Mexiko: Die nächste "Transformation" wird das Werk der Arbeiter/Innenklasse sein

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Texte von Lutte de Classe (Klassenkampf) - September 2023
September 2023

Der folgende Text ist ein Artikel aus der Zeitschrift Class Struggle (Nr. 116, Sommer 2023), die von unseren Genossinnen und Genossen der trotzkistischen Gruppe The Spark herausgegeben wird. Er wurde für die Veröffentlichung in Frankreich in der Lutte de Classe (Nr. 234, September-Oktober 2023) adaptiert.

 

Während seiner Wahlkampfes 2018 versprach der derzeitige mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador, die „vierte Transformation“ des Landes einzuleiten. Er versicherte, sie werde „nicht weniger tiefgreifend als die Unabhängigkeit, die Reform und die Revolution“ sein.

Die erste Transformation, auf die er sich bezog, waren die Unabhängigkeitskriege gegen die spanische Krone. Sie begannen 1810 und führten zur Unabhängigkeit Mexikos im Jahr 1821. In ihrem Kampf gegen die kaiserliche Armee stützte sich die mexikanische Oberschicht dabei auf Kämpfe der einfachen Bevölkerung Bauern und Landarbeiter, Bergleute und Maultiertreiber, indigene Völker ...), die sich mehr als einmal ihrer Kontrolle entzogen.

Die zweite Transformation bezieht sich auf die Reformkriege, die das Land von 1857 bis 1867 erschütterten. Sie führten zur Gründung eines einheitlichen und gefestigten mexikanischen Staates unter der Führung von General Porfirio Díaz und zur Stärkung der Macht der Großgrundbesitzer auf dem Land. Während dieser Zeit, die geprägt war von Militärinterventionen sowohl Frankreichs wie der USA, kam es zu großen sozialen Unruhen unter den Landarbeitern und den Indianer-Stämmen.

Die dritte bezeichnet die Revolution, die 1911 begann und auf die wir noch zu sprechen kommen werden.

Die Klassenkämpfe, die das hervorbrachten, was López Obrador als „Transformationen“ bezeichnet, legten den Grundstein für die kapitalistische Entwicklung, die das heutige Mexiko hervorgebracht hat. Es entstand eine bürgerliche Klasse im wahrsten Sinne des Wortes. Der Grundstein für eine industrielle Wirtschaft wurde gelegt. Dies machte das Land zu einem besonders attraktiven Standort für Unternehmen aus den USA, die in die Produktion investieren wollten, auch wenn sich Mexiko gleichzeitig von seiner langen kolonialen Bevormundung befreite.[1]

Laut der Weltbank hat die mexikanische Fertigungsindustrie im Jahr 2022 mehr Reichtümer produziert als jedes lateinamerikanische Land und überhaupt jedes unterentwickelte Land mit Ausnahme von Indien und China, die jeweils mehr als zehnmal so viele Einwohner haben. Die großen Profiteure hiervon sind die US-amerikanischen Unternehmen, die Mexiko fest in ihrer Hand haben. Der Großteil der mexikanischen Bevölkerung hingegen steckt in einem Sumpf aus Armut und Gewalt und benötigt dringend eine vierte Transformation, um das Vokabular des Präsidenten zu verwenden.

Die notwendige vierte Transformation, auf die sich López Obrador beruft, war nie mehr als ein Wahlslogan. Kein Politiker, weder in den USA noch in Mexiko, hat die Absicht, geschweige denn die Fähigkeit, sich auf das Erbe vergangener Revolutionen zu stützen. Doch diese Transformationen, auf die sich der Präsident bezieht, haben das heutige Mexiko hervorgebracht und die Arbeiterklasse, die als einzige gesellschaftliche Kraft in der Lage ist, die Transformation der kapitalistischen Gesellschaft in eine sozialistische Gesellschaft in Mexiko und auf der ganzen Welt erfolgreich in die Tat umzusetzen.

