger ausbeuten kann.

ARGENTINIEN AM ENDE DES ZWEITEN WELTKRIEGES

Jetzt werden wir einen Sprung in den Süden des Kontinents machen und uns dem widmen, was sich in Argentinien während derselben Periode, der des Zweiten Weltkrieges, ereignete.

Wie das gesamte Lateinamerika war auch Argentinien in dieser Epoche Schauplatz der Rivalität auf dem südamerikanischen Kontinent zwischen Großbritannien, einer sich schwächenden imperialistischen Macht, und den USA, deren Vorherrschaft sich befestigte. Die Gruppe der Militärs, der der Oberst Peron angehörte, die die Macht durch einen Staatsstreich 1943 ergriff, wollte ebenso den Krieg ausnützen, der beide Mächte beschäftigte, um das Land vom Einfluss sowohl der einen als auch der anderen zu befreien. Argentinien, dennoch unter Druck, war erst in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges dazu bereit, den Krieg gegen Deutschland zu erklären.

Die Wirtschaftslage war für die in der vorigen Periode durch die Krise der dreißiger Jahre empfindlich getroffene argentinische Wirtschaft, günstig. Die landwirtschaftlichen Produkte fanden erneut eine große Absatzmöglichkeit, denn die Bevölkerungen und die Truppen der Länder im Krieg mussten ernährt werden, und die Industrie konnte sich dank des Mangels an Produkten aus den USA oder England entwickeln. Der Wert der industriellen Produktion überschritt zum ersten Mal in der Geschichte des Landes den der landwirtschaftlichen.

Das Proletariat entwickelte sich, die Zahl der Arbeiter verdoppelte sich im Verlauf der vierziger Jahre und sie stellten Forderungen. Aber die durch die Kommunistische und Sozialistische Partei beeinflussten Gewerkschaften stellten sich gegen die Arbeiterkämpfe und waren gegen die Streiks, um den Beitrag Argentiniens zu den Kriegsanstrengungen der Alliierten nicht aufzuhalten. Sie plädierten für den Kriegseintritt an der Seite der USA und Großbritanniens, und reagierten besonders feindlich gegenüber jeder Forderung der Werktätigen in den Gesellschaften mit amerikanischem und britischem Kapital, d. h. in den größten Unternehmen. Ihre Beliebtheit nahm ab und Peron, der Staatssekretär für Arbeit, sah darin eine Möglichkeit, die Arbeiterklasse unmittelbar ins Schlepptau zu nehmen. Er wollte Standesgewerkschaften schaffen, d.h. die Arbeiter und die Unternehmer einesselben Wirtschaftszweiges unter der Führung des Staates vereinigen.

Peron suchte die Unterstütztung der Arbeiterklasse und erfüllte einige Forderungen der Arbeiterbewegung. Die Rentenregelung wurde auf zwei Millionen Arbeitende ausgedehnt und der bezahlte Urlaub wurde gewährleistet. Die Mieten wurden eingefroren. Den Landarbeitern wurden ein Mindestlohn und von einem Statut reglementierte Arbeitsbedingungen zuerkannt. Peron pflegte seine persönliche Beliebtheit, indem er mit Hilfe seiner Frau Eva, bekannt unter der Koseform Evita, und aus einem bescheidenen Milieu stammend, Benefizveranstaltungen zugunsten der Armen organisierte.

Um seine Politik, die nach der sozialen Gerechtigkeit zu streben vorgab, zu bezeichnen, erfand Peron einen Namen: den "Justizialismus". Aber dieser Justizialismus hatte nichts mit dem Sozialismus zu tun, wie Peron es selbst am 1. Mai 1944 verkündete: "Wir versuchen, den Klassenkampf abzuschaffen, indem wir ihn durch eine gerechte Vereinbarung zwischen Arbeitern und Unternehmern ersetzen, unter dem Schutz der Gerechtigkeit, die vom Staat ausgeht". Vor den Unternehmern erklärte er, dass "man rechtzeitig 30 % geben muss, um nicht alles sofort zu verlieren"; und vor den Offizieren der Armee: "Wenn wir die friedliche Revolution nicht machen, wird das Volk die gewaltsame Revolution machen". Peron wies seiner Politik das klare Ziel zu, die Arbeiterbewegung für sich einzuspannen, indem er sie dem Staat unterordnete, was ihm ermöglichte, mit eben dieser Basis in der Bevölkerung eine größere Unabhängigkeit von den imperialistischen Mächten zu erlangen.

Aber der Einfluss des Botschafters der USA in Buenos Aires machte sich bemerkbar. Die Vereinigten Staaten drängten die machthabenden Generäle in der Staatsmacht darauf, Peron loszuwerden und sich um eine Wiederaufnahme der guten Beziehungen mit den USA zu bemühen.

DIE VOLKSUNTERSTÜTZUNG BRINGT PERON AN DIE MACHT

Am 10. Oktober 1945 wurde Peron gezwungen, aus der Regierung zurückzutreten, und wurde in eine Festung eingesperrt. Am 15. Oktober initiierte die Gewerkschaft der Zuckerarbeiter der Provinz Tucuman einen Streik, um Peron zu unterstützen. Die Arbeiter befürchteten mit Recht, man wolle die neuen Sozialleistungen wieder abschaffen. Eva Peron, Radioansagerin, rief zur Mobilisierung aus und die mit Peron verbundenen Gewerkschaften riefen ebenso zum Streik am 18. Oktober aus. Aber schon ab dem 17. Oktober strömten im Großraum Buenos Aires zwei oder drei Hunderttausende Arbeitende in Richtung des Präsidentenpalastes. In der Hitze des Nachmittags hatten zahlreiche Arbeitenden ihr Hemd ausgezogen, was ihnen den Spitznamen "Descamisados" - die Hemdlosen - einbrachte. Dieses Begriffes bediente sich die peronistische Propaganda später, um die Unterstützung der Armen für Peron zu unterstreichen. Das Strömen der Arbeiterviertel setzte die Regierung in Panik, weshalb sie schon am Abend des 17. Oktobers Peron sofort nach Buenos Aires bringen ließ, um die Masse zu beruhigen. Peron hatte seine Machtposition innerhalb der Armee wieder gewonnen.

Er zog es von nun an, nicht mehr in Betracht, nur die zweite Geige zu spielen. Peron setzte eine neue Präsidentschaftswahl durch und führte seine Kampagne mit Hilfe des Teils der Arbeiterbewegung, die ihn dadurch unterstützte, dass sie Basiskomitees in den Wohnvierteln schuf. Ende 1945 gewährte Peron den Beschäftigten ein 13. pflichtmäβiges Monatsgehalt. Die Unternehmen weigerten sich, es zu bezahlen und organisierten eine Art "Arbeitgeberstreik". Die Regierung unterstützte ihrerseits einen Arbeiterstreik, um die Arbeitgeber dazu zu zwingen, zu bezahlen.

Die Wahlen von Februar 1946 wurden von der Armee und vom... Botschafter der USA überwacht, der gegen Peron Kampagne machte. Es waren, vielleicht auf Grund eben dieser Tatsache, die regelmäßigsten Wahlen, die das Land bislang gekannt hat. Peron gewann und wurde Staatschef: Er hatte freie Hand, um seine Politik durchzuführen. Sehr rasch übernahm er die Kontrolle über die Arbeiterbewegung, obwohl sie bisher seine Hauptunterstützerin gewesen war. Die Gewerkschafter, die sich hinter ihm stellten, waren natürlich in der neuen Peronistischen Partei willkommen, welche die Arbeiter zu organisieren versuchte, aber diejenigen, die ihre Unabhängigkeit beibehalten wollten, wurden als Feind angesehen. Aufgrund von Denunziationen von peronistischen Gewerkschaftsbürokraten wurden Aktivisten ins Gefängnis geworfen. Politische Parteien wurden verboten, mit Ausnahme der Peronistischen Partei. Die sozialen Gesetze wurden in der Verfassung verankert aber das Streikrecht daraus gestrichen.

Peron führte eine Politik der Industrialisierung des Landes ein. Dafür bemühte er sich, die Zügel der Wirtschaft in den Händen des argentinischen Staats zu konzentrieren. Er verstaatlichte die Eisenbahnen, die in der Hand von britischen Kapitalien waren. Er führte ein Monopol des Außenhandels ein, damit der Staat die Devisen erhielt, die der Verkauf argentinischer landwirtschaftlicher Produkte auf dem Weltmarkt mit sich brachte. Und verwendete dieses Kapital zur Schaffung einer Eisenhüttenindustrie, und dann einer Automobilindustrie. Aber ziemlich schnell sah sich die argentinische Wirtschaft mit der Realität einer nach dem Zweiten Weltkrieg von den USA beherrschten Welt konfrontiert. Und um Handel zu betreiben, musste man die Bedingungen der amerikanischen Konzerne annehmen.