Die dritte Transformation: Die mexikanische Revolution und ihre Folgen, 1910-1940

Obwohl die Diktatur von Porfirio Díaz die grundlegenden Interessen der Hacienda-Besitzer[2] und der aufstrebenden Bourgeoisie sicherstellte, empfanden beide den Einfluss der Diktatur zunehmend als lästig, sowohl für ihr tägliches Leben als auch für ihre Geschäftsinteressen. Außerdem sie wurden vom US-Imperialismus unterdrückt, der ein unerschütterlicher Verbündeter der Diktatur war.

Ein Teil der Bourgeoisie widersetzte sich der Diktatur und übte so viel Druck aus, dass Diaz sich gezwungen sah, 1910 faire Wahlen zu versprechen. Doch nachdem er den Rahmen für diese Wahlen abgesteckt hatte, ließ Diaz seinen wichtigsten Gegenkandidaten verhaften. Dieser Kandidat, der reiche Hacienda-Besitzer Francisco Madero, rief die Bevölkerung daraufhin zu einem Aufstand auf, um seine Kandidatur für das Präsidentenamt zu unterstützen. Und einige Offiziere schlossen sich ihm zusammen mit ihren Soldaten an.

Wie bei den beiden vorangegangenen Transformationen öffnete dieser Machtkampf in den höchsten Kreisen einer Welle von Revolten Tür und Tor. Im Bundesstaat Morelos organisierte Emiliano Zapata die Bauern in einer Armee und verteilte das Land der Haziendas in den von ihr eroberten Gebieten neu. Im Norden bildete Pancho Villa eine Armee aus Hacienda-Arbeitern, ebenfalls mit dem Ziel der Landverteilung. An der Spitze ihrer Armeen marschierten sie 1914 in Mexiko-Stadt ein. Diese Besetzung der Hauptstadt versetzte die herrschende Klasse in große Angst. Doch nach einigen Wochen zogen die Bauern, die kein anderes Ziel als Land hatten und keinen praktischen Plan, um es zu bekommen, wieder dorthin zurück, wo sie hergekommen waren.

Fast zehn Jahre lang blieb die Lage instabil. Bauern-Armeen wurden aufgestellt und verschwanden wieder. In der Zwischenzeit wurde die mexikanische Armee, verstärkt um Handlanger der Großgrundbesitzer, wieder aufgebaut – unter der Führung von „revolutionären Generälen“, die nicht nur gegen die Bauern, sondern auch gegeneinander gekämpft hatten. Diese Generäle gründeten anschließend eine neue politische Partei, die sich auf die Armee stützte. Als sie 1929 die Macht übernahmen, errichteten sie ein Militärregime, das bis ins Jahr 2000 andauern sollte. Nachdem die Partei mehrmals ihren Namen geändert hatte, wurde sie 1946 endgültig in Partei der Institutionellen Revolution (PRI) umbenannt.

Die Wiederherstellung der Armee und die Gründung der Partei beendeten die Kämpfe auf dem Land nicht. Selbst nach dem Ende der großen Konflikte ging in den 1930er Jahren ein verborgener Bürgerkrieg um Landbesitz zwischen Bauern-Milizen und den „Weißen Garden“ im Dienste der Hacienda-Besitzer weiter. 1933 wählte die Führung der Regierungspartei (damals noch unter dem Namen Nationale Revolutionspartei) einen der Generäle, Lázaro Cárdenas, zum Präsidenten. Denn dieser hatte es geschafft, die Bauern-Revolten in seiner Heimatstaat Michoacán einzudämmen, indem er die Bauern-Organisationen in seine regionale Regierung integrierte. Nachdem er auf nationaler Ebene an die Macht gekommen war, leitete seine Regierung eine Agrarreform von oben ein. Der Staat wurde offizieller Eigentümer von rund 20 Millionen Hektar Land, das zu den Haciendas gehört hatte, insgesamt einem Zehntel der landwirtschaftlichen Fläche. Er gab den Bauern das Recht, dieses Land, das sie größtenteils bereits besetzt hatten, zu bewirtschaften. Dies reichte aus, um die wichtigsten Bauernorganisationen an die Partei von Cárdenas und den Staat zu binden.