Das Regime Perons stieß auf große Schwierigkeiten. Das erhöhte Lebensniveau der Arbeitenden, das die sozialen Gesetze einbrachten, war durch die Inflation gefährdet, obwohl die Gehälter von 1943 bis 1949 um 80 % angestiegen waren. Die günstige Zeit, in der die argentinische Wirtschaft die Länder während des Krieges und dann nach dem Kriege das verwüstete und hungrige Europa versorgt hatte, nahm ein Ende gegen 1950. Vor dem drohenden Staatsbankrott stehend, ermunterte Argentinien die USA dazu, Erdöl in Patagonien zu fördern und bat gleichzeitig um finanzielle Hilfe, unterstreichend somit seine Unterwerfung gegenüber dem Imperialismus. In diesem Zusammenhang hatte das argentinische Bürgertum gar keine Lust, der Arbeiterklasse neue Brocken zu gestatten, was für Peron dennoch notwendig gewesen wäre, um seine Beliebtheit zu bewahren.

Er wurde zwar als Präsident wieder gewählt, vollendete aber sein zweites Mandat nicht. Im Juni 1955 bombardierte die Luftwaffe den Präsidentenpalast und die davor versammelte Menge, sie machte 200 Tote aber sie scheiterte daran, die Macht zu übernehmen. Es war letztlich das Heer, der Korps unter der Führung des Obersten Perons, das ihn einige Monate später absetzen sollte. Er ging ins Exil und überließ seinen Platz einer anderen Fraktion der Armee, die eine klassischere Politik führte, wo die Interessen der argentinischen Grundbesitzer und der amerikanischen Konzerne an erster Stelle standen. Peron sollte 1973 an die Macht zurückkehren, darüber werden wir demnächst wieder sprechen. Das tat er jedoch, um seinen noch vorhandenen Einfluss auf die Arbeitenden dazu zu nutzen, sie zu betrügen und den Weg in die schlimmste Diktatur zu ebnen, die Argentinien jemals gekannt hat.

Denn die Politiker, die wie Peron sich in manchen Situationen auf eine Volksbasis stützen können, sind wirklich dazu fähig, eine völlig entgegengesetzte Politik zu machen, wenn die Interessen der Besitzenden es von ihnen fordern.

Wir werden also nach Argentinien zurückkehren. Aber machen wir zuerst einen Sprung nach Norden und wenden uns an Bolivien, das ab Anfang der vierziger Jahre eine politische Entwicklung durchmachte, die derjenigen von Argentinien sehr ähnelt.

DIE "REVOLUTIONÄRE NATIONALISTISCHE BEWEGUNG" IN BOLIVIEN

Bolivien war - und ist noch - das ärmste Land Südamerikas. In der Mitte des 20. Jahrhunderts überlebten 70 % der drei Millionen Bolivianer dank der Landwirtschaft und ein ähnlicher Anteil der Bevölkerung war analphabetisch. Das Land war sehr rückständig und die Fronarbeit existierte immer für die Indianer, die die Mehrheit der Bevölkerung bilden. Das Land besaß Bergwerke, die reich an Zinnvorkommen waren, aber sie standen unter der Kontrolle der USA, die in Texas eine Gießerei gebaut hatten, um das bolivianische Zinn zu verarbeiten. Die amerikanischen Firmen hatten die britischen Unternehmen verdrängt und sie transportierten und verarbeiteten das Zinn. Sie beherrschten dessen Markt und Preise. Bolivien konnte aus diesem Reichtum keinen Nutzen für seine eigene wirtschaftliche Entwicklung ziehen.

Die Zinngruben befanden sich in hoch gelegenen Regionen, wo man beinahe keine Landwirtschaft ausübte, und die Bergarbeiter und ihre Familien waren auf die Lebensmittel- und Warengeschäfte der Bergbaugesellschaften angewiesen, die erhöhte Preise für die Basisprodukte verlangten. Die Bergarbeiter, ungefähr 50.000 in der Zahl, bildeten eine große soziale Macht, vor allem im Hinblick auf das schwache Bürgertum in Bolivien, wo sich die ganze moderne Wirtschaft in den Händen der ausländischen Konzerne befand.

Die Revolutionäre Nationalistische Bewegung, die MNR, eine Partei, die der bolivianischen Regierung in den vierziger Jahren gehörte, versuchte, die Macht und die Kampfbereitschaft der Bergleute und deren Organisationen für sich zu nutzen. Der MNR gelang es, ein Gesetz ratifizieren zu lassen, das die Fronarbeiten auf dem Lande abschaffte. Es war ein erster Versuch, das Land zu modernisieren. Und obwohl der Gebrauch von Fronarbeit mit diesem Gesetz nicht völlig verschwunden ist, gewann die MNR an Beliebtheit bei der armen Bevölkerung des Landes. In den Bestrebungen, sich von der Abhängigkeit der USA zu lösen, widersetzte sich die bolivianische Regierung dem Druck, Deutschland den Krieg zu erklären. Im Gegenteil kämpften die stalinistischen Führer der Kommunistischen Partei für eine Allianz mit den USA. Indem sie die MNR auf diesem Gebiet angriffen, verloren die stalinistischen Aktivisten viel von ihrem Einfluss auf die Bergarbeiter. Sie überließen Lechin, dem MNR-freundlichen Leiter des Gewerkschaftsbundes der Bergarbeiter, freie Hand, der nicht geizig mit revolutionären, den amerikanischen Imperialismus geißelnden Reden war.

DER EINSATZ DER ARBEITERKLASSE

Die Regierung, an der die MNR teilnahm, wurde 1946 von der Armee gestürzt. Ihre Führer flohen ins Exil aber der Einfluss der MNR blieb, einschließlich in der Armee, wo manche Offiziere heimlich ihr beitraten. Im April 1952 trat der Chef der Polizei der Hauptstadt La Paz der MNR bei, was sofort Konflikte zwischen der Armee und der Polizei auslöste. Das, was ein eher harmloser Staatsstreichsversuch in einem Land gewesen wäre, das schon so viele andere gekannt hatte, bekam einen anderen Sinn, als die Bergarbeiter zu den Waffen griffen und in die Hauptstadt strömten, um am Kampf teilzunehmen. Der Aufstand, der 500 Tote verursachte, war erfolgreich. Die Armee zog sich zurück und der Chef der MNR, Estensorro, konnte die Macht übernehmen. Die Menge jubelte ihm zu, verlangte aber auch die Verstaatlichung der Bergwerke und eine Bodenreform. Lechin wurde zum Minister für Bergbau ernannt. Aber die Revolutionäre Nationalistische Bewegung, wenn sie auch mit der Stütze der unteren Volksschicht rechnete, wollte anderseits nichts unternehmen, was den Interessen der bolivianischen Besitzenden widersprechen konnte.

Lechin schuf die Bolivianische Arbeiterzentrale, die COB, und leitete faktisch die gesamte Arbeiterbewegung. Die COB, deren Rückgrat die Gewerkschaft der Bergarbeiter war, gab der Regierung der MNR fünf Minister und gewährleistete somit ihre Unterstützung in allen Angelegenheiten. Lechin verlangte die Verstaatlichung der Bergwerke und der Eisenbahnen, aber er wollte es nicht mit einer Mobilisierung der Arbeiterklasse erzwingen.

Die Regierung der MNR zögerte erheblich, die Bergwerke zu verstaatlichen. Und wenn sie es am Ende doch tat, geschah es mit einer Entschädigung für die Eigentümer. Das kostete den Staatshaushalt so viel wie zwei Drittel seiner Dollar-Reserven. Als Belohnung für die gewährte Unterstützung, überliess die MNR den Gewerkschaftsbürokraten der COB Verwaltungsstellen in der neu gegründeten Nationalgesellschaft des Bergbaus. Aber diese Verstaatlichung änderte leider nichts an der Lage Boliviens, das immerzu vom Verkauf seines Zinns an die USA abhing.

Die MNR zögerte noch mehr hinsichtlich der Bodenreform. Auf dem Lande sind die landlosen Bauern, ohne auf die Erlaubnis der Regierung zu warten, in die Haziendas eingedrungen und zwangen somit die Eigentümer, in die Städte zu fliehen. Die Regierung legalisierte schließlich die Situation und ein Viertel der Ackerländer ging in die Hände der Bauern. Die MNR gab ebenfalls den Frauen und den Analphabeten das Stimmrecht, d. h. vielen Bauern. Aber das Land wurde ab 1954 von einer ernsten Wirtschaftskrise erfasst. Die Besitzenden, die diese Politik des Stützens auf die Bergbauleute nicht billigten, richteten sich jetzt gegen die MNR. Die Inflationsrate stieg an, der schwarze Markt florierte, die Steuereinnahmen blieben aus und die Staatskassen waren leer.

Die nationalistische Einstellung der MNR hinderte sie nicht daran, an die USA um Hilfe zu appellieren. Diese sandten Geld und Berater, um die bolivianische Regierung bei dem Aufbau der Armee zu unterstützen. Sie sahen in den Hilfeschreien um finanzielle Unterstützung ein ausgezeichnetes Mittel, die finanzielle Kontrolle des Landes zurück zu erobern. Sie stellten Bolivien drastische Bedingungen, besonders die Reduzierung der Staatsausgaben, die Rückkehr der amerikanischen Unternehmen ins Land und das Ende der Nahrungssubventionen. Dieser letzte Punkt traf besonders die Bergarbeiter, die von den Läden der zurzeit verstaatlichten Bergwerke abhingen. Die Preise stiegen 1956 gewaltig an. Lechin, gleichzeitig Minister und Leiter der bolivianischen Arbeiterzentrale, machte alles, um die Bergarbeiter daran zu hindern, einen Streik für die Verteidigung ihrer Errungenschaften auszurufen.

Ihrerseits warf die MNR den Bergarbeitern vor, Berufsprivilegien verteidigen zu wollen und keine Opfer erbringen zu wollen, in einem Moment, wo das Land so in der Krise stand. Diese Propaganda trug dazu bei, die Bergarbeiter von den Bauern und von den anderen städtischen Volksschichten zu isolieren. In dieser Krise verloren Lechin und die COB viel an Einfluss. Lechins Versuch, Streiks der Bergarbeiter zu verhindern misslang, doch diese Streiks wurden von ihrer eigenen Gewerkschaftszentrale untergraben. Die Regierung ihrerseits sperrte die kämpfenden Gewerkschaftsleiter ein.

Nach den Wahlen von 1960, die mit einem Sieg für die MNR und Estensorro ausgingen, brach dieser mit der COB und mit Lechin. Die Bergarbeiter sahen sich mit der Armee konfrontiert, ohne dass die Politik der COB ihnen dabei geholfen hätte, gegen sie Front zu machen. Das brachte eine Demoralisierung der Aktivisten mit sich. Auf dem Lande engagierten die Eigentümer Milizen, um die Bodenreform mit Zwang abzuschaffen. Die Armee, die die MNR wiederaufgebaut hatte, vollendete den gegenrevolutionären Prozess, als sie 1964 Estensorro stürzte und eine Militärdiktatur an der Macht installierte. Zwölf Jahre, in denen die so genannten "revolutionären Nationalisten" an der Macht standen, hinterließen Bolivien ebenso abhängig von den amerikanischen Konzernen wie vorher.

Man wird bis 2006 warten müssen, um erneut einen bolivianischen Staatschef zu sehen, der sich vom Imperialismus zu distanzieren versuchte. Wir werden darauf später zurückkommen.

DAS BRASILIEN VON GETULIO VARGAS

Brasilien, das größte und bevölkerungsreichste Land Lateinamerikas war auch während derselben Periode um den Zweiten Weltkrieg der Schauplatz eines Versuches, die Ketten des amerikanischen und britischen Imperialismus im eigenen Lande zu brechen. Das geschah unter der Führung von Getulio Vargas, einem ehemaligen Offizier, der 1930 infolge eines Staatsstreiches zur Macht gelangt war. Fünfzehn Jahre lang übte er seine Diktatur aus und steuerte für eine gewisse Zeit eine Annäherungspolitik mit Deutschland an. Jedoch als sich weder das ausländische noch das brasilianische Kapital sich bei der industriellen Entwicklung des Landes einsetzte, investierte der brasilianische Staat direkt in die Metallindustrie und in den Bau von Wasserkraftwerken.

Die Diktatur Vargas verlor deutlich an Schwung gegen Ende des Krieges. Vargas wurde durch einen Militärstaatsstreich 1945 abgesetzt, kam aber 1951 wieder zur Macht, diesmal dank freier Wahlen. Er setzte das Eingreifen des Staates in der Wirtschaft wieder in Gang, und gründete insbesondere eine staatliche Erdölgesellschaft. Vargas suchte weiterhin die Unterstützung der Arbeiterbewegung bei seinem Kräftemessen mit den USA. Andererseits befürchtete er, durch Arbeiterkämpfe überrascht zu werden. 1953 brach ein Streik von 300.000 Arbeitern in São Paulo los, der sehr deutlich die Entwicklung der Industrie und der Arbeiterklasse in dieser Stadt widerspiegelte. Er wurde von einem anderen Streik gefolgt, der 100.000 Dockarbeiter im ganzen Land mobilisierte. Vargas verdoppelte den Mindestlohn aber es gelang ihm nicht, den Volksaufstand aufzuhalten. Dem brasilianischen Bürgertum gefiel das nicht und die Armee bewegte sich schon hinter den Kulissen. Angesichts einer unmittelbar drohenden Krise entschied Vargas zurückzutreten, indem er sich 1954 umbrachte.

Die Aufregung beim Volke war bei der Nachricht seines Todes so groβ, dass die Militärs, denen man vorwarf, Vargas in den Selbstmord getrieben zu haben, auf den Staatsstreich, den sie vorbereiteten, verzichteten. Das Regime Vargas ging nun ohne ihn weiter. Die Multis wurden eingeladen, ins Land zu investieren, was die europäischen Automobilunternehmen sofort taten. Die Arbeiterkämpfe entfachten sich erneut Anfang der sechziger Jahre, während sich die landlosen Bauern überall auf dem Lande mobilisierten. Vor dieser Situation brachte 1964 der damalige brasilianische Präsident Goulart eine Bodenreform in Gang und verstaatlichte die Erdölraffinerien. Zwei Wochen später fand ein von den USA angestifteter und unterstützter Staatsstreich statt. Goulart wollte auf gar keinen Fall sich auf die Arbeitenden stützen, um den Generälen entgegenzutreten Er widersetzte sich nicht. Die Armee gründete eine Militärdiktatur, die zwanzig Jahre dauern sollte und Brasilien zu der zuverlässigsten Stütze der USA in Lateinamerika machen sollte.

Das Beispiel von Vargas und auch von Goulart ist bezeichnend für diese Art von bürgerlichen Politikern, die für eine Zeit die Unterstützung des Volkes suchen können, die aber in dem entscheidenden Moment einer Intervention der Armee, sich zurückziehen... oder sich umbringen, und die ohnehin die hilflosen Massen unbewaffnet gegenüber der Repression alleine lassen.

Das Jahr 1954, das Jahr des Selbstmords von Vargas, war auch durch die direkte militärische Intervention der USA in Guatemala gekennzeichnet. Stellen Sie sich das mal vor: Der Präsident Guatemalas, Arbenz, hatte tatsächlich gewagt, eine Bodenreform vom Parlament ratifizieren zu lassen, die ausschließlich brachliegende Teile der Ländereien von Großgrundbesitzern betraf. Aber für den amerikanischen Konzern United Fruit Company war das unannehmbar. Die von den USA ausgebildeten und von amerikanischen Flugzeugen unterstützten Söldnertruppen jagten Arbenz weg, der zurücktrat und in Mexiko Exil suchte.

DIE ENTWICKLUNG DER GUERILLABEWEGUNGEN

In den sechziger Jahren sollte ein anderer Typ von Protest gegen die Herrschaft der USA über die lateinamerikanische Wirtschaft ans Licht kommen. Wir werden hier nicht auf die Karibik und im Besonderen nicht auf die kubanische Revolution ausführlich eingehen, da ein Leo Trotzki-Kreis diesem Thema schon gewidmet hat. Jedoch hat die 1959 siegreiche kubanische Guerilla, weil sie durch einen Aufstand der Bauern mitgetragen wurde, und die Konfrontation mit den USA, denen Castro sich nie unterwarf, ein beachtenswertes Echo in ganz Lateinamerika gehabt. In den sechziger Jahren erfreute sich der Castrismus im Lande einer riesengroßen Beliebtheit. Castro wurde der geistige Führer einer Generation von Kämpfern, die sich in Guerillatätigkeiten engagiert haben.

Sie kamen aus unterschiedlichen Richtungen: aus kommunistischen Parteien, Arbeiter- oder Studentenorganisationen, aus linken, katholischen Bewegungen... Die Vielfalt der Meinungen hemmte ein Zusammenkommen dieser Kräfte nicht, weil der Radikalismus ihrer bewaffneten Handlung oftmals als Ersatz für ein politisches Programm diente. Die uruguayischen Guerillakämpfer, die Tupamaros, schrieben klar, dass "uns die Wörter teilen, die Handlung aber uns vereinigt". Das Elend der Städte und des Landes, die raue Unterdrückung vonseiten der Diktaturen dienten dazu, Mitglieder zu finden, vor allem bei den Jugendlichen. Aber ein Großteil der Guerillas hat eine nur sehr kleine Minderheit rekrutieren können. Einige Dutzende von Menschen gingen in die Sierra und bemühten sich darum, von dort aus die Armee anzugreifen. Das war die Theorie der "Focos", der revolutionären Herde, die in den zurückgelegenen Zonen brennen sollten. Damals entfernten sich die Guerillakämpfer von der Bevölkerung Lateinamerikas, zur gleichen Zeit, als sie mehrheitlich städtisch wurde.