Cárdenas verfolgte eine ähnliche Politik gegenüber den Organisationen der Arbeiterklasse. Er sprach sich für die gewerkschaftliche Organisierung und sogar für einige Streiks aus, insbesondere gegen ausländische Unternehmen. Die Arbeiter ergriffen die Gelegenheit beim Schopf. Im Jahr 1933 gab es nur 15 große Streiks. Diese Zahl stieg 1934 auf 202 und 1935 auf über 600. Die Gewerkschaften wurden legalisiert, aber in einem vom Staat streng abgesteckten rechtlichen Rahmen: Eine Reihe von Vorschriften schränkte ihre Initiativen ein und stellte alle möglichen Bedingungen, damit ihre Aktionen als legal galten. 1936 wurde der wichtigste Gewerkschaftsverband in Cárdenas' Partei integriert, die sich daraufhin vergrößerte und ihren Namen erneut änderte und zur Partei der mexikanischen Revolution wurde.

Im Juni 1938 analysierte Trotzki die Situation in Mexiko unter Cárdenas wie folgt:

„In industriell rückständigen Ländern spielt das ausländische Kapital eine entscheidende Rolle. Daraus resultiert die relative Schwäche der nationalen Bourgeoisie gegenüber dem nationalen Proletariat. Dies schafft besondere Bedingungen für die Staatsmacht. Die Regierung kann entweder als Werkzeug des ausländischen Kapitalismus regieren und das Proletariat unter dem Joch einer staatlichen Diktatur halten, oder sie kann mit dem Proletariat manövrieren und ihm sogar Zugeständnisse machen, um sich eine gewisse Freiheit von den ausländischen Kapitalisten zu verschaffen. Die aktuelle Politik [der mexikanischen Regierung] gehört zu dieser zweiten Option. Ihre größten Errungenschaften sind die Enteignungen der Eisenbahnen und der Ölindustrie.“[3] Zwischen 1929 und 1937 verstaatlichte Mexiko die Eisenbahnen, die hauptsächlich im Besitz US-amerikanischer und britischer Investoren waren. Ein Jahr später übergab es sie einer „Arbeiterverwaltung“, d. h. den Gewerkschaften, die bereits in Cárdenas' Partei integriert waren. 1938 führte eine Streikwelle in der Ölindustrie zu dem Beschluss der Nationalen Vermittlungskommission, die Löhne der Ölarbeiter zu erhöhen, was die Unternehmen jedoch ablehnten. Cárdenas nahm dies als Vorwand, um die gesamte Ölindustrie zu enteignen. Seine Regierung startete eine Kampagne zur Unterstützung dieses Vorhabens: Er brachte so viele Mexikaner wie möglich dazu, sich im Kleinen am Verstaatlichungsprozess zu beteiligen, indem er sie bat, ein paar Pesos zu spenden, um bei der Zahlung der Entschädigung zu helfen, die der mexikanische Staat den Unternehmen anbot. Großbritannien konnte nicht viel dagegen tun. Und die USA waren im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs mehr darauf bedacht, die Stabilität ihrer Südgrenze zu sichern, als den betroffenen Ölgesellschaften zu helfen, von denen die meisten ohnehin britisch waren.

In einem anderen Artikel aus demselben Monat[4] erklärte Trotzki: „Das halbkoloniale Mexiko kämpft um seine nationale, politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit. (...) Enteignung ist das einzige wirksame Mittel zur Wahrung der nationalen Unabhängigkeit und eine elementare Vorbedingung der für Demokratie. (...) Die Enteignung von Ölfeldern ist weder Sozialismus noch Kommunismus. Aber sie ist eine sehr fortschrittliche Maßnahme der nationalen Selbstverteidigung“. Schließlich sah er in Anbetracht der Tatsache, dass „der Kampf um das mexikanische Öl nur eines der Scharmützel ist, die die künftigen großen Schlachten zwischen Unterdrückern und Unterdrückten ankündigen“, zwei mögliche Ausgänge voraus[5]. Einerseits die Möglichkeit, dass „der Staatskapitalismus durch kontrollierte Gewerkschaften die Arbeiter in Schach halten, sie grausam ausbeuten und ihren Widerstand lähmen könnte“. Andererseits sah er die revolutionäre Möglichkeit, dass „die Arbeiter, gestützt auf ihre Positionen in außergewöhnlich wichtigen Industriezweigen, eine Offensive gegen alle Kräfte des Kapitals und gegen den bürgerlichen Staat beginnen könnten“. „In jedem Fall“, schrieb er, „ist, damit die Arbeiter diese neue Form der Tätigkeit im Interesse der Arbeiterklasse und nicht der Arbeiteraristokratie und der Bürokratie nutzen können, nur eine einzige Bedingung notwendig: die Existenz einer revolutionären marxistischen Partei“, der es unter anderem gelingt, „Einfluss in den Gewerkschaften zu gewinnen und eine revolutionäre Arbeitervertretung in der verstaatlichten Industrie zu sichern“. 1938 gab es eine solche Partei nicht und sie wurde auch nicht gegründet. Das revolutionäre Potenzial der Situation wurde nicht verwirklicht.

Eine bürgerliche Entwicklung im Schatten des Imperialismus

Da Mexiko keinen revolutionären Weg eingeschlagen hatte, erlebte es in den folgenden 40 Jahren, wie der Staat sich auf die verstaatlichten Industrien stützte, um Unternehmen zu subventionieren und dem Land eine industrielle Basis zu verschaffen – und zwar so erfolgreich, dass die wirtschaftliche Entwicklung als „mexikanisches Wunder“ bezeichnet wurde. Die neue Diktatur, die von vielen bürgerlichen Beobachtern als „perfektionierter“ als die alte angesehen wurde, wusste die Atempause zu nutzen, die den lateinamerikanischen Ländern durch den Zweiten Weltkrieg geboten wurde. Da Europa mit dem Krieg auf seinem Boden und der US-Imperialismus mit seiner kriegerischen Expansion in Asien beschäftigt waren, nutzte Mexiko die Gelegenheit für seine industrielle Entwicklung.

Neben Fabriken und Bergwerken baute das Land auch eine grundlegende Infrastruktur in den Bereichen Verkehr, Bildung und Gesundheit auf, auch wenn viele Dörfer von diesen materiellen Fortschritten ausgeschlossen blieben.

Auf dem Land führte die Agrarreform von oben dazu, dass viele Menschen zur Nahrungsmittelproduktion zurückkehrten, während sich in der Nähe moderne Städte und Industrien entwickelten. Generell war die Arbeitsproduktivität auf dem mexikanischen Land sehr gering, und der Großteil der Bauern lebte in großer Armut. Die bäuerliche Wirtschaft war nicht wirklich in der Lage, einen angemessenen Lebensstandard zu gewährleisten oder die gesamte junge Generation zu beschäftigen, was zu einem stetigen Strom von Arbeitssuchenden in die Städte führte.