Das beste Beispiel der Sackgasse dieser Politik bestand zweifellos in dem Versuch Che Guevaras, 1967 im bolivianischen Dschungel, eine Guerilla zu entwickeln, in der Hoffnung, der Militärdiktatur mit den gleichen Methoden entgegenzutreten, die zehn Jahre zuvor in Kuba Erfolg gehabt hatten. Und das, weil sie dort vor Ort einem Bauernaufstand begegnet war. An der Spitze einer Truppe von einigen Dutzenden Kämpfern richtete Guevara einen Appell an die bolivianischen Bergarbeiter, die eine beeindruckende Widerstandstradition hatten. Er wandte sich an sie mit Worten, die die Mentalität dieser Aktivisten gut wiedergaben: "Genossen Bergarbeiter, hört nicht weiter auf die falschen Apostel des Massenkampfes, die diesen wie einen kompakten und frontalen Marsch des Volkes, gegen die Waffen der Repression interpretieren. (...) Der Massenkampf in den unterentwickelten Ländern (...) soll von einem kleinen beweglichen Vorhut geführt werden." Die Proklamierung endete mit "Genossen Bergarbeiter, die Guerillas (...) warten auf dich mit ausgebreiteten Armen." Nun, zur selben Zeit traten die Bergarbeiter der bolivianischen Armee bei jedem Streik aufs Heftigste entgegen aber das war nicht das Problem von Guevara. Und erst nach seinem Tod und dem seiner Leute, im Oktober 1967 im Gebirge, haben viele bolivianische Bergarbeiter von ihrer Anwesenheit in Bolivien überhaupt erfahren.

Die Mehrheit der Guerillagruppen ist umgekommen, von den Bauern und den Arbeitern isoliert, in einer ungleichen Konfrontation mit zahlreicheren Repressionskräften, die besser bewaffnet und zentralisierter waren. Im gesamten Lateinamerika sind Tausende Jugendlichen, die über das Elend und die Unterdrückung empört waren, der Repression zum Opfer gefallen, aber auch der Politik, die sie in eine aussichtslose Lage gebracht hatte.

In manchen Ländern hat die Guerilla für längere Zeit Wurzeln schlagen können, ohne jedoch die Diktaturen umstürzen zu können. Die Kontrolle von ganzen Zonen während Jahrzehnte hat eine Umwandlung der Guerillaorganisationen in kleine Staatsapparate mit sich geführt, die ihre Präsenz und ihren Willen den Bauern aufzwingen, in Verhältnissen, die alles andere als demokratisch sind. Insbesondere in Peru und in Kolumbien finanzieren sich heutzutage die Guerillakämpfer mit dem Drogenhandel und sie zögern nicht die Gewerkschaftsaktivisten zu ermorden, die ihnen missfallen.

NIKARAGUA: VOM SANDINISTISCHEN AUFSTAND BIS ZUR NEUEN PRÄSIDENTSCHAFT VON ORTEGA

Nikaragua ist das einzige Land, in dem es einer Guerillabewegung gelungen ist, am Beispiel Kubas eine Diktatur zu stürzen. Fast 15 Jahre lang haben in diesem kleinen mittelamerikanischen Land die Sandinisten einen bitteren Kampf gegen die schändliche Diktatur des Somoza-Clans geführt. Der Sieg kam 1979 dank des Zusammenspiels von auf Volksmobilisierung basierenden Guerillaaktionen und einer Allianz mit den bürgerlichen Kräften, die sich gegen die Sippe Somozas stellten. Nach einem Bürgerkrieg, der 50.000 Tote kostete, kam eine Regierung an die Macht, welcher sandinistische Leiter und Vertreter der klassischen bürgerlichen Kräfte angehörten. Die nikaraguanische Regierung bestand, neben sandinistischen Ministern wie Daniel Ortega, aus der Leiterin der bürgerlichen Opposition gegen Somoza, dem Ex-Leiter der Unternehmerschaft, dem Ex-Präsidenten der Handelskammer, vier Priestern, einem ehemaligen Oberst, der Innenminister wurde, und einem Großgrundbesitzer der Christdemokratie als Minister für die Landwirtschaft.

Die Methoden der Sandinisten, um an die Macht zu kommen, waren radikal gewesen. Sie hatten einen entschlossenen bewaffneten Kampf geführt, um Somoza zu stürzen. Aber der Hintergrund ihrer Politik war derselbe wie der aller ihnen in Lateinamerika vorangegangen Regimes, die davon träumten, ihr Land von der Vorherrschaft der USA zu befreien. Die Sandinisten sahen sich mit den gleichen Widersprüchen ihrer Vorgänger konfrontiert, nämlich, das Land zu modernisieren und die Entwicklung der Volkswirtschaft voran zu treiben, ohne die Macht des Bürgertums in Frage zu stellen. Ortegas Politik hat den Arbeitern und den Bauern viel Geduld abverlangt, indem er die Last des Wiederaufbaus des Landes auf ihre Schultern legte. Die Regierung hat lediglich die Banken und die Güter der Somoza-Familie verstaatlicht, um das nikaraguanische Bürgertum nicht zu benachteiligen. Erst nach zwei Jahren wurde eine ziemlich beschränkte Bodenreform eingeführt, gleichzeitig aber das Streikrecht eingestellt. Unter diesen Umständen begann die Unterstützung des Volkes für das sandinistische Regime zu zerbröckeln.

Die Mäßigung, die die Sandinisten an den Tag legten, hat dennoch die Vertreter des Bürgertums in der Regierung nicht daran gehindert, sie zu verlassen. Umso mehr, als die USA mit ihrem Finanz- und militärischen Mitteln eine Gegenguerilla - die "Contra" (vom spanischen contrarevolucionario - Konterrevolutionär) - zustande brachten, die von den ehemaligen Schergen Somozas betreut wurde. Was die USA so sehr störte, war nicht die Politik der Sandinisten, die grundsätzlich das Privateigentum respektierte, auch dasjenige der amerikanischen Unternehmen. Es war vielmehr die Tatsache, dass die Sandinisten an die Macht gekommen waren, durch den Sturz Somozas, des Mannes, den die USA sich als Nikaraguas Regierenden ausgesucht hatten. Denn das konnte - obwohl vonseiten der Sandinisten völlig unbeabsichtigt - als Beispiel dienen für andere Länder der Region, die sich auch mit Diktaturen konfrontiert sahen, die im Dienst des amerikanischen Imperialismus standen.

Anfang der achtziger Jahre war Nikaragua nämlich nicht das einzige Land, in dem Kämpfe gegen diese Art von Diktaturen herrschten. Aber die Leiter der Guerilla sahen nicht über ihren nationalistischen Horizont hinaus. Nicht die Völker selbst hatten Mittelamerika in sieben Ländern aufgeteilt, deren Grenzen die geographische Verbreitung der indianischen Bevölkerungen und ihre kulturelle Einheit überhaupt nicht berücksichtigen. Aber obwohl eine Guerilla im angrenzenden El Salvador, mit 30.000 Todesopfern, einer von den USA gestützten Diktatur trotzte und zur gleichen Zeit das Regime Ortegas in Nikaragua einer von der CIA angezettelten Quälerei der \\\\\\\"Contras\\\\\\\" widerstand, blieben diese zwei Kämpfe voneinander getrennt. Jede war durch den Nationalismus ihrer Guerillaführer isoliert.

Im Verlauf der achtziger Jahre hat Nikaragua diesen von den USA aufgebürdeten Krieg teuer bezahlen müssen. 1990 haben die Sandinisten, von den traditionellen Vertretern des Bürgertums verlassen, die sie mit ins Boot der Macht genommen hatten, die Macht nach Wahlen zugunsten jenen verloren. Die sandinistische Bewegung hat sich dann in eine klassische politische Kraft verwandelt, die eine Guerilla rechtfertigende Theorie weit hinter sich zurückließ. Die Wiederkehr Daniel Ortegas an die Macht, der gerade die Präsidentschaftswahl in Nikaragua gewann, hat nur noch sehr wenig damit zu tun, was die Sandinisten 1979 für das Land darstellten.

Diese Bewegung hatte dennoch viele Hoffnungen geweckt, nicht nur unter den europäischen linken Intellektuellen, die darin die sozialistische Revolution im Aufbruch sahen - was völlig bedeutungslos ist! - aber auch unter den armen Bauern Nikaraguas. Sie hatte viel Hingabe und Selbstaufopferung von der nikaraguanischen Jugend verlangt. Das alles sollte aber zu nichts führen.

Diese Vergeudung ist auch der Preis, den wir dafür bezahlen, dass der Stalinismus seit drei Vierteljahrhunderten die Stimme des Kommunismus, des weltweiten proletarischen Internationalismus erstickt, die einzige Stimme, die all denjenigen eine andere Perspektive hätte öffnen können, die sich über diese Regimes empörten, in denen der Imperialismus das Gesetz diktierte.