In dieser Zeit des wachsenden Reichtums für die mit dem Regime verbundenen Kapitalisten und der anhaltenden Armut für den Großteil der Bevölkerung wurde die von der PRI errichtete Diktatur immer repressiver. Im Jahr 1959 schlug das Militär eine Reihe von Streiks bei der Eisenbahn nieder. Im Jahr 1962 tötete die Polizei Dutzende von Bauern, die eine Landreform forderten. 1968 massakrierten mexikanische Truppen kurz vor den Olympischen Spielen in Mexiko-Stadt Hunderte demonstrierender Studierender im Stadtteil Tlatelolco. Das Massaker von Tlatelolco, das so genannte Massaker auf dem Platz der Drei Kulturen, war der Beginn des sogenannten „schmutzigen Kriegs“. Zwischen den 1960er und 1980er Jahren ließen die mexikanischen Sicherheitskräfte mit Hilfe der USA Tausende Menschen verschwinden, foltern und hinrichten. Man beschuldigte sie, militanten Organisationen anzugehören.

Die Partei, die sich unter Cárdenas dafür entschieden hatte, sich im Kampf gegen den Imperialismus auf die Arbeiterklasse zu stützen, hatte ihren Kurs geändert und stützte sich stattdessen auf die staatliche Diktatur, um die Arbeiterklasse unter Kontrolle zu halten.

Unter der direkten Aufsicht des Imperialismus

Nachdem der wirtschaftliche Aufschwung der Nachkriegszeit vorüber war, machte das Wachstum der mexikanischen Wirtschaft das Land für US-amerikanisches Kapital noch attraktiver. Viele Investitionen aus den USA flossen ins Land. Lange Zeit waren es die Überschüsse der verstaatlichten Ölindustrie, die das Wachstum ermöglichten. Doch Anfang der 1980er Jahre brach der Ölpreis ein. Mexiko war gezwungen, sich an die von den USA dominierten internationalen Finanzmärkte zu wenden, um seine Staatsfinanzen zu retten. Jede dieser Rettungsmaßnahmen war an Bedingungen geknüpft, die das Land zwangen, seine Wirtschaft noch stärker als zuvor für ausländische Investitionen und Handel zu öffnen. Der Prozess wurde durch das NAFTA (Nordamerikanisches Freihandelsabkommen, 1994 zwischen den USA, Kanada und Mexiko unterzeichnet) gekrönt, das im Wesentlichen die bereits begonnenen Veränderungen festschrieb.

Seit Beginn dieser Entwicklung vor vierzig Jahren ist ein Strom internationaler Investitionen nach Mexiko geflossen, die eine spektakuläre industrielle und landwirtschaftliche Entwicklung begünstigt haben. Und Mexiko ist in vielerlei Hinsicht zu einem Zulieferer der US-amerikanischen Industrie geworden. Im Jahr 2019 war Mexiko der größte Handelspartner der USA und wurde seither nur knapp von Kanada überholt. Viele mexikanische Fabriken sind vollständig in grenzüberschreitende Lieferketten eingebunden: Teile wandern zwischen Mexiko und den USA hin und her, bevor sie in einem fertigen Produkt verbaut werden. Diese Lieferketten werden ganz überwiegend von US-amerikanischen, europäischen und japanischen Unternehmen kontrolliert, die hauptsächlich für den US-amerikanischen Markt produzieren. Mexiko produziert und exportiert jedes Jahr Fahrzeuge im Wert von 100 Milliarden US-Dollar in die USA für Stellantis, Ford, Nissan oder Volkswagen, die zu den zwanzig größten Arbeitgebern Mexikos zählen.