CHILE, VON ALLENDE BIS PINOCHET

Einen klassischeren Weg als den der Guerilla hatte der Sozialist Salvador Allende in Chile ab 1970 beschritten, in seinem Versuch, das Land zu modernisieren. Mit der Unterstützung der Christdemokratie zum Präsident gewählt, hat Allende die Kupfergruben verstaatlicht - man sagte dazu auch: "chilenisiert" -, welche 80 % der chilenischen Exporte darstellte und die bis dahin in den Händen der amerikanischen Konzerne waren. Ihm ging es hauptsächlich darum, dem chilenischen Staat einen größeren Anteil an dem Gewinn aus den Bergbautätigkeiten zu gewähren.

Die Unterstützung der Volksmassen für die Politik Allendes war keineswegs nur passiv. Die Arbeiterklasse mobilisierte sich. Sie hätte für das Regime den besten Anker gegen alle in Vorbereitung stehenden Putschversuche sein können. Aber als guter Diener der bürgerlichen Ordnung befürchtete Allende diese Arbeitermobilisierung mehr als den militärischen Putsch selbst. Allende hat nicht nur die Arbeiter gegen den Militärputsch - der mit Hilfe der CIA geplant wurde - nicht vorbereitet, aber er hat auch alles getan, um sie zu lähmen, indem er die Marinenrekruten ins Gefängnis werfen ließ, die ihre verschwörenden Offiziere anzeigten.

Die Gefahr war dennoch offensichtlich. Im Juni 1973 hat es schon ein erster Versuch eines Militärputsches in Santiago, der Hauptstadt des Landes, gegeben. Dabei waren von allen Volksvierteln die Arbeitenden in die Innenstadt gezogen und gegenüber dieser Mobilisierung waren die Militärs gezwungen worden, in ihre Kasernen zurückzukehren. Die einzige Entscheidung, die Allende infolgedessen traf, bestand darin, den Armeechef, den General Pinochet, mit in seine Regierung zu holen.

Am 11. September 1973 schickte der gleiche Pinochet seine Streitkräfte zum Ansturm gegen die Regierung und die Arbeiterklasse. Um die Wiederholung der Ereignisse von Juni zu vermeiden, überzog er die Arbeiterviertel mit einem schweren Bombardement. Allende bemühte sich anfangs, den Staatsstreich zu verkleinern und empfahl den Werktätigen, Ruhe zu bewahren, während sein eigener Regierungspalast bombardiert wurde. Schließlich zog er es vor, sich das Leben zu nehmen, statt die Arbeitenden zum Widerstand aufzurufen, wobei er sie den Henkern lieferte. Die von Pinochet geführte Repression hat Tausende Tote, Vermisste, Verbannte, Eingesperrte, Hunderttausende entlassene Arbeiter verursacht. Die chilenische Arbeiterbewegung, die eine der ältesten und am besten organisierten in Lateinamerika war, hat einen sehr schweren Rückschlag erlitten, dessen Folgen noch heute auf sie lasten.

Unter Pinochet hat der chilenische Staat erneut den Status eines Vasallen der USA völlig übernommen und je nach dem Rhythmus der Privatisierungen seine bedeutende Rolle in der Weltwirtschaft eingebüßt.

Aber in Lateinamerika, wo die Volksmassen schon so viele Kämpfe geliefert haben, hat die chilenische Tragödie andere Völker nicht daran gehindert, sich zu neuen Kämpfen aufzurichten.

IN ARGENTINIEN: VON DER RÜCKKEHR PERONS BIS ZUR MILITÄRDIKTATUR

Fünfzehn Jahre nach Perons Sturz erschütterte 1969 ein Volksaufstand der Autoarbeiter gemeinsam mit Studenten, die argentinische Industriestadt Cordoba. Das war der Beginn einer zunehmenden Arbeitermobilisierung. Um der Situation in den Griff zu kriegen, musste das Bürgertum, den alten General Peron um Hilfe bieten, der dann, von der Verbannung zurückgerufen, mit großem Triumph zum Präsidenten wieder gewählt wurde. Peron ging es aber diesmal nicht darum, auf Arbeiterforderungen einzugehen, welcher Art auch immer sie waren. Er nutzte sein dreißig Jahre zuvor erarbeitetes Image als Fürsprecher der Armen, um die Arbeiter und die streikenden Studenten zum Gehorsam zu bringen. Von seiner Rückkehr aus der Verbannung bis zu seinem Tod ein Jahr später hat Peron die Vorbedingungen geschaffen, die der Armee erlaubte, 1976 die Macht direkt zu übernehmen.

Eine Repressionsperiode in großem Maβe gegen alle argentinischen Aktivisten, die so viele Hoffnungen auf den Peronismus gesetzt hatten, war die Folge dieses Staatsstreiches. 30.000 Opfer (junge Intellektuelle aber auch Tausende Arbeiteraktivisten) sind während dieser sieben Jahre Diktatur verschwunden.

Erinnern wir nebenbei daran, dass die argentinische Armee, ebenso wie die chilenische und auch die brasilianische an der Macht seit 1964, von der französischen Armee in den Techniken der Repression mit Fortbildungskursen ausgestattet wurden. Frankreich schickte dorthin Offiziere mit ihren in Algerien erworbenen Erfahrungen, vor allem in den Praktiken der Folter. Der blutrünstige Aussaresses (General der französischen Armee, Hauptverwantwortlicher der Benutzung der Folter während des Algerienkrieges) ist in den siebziger Jahren in solch eine Mission nach Brasilien gesandt worden, gerade in einer Zeit, in der die Diktaturen Südamerikas sich verbündeten, um die jeweils bei ihnen aus den angrenzenden Ländern untergetauchten Opponenten zu ermorden, was sie den "Kondor-Plan" nannten.

Aber man muss den USA das zuschreiben, was ihnen zusteht: Die Hauptrolle bei der Unterstützung der Militärdiktaturen, die oft sehr schwer auf den Schultern der unteren Volksschichten Lateinamerikas lasteten. Die CIA und die amerikanische Armee haben zehn Tausende lateinamerikanische Offiziere in den Methoden der Repression, der Gegenguerilla, der Jagd nach jedem, der annähernd einem Kommunisten ähnlich sah, eingeweiht. Diese Offiziere gehörten später oft zu den Kadern von USA-freundlichen Diktaturen. Die USA besitzen sogar eine dafür spezialisierte Kadettenanstalt, die so genannte "Schule der Amerikas", die bis in den achtziger Jahren in Panama, in der unmittelbar unter ihrer Verwaltung stehenden Kanalzone, angesiedelt war.

Die argentinische Diktatur, die abgenutzt und von der großen Mehrheit der Bevölkerung gehasst war, hat nach dem Abenteuer des Falklandinseln-Krieges 1983 den Platz für ein parlamentarisches Regime frei machen müssen. Aber das hat keineswegs die Verarmung der arbeitenden Bevölkerung in Argentinien aufgehalten. Im Verlauf der neunziger Jahre hat die massive Privatisierung aller Staatsbetriebe (mit 300.000 Entlassungen als Preis dafür), die - Ironie der Geschichte - von einem sich auf Perons Erbe berufenden Politiker durchgeführt wurde, 50 Milliarden Dollar Devisen eingebracht, die in die Geldschränke der ausländischen Banken landeten. Die Pensionen wurden gesenkt, die Gehälter der Beamten auch, und in den von Buenos Aires weit entfernten Provinzen sogar überhaupt nicht gezahlt. Das Land hat unter einer Hyperinflation gelitten. Die Regierung hat die argentinische Währung an den Dollar gekoppelt. All das konnte nicht verhindern, dass die Staatsschulden ins Unermessliche stiegen. Die Ersparnisse des Kleinbürgertums wurden sogar eingefroren, um den Zusammenbruch des Bankwesens zu vermeiden.

Aber der wirtschaftliche Crash fand trotz alledem 2001 statt, nach einer jahrelangen Krise. Am 20. und 21. Dezember 2001 entbrannten in Buenos Aires neue Krawalle mit dem Aufschrei "Haut bloß alle ab", der sich an alle korrupte Politiker richtete, die das Land in die Armut geführt hatten. Trotz der polizeilichen Repression, die 36 Demonstranten tötete und 400 Verletzte machte, musste der Präsident zurücktreten.

Dieser Aufstand konnte die verheerenden sozialen Folgen des Crashs nicht abwenden. 2002 rechnete man auf einer Bevölkerung von 35 Millionen Argentiniern mit 20 Millionen Armen, entweder weil sie es schon immer gewesen waren oder weil sie erst vor kurzem verarmten. Und unter diesen 20 Millionen Personen wurden 9 Millionen als Bedürftige eingestuft. Und das in einem Lande, das seit einer langen Zeit das höchste Lebensniveau der Region aufwies.