Die wirtschaftliche Transformation der letzten vierzig Jahre hat die mexikanischen Kleinproduzenten hart getroffen, insbesondere die Bauernschaft. Sie konnten nicht mit den billigen, in den USA angebauten Mais und Bohnen konkurrieren, die das Land seit den 1990er Jahren überschwemmen und über zwei Millionen Kleinbetriebe in den Bankrott getrieben haben. Auch kleine Geschäfte waren nicht in der Lage, sich gegen die Konkurrenz zu behaupten. Die größte Supermarktkette in Mexiko ist heute Walmart, die auch der größte private Arbeitgeber des Landes ist. Derzeit lebt fast die Hälfte der Bevölkerung unterhalb der in Mexiko extrem niedrigen Armutsgrenze, was unter anderem darauf zurückzuführen ist, dass die geschaffenen Arbeitsplätze nicht ausreichen, um die zerstörten Arbeitsplätze in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft und im Kleinhandel auszugleichen. Wie López Obrador selbst betont, sind jedes Jahr etwa 1,2 Millionen Mexikaner neu auf den Arbeitsmarkt gekommen, aber „in den letzten 15 Jahren wurden nur 500.000 Arbeitsplätze pro Jahr geschaffen“. So haben jedes Jahr und seit langem 700.000 Mexikaner nur die Wahl zwischen drei Wegen: Auswanderung, informelle Wirtschaft und Kleinkriminalität oder sogar Verbrechen. Tatsächlich ruft eben dieser Mangel an Arbeitsplätzen die unaufhörliche Gewalt hervor, die weitgehend von den Drogenkartellen verursacht wird. Auch sie sind seit den 1980er Jahren erheblich gewachsen und ihrerseits mit verschiedenen Teilen des Staatsapparats verbunden. Darüber hinaus hilft die enorme industrielle Reservearmee aus arbeitslosen Beschäftigten den Unternehmen, die Löhne zu drücken.

Während sich López Obrador vor fünf Jahren mit dem Versprechen zur Wahl stellte, dass seine vierte Transformation die mexikanische Wirtschaft und Regierung „zum Wohle aller und an erster Stelle der Armen“ arbeiten lassen würde, unterschied sich seine Politik im Wesentlichen kaum von der der vorherigen Präsidenten. Sie war darauf ausgelegt, die Interessen der mexikanischen Bourgeoisie und vor allem der US-amerikanischen Unternehmen zu bedienen, die die Wirtschaft des Landes dominieren.

Weit davon entfernt, Mexikos Beziehungen zum Imperialismus neu zu definieren, bemühte sich López Obrador, das Land als Alternative zu China anzupreisen, weil in Mexiko... die Löhne noch niedriger seien. Im Jahr 2019 veröffentlichte der Wirtschaftsminister eine Broschüre mit dem Titel „Mexikos Stärken für potenzielle ausländische Investoren“. Im Anschluss an eine Grafik erklärt der erste Satz der Broschüre: „Wie man sehen kann, sind die Arbeitskosten in Mexiko deutlich niedriger als unter anderem in Brasilien, Polen und Korea.“

Ja, eine vierte Transformation ist notwendig: eine Transformation, die nicht nur die Probleme des Landes, der Beschäftigung und der Armut bekämpft, sondern auch die Kräfte, die Mexiko beherrschen, das heißt die mexikanische Kapitalistenklasse und vor allem den US-Imperialismus.

Die Kraft, die Mexiko verändern könnte, existiert

Die Veränderungen in den letzten 40 Jahren haben die einzige Kraft, die die Fähigkeit besitzt, Mexiko zu verändern erheblich anwachsen lassen: die mexikanische Arbeiterklasse. Während 1980 nur die Hälfte der Bevölkerung in Städten mit mehr als 15.000 Einwohnern lebte, sind es heute mehr als 80% der Bevölkerung. Fast ein Drittel der mexikanischen Arbeitenden hat keine reguläre Beschäftigung und lebt von der informellen Wirtschaft. Doch die Arbeiterklasse und die mit ihr verbundenen Schichten machen den Großteil der Bevölkerung aus.

In den letzten Jahrzehnten haben ausländische Unternehmen mehr als 5.000 Fabriken errichtet, die sogenannten Maquiladoras. Sie beschäftigen über zwei Millionen Arbeiter, die sich auf einige wenige Städte in der Nähe der Grenze zu den USA konzentrieren. Die Arbeiter in den Maquiladoras sind zusammen mit den LKW-Fahrern, Eisenbahnern und allen, die sie betreiben, von zentraler Bedeutung für die Lieferketten auf dem gesamten nordamerikanischen Kontinent.