CHAVEZ UND DIE "BOLIVARISCHE REVOLUTION"

Seit einigen Jahren versucht Venezuela einen Weg in der nationalen Entwicklung zu gehen, der sich auf Verstaatlichungen und auf den Beistand der Armen stützt, um dem erdrückenden Übergewicht des amerikanischen Imperialismus entgegenzuwirken. Aufgrund der Korruption der traditionellen bürgerlichen Parteien und vor allem ihrer Unfähigkeit, die Stabilität der äußerst ungleichen venezolanischen Gesellschaft aufrecht zu erhalten, versuchte 1992 eine Offiziersgruppe zwei aufeinander folgende Putsche im Namen einer bolivarischen, revolutionären Bewegung anzustiften, deren Reden im wesentlichen nationalistisch waren. Der Misserfolg dieser beiden Staatsstreiche hatte einen gewissen Oberstleutnant Chavez für zwei Jahre ins Gefängnis gebracht.

Nach seiner Befreiung hat Chavez zur Präsidentschaftswahl kandidiert und versprach, die Verfassung zu ändern und die korrumpierten Parteien zu beseitigen. Er hat die Stimmen vieler durch die im Land herrschende Wirtschaftskrise betroffenen Armen bekommen und wurde 1998 zum Präsidenten gewählt. Venezuela ist ein wichtiger Erdöllieferant und, seitdem Chavez an der Macht ist, profitiert das Land von dem stetig steigenden Erdölpreis, der, ausgehend von einem niedrigen Niveau, immer höher wurde und seinen Höhepunkt in den letzten Monaten erreichte. Venezuela und Chavez profitieren davon. Chavez hat nichts gegen die internationalen Erdölkonzernen, sie wurden sogar ermuntert, noch mehr Öl in Venezuela zu fördern. Als Bedingung dafür schreibt er lediglich eine für den Staat günstigere Aufteilung der Gewinne vor. Ungeachtet der Schimpfwörter, die Bush und Chavez regelmäßig austauschen, wird das venezolanische Erdöl immer noch dem größten Kunden der Region verkauft: den USA. Außerdem befinden sich die Raffinerien, die das in Venezuela geförderte Rohöl verarbeiten, alle auf amerikanischem Territorium. Dieser Wirtschaftskreislauf, der im Grunde einer Plünderung der Reichtümer der unterentwickelten Regionen unter der Herrschaft der reichen Länder entspricht, funktioniert sehr gut weiter, selbst wenn er Venezuela etwas mehr bringt als früher.

Indem er die Auslandsschulden des Landes weiter zahlte, verwendete Chavez einen Teil des Staatshaushalts dazu, die lebensnotwendigen Bedürfnisse der armen Klassen zu befriedigen. Das war natürlich nicht die gewöhnliche Handlungsweise des venezolanischen Staates, der traditionsgemäß als oft unerlaubte Erwerbsquelle für das Bürgertum diente. Der Teil der Staatsausgaben stieg von 12 % des BIP 1999 zu 34 % 2004. Das eröffnete Chavez viele Möglichkeiten. Er hat zuerst Soldaten der Armee eingesetzt, um Bildungs- und Wohnprogramme, sowie Programme des öffentlichen Gesundheitswesens voranzutreiben. Er hat die Schuleinschreibegebühren beseitigt und in Kasernen Schulräume für die Kinder der Armen eingerichtet, die endlich Zugang zur Bildung haben konnten. Dank diplomatischer Beziehungen mit Kuba erhielt Venezuela Hilfe von kubanischen Ärzten, was den Armen im Lande einen Zugang zur ärztlichen Versorgung ermöglichte.

Chavez hat seine Beliebtheit mit Maßnahmen gebaut, die die bisherigen Politiker des Landes niemals in Betracht gezogen hatten, so sehr verachteten sie die 80 % Armen in der Bevölkerung. Er hat die "bolivarischen Kreise" eingerichtet, eine Art Bezirkskomitees, um für sich die Kontrolle der Volksschichten zu sichern. Und Chavez hat sie dringend benötigt, da er dreimal gegen die mit den USA verbündeten reaktionären Kräften vorgehen musste. Im April 2002 hat ein Staatsstreich ihn von der Macht vertrieben, zur großen Genugtuung der USA. Das währte aber nur 48 Stunden. Die Zeit, die - angesichts der immer wachsenden Volksdemonstrationen auf den Straßen - der größte Teil der venezolanischen Armee benötigte, um die Entscheidung zu treffen, ihn zu stützen. Im Dezember desselben Jahres rief die Unternehmerschaft zum Streik aus, um Chavez zum Rücktritt zu zwingen. Die Unternehmer bezahlten die Streiktage, um die Beschäftigten zu einer Teilnahme zu ermuntern. Die Kraftprobe dauerte mehrere Wochen an. Der Streik hat die öffentlichen Dienste und vor allem das nationale Erdölunternehmen gelähmt. Er scheiterte jedoch, weil die Sympathisanten von Chavez die Betriebe wieder im Gang setzten, ohne jegliche Hilfe, weder vonseiten der Unternehmer noch von den leitenden Kräften. Da sie ihn weder mit Macht noch mit wirtschaftlicher Sabotage absetzen konnten, haben die Gegner von Chavez versucht, seine Glaubwürdigkeit bei einem Urnengang in Frage zu stellen. Indem sie ihr ganzes finanzielles Gewicht und insbesondere die von ihnen kontrollierten Massenmedien benutzten, haben sie 2004 eine Volksabstimmung verlangt, über die Entlassung des Präsidenten. Vergeblich. Chavez hat noch einmal seine Beliebtheit beim Volke bewiesen und die Abstimmung gewonnen.

Dieser beharrliche Hass der Besitzenden erklärt sich durch die Angst, die sie vor der armen Bevölkerung haben, die Chavez unterstützt. Er wird durch die sozialistisch anmutende Sprache des Regimes geschürt - Chavez spricht gern von dem "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" - und durch seine demonstrative Allianz mit Kuba, die natürlich von den USA ungern gesehen wird. Dennoch hat Chavez keine Privilegien des venezolanischen Bürgertums bekämpft. Er begnügt sich nur damit, die Gewerkschaften zu ermuntern, die von den Unternehmern geschlossenen Fabriken wieder in Betrieb zu setzen. Das ist eine lebensnotwendige Maßnahme, denn, abgesehen vom Erdöl, die Wirtschaft bleibt sehr schwach, die Arbeitslosigkeit äußerst hoch und drei Viertel der Arbeitenden werden im informellen Sektor beschäftigt. Chavez hat auch nicht die Macht der Großgrundbesitzer im Lande angegriffen. Seine Bodenreform hat nur 10 % der Ländereien betroffen, die meistens im Besitz des Staates waren, und die an Bauernfamilien verteilt wurden. Was das große Privateigentum betrifft, es waren nur die brachliegenden Ländereien, d.h., die am wenigsten ergiebigen, die theoretisch von der Bodenreform betroffen waren. Aber die Eigentümer verteidigen sich mit der Waffe in der Hand, zögern auch nicht davor, die aufsässigsten unter den Bauern umzubringen, und dabei profitieren sie oft von der Mittäterschaft der örtlichen Behörden, die sie nach Belieben korrumpieren.

Chavez hat die Verteilung des Schwarzen Goldes, des Erdöls, wirklich angegriffen. Ein neues Gesetz schreibt den ausländischen Gesellschaften einen sofortigen Zusammenschluss mit der nationalen Gesellschaft vor, die somit, mit 60 % der Aktien dieser neuen Joint Ventures die Erdölförderung im Lande steuert. Sie müssen ferner 30 % Förderabgaben an den venezolanischen Staat entrichten, statt der bisherigen 1 %, und 50 % der Gewinnsteuern zahlen, statt der bisherigen 36 %. Die Erdölkonzerne muss man deshalb aber nicht bedauern, weil die Erhöhung des Rohölpreises in derselben Zeit ihnen trotz alledem höhere Gewinne in Venezuela bescherten. Und sie bestehen darauf, dort zu bleiben, selbst wenn sie, wie der französische Konzern Total, verpflichtet werden, mehr als 100 Millionen Euro Steuerrückständen zu zahlen. Diese neue Aufteilung der Erdöleinnahmen zugunsten des Staates, der drei Viertel seiner finanziellen Mittel daraus zieht, machte trotz allem die Erdölkonzerne wütend, die nicht gewöhnt waren, dass ihre Habgier nach Profit in Frage gestellt wurde. Ihr bewaffneter Arm, die Regierung der USA, übt diesbezüglich einen ständigen Druck auf das Regime von Chavez aus.