Und trotz des staatlichen Zugriffs auf die Gewerkschaften haben diese Arbeiter große Streiks organisieren können: 2019 kam es in Matamoros zu einer Welle wilder Streiks, die Zehntausende Maquiladoras-Arbeiter erfasste. 2020 brachen dort erneut Streiks aus, als sich Corona in den Fabriken ausbreitete.

Diese Arbeiterklasse verfügt nicht nur über die Kraft, sich der nationalen Kapitalistenklasse entgegenzustellen und sie zu entmachten. Sie hätte auch die Mittel, in einer von Mexiko ausgehenden Revolution den US-Imperialismus anzugreifen, der Mexiko unter seiner Knute hält.

Wenn es zu Revolutionen kommt, überschreiten sie die nationalen Grenzen. Kämpfe, die in einer Region geführt werden, greifen auf andere Regionen über. Wie weit könnte eine von der mexikanischen Arbeiterklasse ausgehende Revolution gehen? Die mexikanischen Arbeiter haben unzählige persönliche, kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen zu den Arbeitern in ganz Lateinamerika und der Karibik. Darüber hinaus – und das ist für die Überwindung der imperialistischen Herrschaft von entscheidender Bedeutung – gibt es zahllose Beziehungen zwischen mexikanischen Arbeitern und ihren Familienangehörigen, die im Westen der USA, in Florida und Texas sowie in Großstädten wie Chicago und St. Louis leben. In den USA leben 37 Millionen Menschen mexikanischer Abstammung, eine große Zahl im Vergleich zu den 128 Millionen Mexikanern, die auf mexikanischem Staatsgebiet leben. Wäre es nicht eine große Ironie der Geschichte, wenn die internationale kommunistische Revolution von Mexiko, diesem Hinterland des US-Imperialismus, ausgehen würde, bevor sie sich bis ins Herz der Metropole selbst ausbreitet?

Seit 1938 hat sich vieles verändert. Vor allem ist die potenzielle Kraft der Arbeiterklasse erheblich gewachsen. Aber eines ist unverändert geblieben: Es muss eine marxistische Partei, eine revolutionäre kommunistische Partei, geschaffen werden, und sie muss in der Arbeiterklasse an Einfluss gewinnen. Dies ist nicht nur in Mexiko der Fall. Diese Aufgabe ist auf der ganzen Welt von entscheidender Bedeutung, insbesondere in den Vereinigten Staaten, der imperialistischen Zitadelle, die die Welt beherrscht, heute noch mehr als 1938. Und um diese Partei aufzubauen, braucht es Frauen und Männer, die in ihrem tiefsten Inneren die Dringlichkeit dieser Aufgabe begreifen.

27. Juli 2023 




[1] Mexiko wurde um 1520 herum von den spanischen Konquistadoren erobert. Die brutale Eroberung führte dazu, dass 95% der einheimischen Bevölkerung entweder gewaltsam oder durch Krankheiten schnell ausstarben. In den folgenden drei Jahrhunderten blieb die mexikanische Gesellschaft rückständig. Sie wurde von der katholischen Kirche und den Vertretern des spanischen Militärs und der spanischen Verwaltung beherrscht. Lediglich der Bergbau und die damit verbundenen landwirtschaftlichen Betriebe entwickelten sich relativ stark.

[2] Eine Hacienda ist ein sehr großer landwirtschaftlicher Betrieb.

[3] übersetzt aus dem Englischen, aus Leo Trotsky: Nationalized Industry and Workers’ Management (May or June 1938)

[4] übersetzt aus dem Englischen, aus Leo Trotsky: Mexico and British Imperialism (June 1938)

[5] Diese Zitate stammen erneut (übersetzt) aus Leo Trotsky: Nationalized Industry and Workers’ Management