Ohne die Unterstützung der unteren Volksschichten kann Chavez seine Politik gegenüber Gegnern wie den USA und deren Komplizen beim venezolanischen Bürgertum nicht durchsetzen. Deshalb verwendet er einen Teil der Einnahmen aus dem Erdölgeschäft, um das größte Leid der Armen zu lindern und vor allem das Erziehung- und Gesundheitswesen zu verbessern. Er ist aber außerstande, Venezuela aus der wirtschaftlichen Unterentwicklung herauszuführen und die grundlegend ungleiche Beziehung Venezuelas mit den reichen Ländern zu ändern. Chavez hat das Eigentum und die Vermögen der venezolanischen besitzenden Klassen nicht angegriffen. Die Wirtschaft des Landes ist genauso abhängig von Erdöl wie vorher und sollte der Ölpreis sinken, so würde Venezuela sich sehr schnell in den Würgegriff der Schulden befinden. Wir wissen nicht, wie lange Chavez seine Politik in einer solchen unbeständigen Konstellation wird aufrechterhalten können, noch wie sie aussehen würde, wenn die Arbeitenden für ihre Ziele den Kampf beginnen würden. Sicher ist es aber, dass selbst wenn die Arbeiterklasse dieselben Feinde hat, die Chavez heute bekämpft, so teilt sie nicht dieselben Grundinteressen mit ihm.

IN BOLIVIEN: EVO MORALES FOLGT DEN SPUREN VON CHAVEZ

In Bolivien scheint Evo Morales, in die Fußstapfen von Chavez zu treten. Heutzutage ist nicht mehr, wie in den fünfziger Jahren, das Zinn, das Ziel der Habgier der großen ausländischen Gesellschaften sondern der Kohlenwasserstoff, das Erdöl und vor allem das Gas. Nach der Demontage der nationalen Gesellschaft 1996, hatten diese Gesellschaften freie Hand zu deren Ausbeutung, gegen die unbedeutende Steuer von 18 % der Gewinne. Um Mittel zur Begleichung der Staatsschulden bei den großen Westbanken zu beschaffen, hat Bolivien eine Welle massiver Privatisierungen während der letzten fünfzehn Jahre im Gang gesetzt, die alle öffentlichen Versorgungsbetriebe trafen, vor allem die Wasserwerke. Diese Politik hat die arme Bevölkerung tief empört, und deren Mobilisierungen zwangen den Staat dazu, (die Verpflichtung einzugehen), alle Verträge zu brechen, die die Verwaltung des Wassers im Jahr 2000 dem amerikanischen Konzern Bechtel überließ, und ab 2005 dem französischen Konzern Suez.

Jedoch hauptsächlich für die Beteiligung an der Gasförderung haben sich die unteren Volksschichten stark gemacht, in einem Land mit einer langen Tradition von Arbeiterkämpfen. Im September 2003 führte das Vorhaben des bolivianischen Präsidenten Lozada, die Gaskonzession an eine amerikanische Gesellschaft zu erteilen, zu Straßenblockaden durch die Bauern, zum Generalstreik und zur Stürmung der Hauptstadt La Paz durch die Einwohner der Vorstadt El Alto. Eine Repression, die Dutzende von Toten forderte, hat diese Bewegung nicht gebremst. Sie zwang Lozada sogar einen Monat später, seinen Rücktritt zu erklären. Er wurde von seinem Vizepräsidenten Mesa ersetzt, der versprach, die Steuern für die ausländischen Gesellschaften auf 50 % der Gewinne zu erhöhen.

Die Aufregung hat sich aber nur vorübergehend beruhigt. Im Mai 2005, als Mesa die neue Steuererhöhung in Kraft setzen wollte, jedoch immer noch ohne die Gasförderung zu verstaatlichen, hat sich der Widerstand in der Bevölkerung wieder entfacht. Die Demonstranten sind aus dem ganzen Land in die Hauptstadt geströmt, in die auch schon die Arbeiter aus El Alto eingedrungen waren. Drei Wochen später sah sich Mesa gezwungen, auch zurückzutreten. Sein Nachfolger sollte der Präsident des Senats sein. Das war ein reaktionärer Politiker, von dem das ganze Land wusste, dass er gegen eine Verstaatlichung der Gasförderung war. Unter dem verstärkten Druck der Straße musste er, sogar noch vor seiner Einsetzung als Präsident, den Platz verlassen. Seinen Platz sollte der Präsidenten des Obersten Gerichthofes übernehmen. Dieser letzte, nun zum Präsidenten des Landes avanciert, verstand gleich, dass es vernünftiger wäre, die Gemüter zu beruhigen, und kündigte baldige Neuwahlen an.

Evo Morales, der Leiter der MAS (Movimiento al Socialismo), eine Bewegung zum Sozialismus hin, wurde Kandidat, wie auch schon bei vorigen Wahlen, und er entschloss sich, die Massenbewegung zu bremsen. Morales ist ein ehemaliger Bergarbeiter, der auf den Anbau von Koka umgestiegen ist. Er ist einer der Gewerkschaftsleiter, die die Koka-Bauern vertreten, und die heftig gegen die USA kämpfen, die für die Vernichtung dieses Anbaus Druck ausüben. Die Arbeiter und die Bauern können sich also in ihm wieder erkennen. Umso mehr, als er mit Stolz beansprucht, ein Indianer zu sein, in einem Land, in dem die Mehrheit der Bevölkerung sich als Einheimische fühlt und sich deshalb vom politischen System ausgeschlossen sieht.

Morales hat die Wahlen gewonnen und regiert in Bolivien seit Anfang dieses Jahres. Am 1. Mai 2006 hat er die Verstaatlichung der Vorkommen von fossilen Energieträgern mit Hilfe einer Übernahme durch die nationale Gesellschaft von 51 % der örtlichen Tochterfirmen der ausländischen Gesellschaften angekündigt. Morales hat keine Enteignung befohlen. Er hat eine Neuverhandlung der Gas- und Erdölförderungsverträge von sechs Monaten beschlossen, um eine Aufteilung der Einnahmen für den bolivianischen Staat zu erreichen, die den Konzernen nicht mehr als 18 % der Gewinne überließ, während 10 Jahre zuvor das Gegenteil der Fall war: nur 18 % flossen in die Staatskassen zurück. Selbstverständlich haben die ausländischen Unternehmen wie das französische Total, das spanische Repsol, das amerikanische Exxon oder das brasilianische Petrobras stark, direkt oder mittels ihrer Regierung protestiert. Aber es scheint, dass sie sich damit abfanden, denn sie unterschrieben bald neue Vereinbarungen mit Bolivien. Die Kurse des Energiesektors auf dem Weltmarkt sind so hoch, dass ihre Gewinnperspektiven in diesem Land noch sehr gut sind. Auch wenn diese Verstaatlichung keine grundlegende Veränderung der abhängigen Lage Boliviens angesichts des Imperialismus mit sich bringt, muss es aber hervorgehoben werden, dass das Regime von Morales gewagt hat, diesen Herrschern des Planeten, den Erdölkonzernen, die Stirn zu bieten.

Und er hat bis jetzt standgehalten. Diesen Sommer hat Morales den Mindestlohn verdoppelt, was dem Teil der in den staatlichen Unternehmen angestellten Arbeitenden erlaubt, ein Gehalt zu beziehen, das mindestens Hundert Euro monatlich entspricht. Er hat auch eine Bodenreform auf den Weg gebracht, die sich auf die im Besitz des Staates stehenden Ländereien beschränkte. Morales hat die großen privaten Ländereien nicht angetastet. Aber er musste schon im September einen von den reaktionären politischen Parteien organisierten Streiktag überstehen. Zurzeit gewährt die durch vergangene Repressionen gegen die Armen geprägte Armee dem Präsidenten Morales, dessen Politik das Gebiet des Staatsnationalismus keineswegs verlässt, ihre Unterstützung. Die bolivianischen Arbeiter und Bauern, die Morales unterstützen, haben nicht für ihre eigenen Interessen gekämpft. Wenn sie das täten, wäre es eine Illusion zu glauben, dass Morales die Interessen der Arbeiter gegenüber dem bolivianischen Bürgertum, dem Staatsapparat und der Armee bis zum Ende vertreten würde. Jedenfalls bestände die Pflicht der Revolutionäre darin, die Arbeitenden vorzubereiten, auf eine Kehrtwendung von Morales gefasst zu sein.

DAS BRASILIEN VON LULA

Eine viel versöhnlichere Politik den imperialistischen Mächten gegenüber führt Lula in Brasilien. An der Macht seit vier Jahren bemüht sich Lula, aus diesem Land den "guten Schüler" des internationalen kapitalistischen Systems zu machen, indem er sich heute den Luxus leistet, die Schuldraten vor dem Kalendertag des IWF zurückzuzahlen. Es ist übrigens die Verknüpfung zwischen Industrien, die in Verbindung mit den USA stehen, und landwirtschaftlichen und bergbaulichen Produktionen auf einem riesengroßen Gebiet, was der brasilianischen Wirtschaft erlaubt, von den gegenwärtig hohen Kursen der Rohstoffe und von den Rekord-Gewinnen der großen amerikanischen Unternehmen immens zu profitieren, was wiederum dem brasilianischen Staat zu außergewöhnlichen Geldeinnahmen verhilft.

Seit vier Jahren hat Lula in keinster Weise die extrem ungleiche Gesellschaftsordnung Brasiliens erschüttert. Wenn er einerseits das System der "Familienstipendien", eine Art Beihilfe, mehr Armen zugänglich machte als seine Vorgänger, hat er keineswegs die Ländereien der Großgrundbesitzer den Landlosen zum Bebauen frei gegeben. Er hat im Gegenteil die großen Exporteure landwirtschaftlicher Produkte begünstigt, mit dem Ziel die ins Land fließenden Devisen zu verwenden, um sie den westlichen Kreditbanken zu geben. Er hat das Einkommen der Beamten angegriffen, um die Staatsausgaben zu vermindern, gleichzeitig aber den Finanzinstituten viel zu hohe Zinssätze gewährt, damit sie ihr Kapital im Land lassen.

Lula hat trotz alledem den Mindestlohn stark erhöht, auf ca. 150 Euro monatlich. Aber wer profitiert wirklich davon, wenn man weiß, dass mehr als die Hälfte der brasilianischen Arbeitenden im informellen Sektor beschäftigt sind, das heißt von Bossen abhängen, die auf keine der Gesetze achten, die die Steuern, die Gehälter oder die Rechte der Beschäftigte regeln ?

Es gibt jedoch genügend Arme in Brasilien, die weiterhin die Hoffnung hegen, dass Lula eines Tages ihr Los ändern wird. Das gestattete ihm letzten Monat zum Präsidenten wieder gewählt zu werden. Und das trotz der Bestechungsskandale der ihm nahe stehenden, hohen Leiter der PT, der Partei der Arbeiter, während seines Mandates. Die PT ist offen das geworden, was sie grundsätzlich immer gewesen ist: eine Partei wie jede andere in Brasilien. Nur ihre Volkswählerschaft und ihr aus der Arbeiterklasse abstammender Leiter unterscheiden sie von den anderen. Aber die PT geht Allianzen mit irgendeiner anderen Partei oder einem bürgerlichen Politiker ein, wenn ihr das den Posten eines Gouverneurs oder Bürgermeisters einer großen Stadt bringt. Und Lula hat einen rechten Politiker zu seinem Vizepräsident gemacht.

Die PT und Lula sind an der Macht, aber die arme Klasse Brasiliens hat immer noch dieselben Schwierigkeiten, selbst wenn sich für einige von ihnen die Situation ein bisschen verbessert hat. In den ländlichen Gebieten, wo das Problem des Bodens drängend ist, führen die Großgrundbesitzer ganz ungestraft einen Bürgerkrieg gegen die Bauern, und ermorden notfalls diejenigen, die die unbebauten Ländereien besetzen. Die Armut, der Hunger, der Analphabetismus gehören noch zu deren leidigem Alltag. Und die brasilianische Wirtschaft, trotz des Rauchschleiers derjenigen, die erneut vom "brasilianischen Wunder" sprechen, ist genauso wie immer, den großen kapitalistischen Weltgruppen unterworfen und den Zufällen der Weltkonjunktur ausgeliefert. Der brasilianische Staat ist vom amerikanischen Imperialismus beherrscht, der seit langem aus dem Lande seinen Hauptstützpunkt in der Region gemacht hat. Das ermöglicht Brasilien gelegentlich, seine Trumpfkarte als regionale Macht auszuspielen. So handeln seit mehreren Jahren die brasilianischen Truppen als Subunternehmen für die USA durch ihre militärische Anwesenheit in Haiti.

Der Mercosur, eine Art gemeinsamer Markt, den Brasilien seit fünfzehn Jahren zu entwickeln versucht, indem es mehrere Länder Südamerikas um sich versammelt, darunter Argentinien und kürzlich auch Venezuela, ist übrigens keineswegs eine Bedrohung für die Herrschaft der USA. Da alle Volkswirtschaften des Mercosur auf den Export von Rohstoffen konzentriert sind, finden lediglich 11 % des Handelsaustauschs unter Partnern des Mercosur statt. Dieser Versuch bietet keine reellen Perspektiven auf einen Inlandsmarkt, der groß genug wäre, um in eine autonome wirtschaftliche Entwicklung zu münden, den großen Westkonzernen gegenüber.

DIE ZUKUNFT GEHÖRT DER ARBEITERKLASSE

Trotz der vielfältigen Versuche, die Macht des amerikanischen Imperialismus zu lockern, bleibt Lateinamerika von ihm abhängig. Ein Land wie Brasilien veranschaulicht das, was eine kombinierte Entwicklung bedeutet, bestehend aus riesigen industriellen Konzentrationen und ländlichen Zonen, wo aus dem 16. Jahrhundert geerbte Strukturen noch vorherrschen. Die Armut geht nicht zurück. Seit einem Vierteljahrhundert ist der Anteil der mit weniger als 2 Dollar täglich lebenden Lateinamerikaner derselbe geblieben, ungefähr 25 % laut Weltbank. Ein bedeutender Teil der Bevölkerung hungert, hat keinen Zugang zur Bildung, zum fließenden oder Trinkwasser, zur Elektrizität, zu anständigen Unterkünften in Massivbau. In Lateinamerika gibt es einen Massenarbeitslosigkeit und viele Arbeitenden überleben nur dank der Schwarzarbeit. Viele Bauern fordern noch den Besitz des Landes, das sie bebauen. Andere wandern aus und erhöhen somit die Bevölkerung der Elendsviertel der Großstädte, was aus São Paulo und Mexiko-Stadt zwei der bevölkerungsreichsten Städte der Welt machen. Die Korruption ist gross, sowie die Drogenproduktion und -handel. Die Kriminalität übt Druck auf die Armen aus: im Alltag in den Elendsvierteln, oder gegen diejenigen, die sich verteidigen und sich organisieren, und die zu Opfern von den privaten Banden bewaffneter Männer im Dienste der Reichen werden, oder auch von der Polizei und der Armee. Der Mangel an Perspektiven treibt immer mehr Lateinamerikaner dazu, ihr Glück in die USA zu versuchen und dabei das Risiko in Kauf zu nehmen, eine immer mehr überwachte Grenze illegal zu überschreiten.

Seit dem Anfang des XX. Jahrhunderts haben die Werktätigen Lateinamerikas - Arbeiter und Bauern - bei sich selbst außerordentliche Kräfte zur Verteidigung ihrer Interessen und für die Erkämpfung von mehr Sozialgerechtigkeit gefunden. Überall auf dem Subkontinent widerstanden die Bauern den Handlangern der Landbesitzer. In Chile musste der erste Militärputschversuch im Juni 1973 vor der Mobilisierung der Arbeiterklasse zurückgehen. In Argentinien, trotz der 1976 von den Generälen ausgelösten blutigen Repression und der Ermordung von Tausenden von kämpferischen Arbeitenden, haben militante Kerne während der ganzen Diktaturperiode stand gehalten.

Leider wurden dieser Mut und diese Kampfkraft immer in den Dienst von Politikern gestellt, die den Würgegriff des Imperialismus nur ein wenig zu lockern versuchten. Dabei verteidigten sie das, was ihrer Meinung nach im Interesse des Nationalbürgertums stand. In der entscheidenden Stunde Null einer Konfrontation aber zogen sie eine glanzlose Kapitulation vor, und überließen dabei die Massen, die ihnen vertraut hatten, ihrem eigenen Schicksal. Den lateinamerikanischen Beschäftigten hat es an Kampfwillen nicht gefehlt, sondern an das klare Bewusstsein über ihre Klasseninteressen. Sie haben mehrmals ihren offenen Feinden trotzen können. Aber jedes Mal wurden sie auch von ihren falschen Freunden verlassen oder verraten.

Dennoch hat die Arbeiterklasse Lateinamerikas, zusätzlich zu ihren Kampftraditionen, beachtenswerte Vorteile aufzuweisen. Sie ist zahlreich und in einigen Ländern wie Brasilien stark konzentriert. Sie profitiert von der Quasi-Spracheinheit eines Subkontinentes, der in zwei Schwestersprachen aufgeteilt ist: Spanisch und Portugiesisch. In den USA bildet außerdem das aus Lateinamerika stammende Proletariat eine äußerst wichtige Komponente der Arbeiterklasse und könnte übrigens, mit den anderen Arbeitenden dieses Landes, das Gesicht der Welt verändern.

In den unterentwickelten Ländern ist keine nationale, wirtschaftliche Entwicklung möglich. Aber die Proletarier Lateinamerikas, wie die Arbeitenden der USA, haben ein Recht auf das Vermögen, das die Banken und die Konzerne durch ihre Ausbeutung in den imperialistischen Metropolen angehäuft haben.

Erst wenn alle durch die imperialistischen Mächte zurückgehaltenen Reichtümer in den Dienst der Arbeitenden der ganzen Welt, ja der ganzen Menschheit gestellt werden, wird es möglich sein, eine Gesellschaft aufzubauen, in der Hunger, Elend und Ausbeutung gebannt sein werden. Wenn es eine Aufgabe gibt, die sich heute all denjenigen auferlegt, die die revolutionären Ideen zu ihren eigenen machen, dann besteht sie gewiss darin, den Werktätigen aller Länder dieses internationalistische Bewusstsein wieder zu geben.