Chinas Wege sind unergründlich (3) - Die Ära Mao Zedongs

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Lutte de Classe (Klassenkampf)
Oktober 2025

Wir veröffentlichen den dritten und letzten Artikel zur Geschichte Chinas. Unsere Leserinnen und Leser finden die ersten beiden Teile in den Ausgaben 246 (März 2025) und 247 (April 2025).

 

Das heutige China überrascht seit mehr als dreißig Jahren durch sein explosives und anhaltendes Wirtschaftswachstum. Es scheint nichts mehr gemein zu haben mit dem China der Jahre 1949–1976, als Mao an der Macht war. Dennoch liegen die Wurzeln der heutigen Entwicklung in der maoistischen Ära. Als Maos Armeen 1949 die Macht ergriffen, war China ein verwüstetes Land am Rande des Zusammenbruchs. Chinas vergangene Pracht hatte die Begierden Aller geweckt: der ausländischen Mächte, der Warlords, der Armeen von Chiang Kai-schek und der Banditen. Alle hatten nur auf ein Signal gewartet, um sich darauf zu stürzen.

Die britischen Kanonenboote hatten ein Jahrhundert zuvor die Bewässerungskanäle, die Staudämme an den großen Flüssen und die gesamte, für die Landwirtschaft lebenswichtige Infrastruktur zerstört. Zahlreiche Bauernhöfe wurden aufgegeben. Ihre Bewohner flohen in die Städte, wo sie allerdings nur die Hölle der Industriebetriebe mit ihren sklavenartigen Bedingungen vorfanden.

Am Ende des 2. Weltkriegs gab es nur noch sehr wenige Industriebetriebe, abgesehen von denen in der Mandschurei, die noch aus der Zeit der japanischen Besatzung stammten. Auch gab es nur wenige Eisenbahnstrecken, abgesehen von denen, die die Armeen Japans und der Kuomintang [1] mehr oder weniger instand gehalten hatten, um Truppen zu transportieren. Zwei Jahrzehnte Krieg hatten Bombardierungen und Massaker mit sich gebracht … Um eine Überschwemmung zu verursachen und so den japanischen Vormarsch aufzuhalten, ließ Chiang Kai-schek [2] sogar die Deiche am Gelben Fluss bombardieren, wodurch eine ganze Region überflutet wurde.

 

Die KP und der Bauernaufstand

Die Lage war für die Bevölkerung unerträglich geworden. Der Rückzug der japanischen Armeen im Jahr 1945 wurde der Funke, der einen Flächenbrand auslöste. In jedem Dorf rechneten die armen Bauern mit den Wucherern, Spekulanten, Großgrundbesitzern und Feudalherren ab, die nun nicht mehr von der japanischen Besatzungsarmee geschützt wurden. Die Bauern wagten, wovon sie seit Jahrzehnten geträumt hatten: Sie nahmen sich zurück, was ihnen weggenommen worden war. Ihr Hass und ihre Wut kannten keine Grenzen mehr.

Die Führung der KP versuchte ihrerseits, ein Bündnis mit der Kuomintang zu schmieden. Sie betonten, dass sie gute Nationalisten seien und daher fähig wären, gemeinsam mit der Kuomintang zu regieren. Das hieß die Korruption der Kuomintang-Armee unterschätzen, die selbst von ihrer sozialen Basis – den Bourgeois, die oft auch Großgrundbesitzer und Wucherer waren – als unfähig angesehen wurde. Die Besorgnis der KP-Führung wuchs, die Bewegung der Millionen entfesselten Bauern setzte sie unter Druck. Das Bündnis mit der Kuomintang wurde widernatürlich, und viele KP-Führungskräfte hätten dafür beinahe dran glauben müssen. Sich von den Bauern abzukapseln, hätte für die KP die sichere Niederlage bedeutet.

Im Sommer 1946 änderte die KP daher ihren Kurs und beschloss, die Führung des Bauernaufstands zu übernehmen. Die Partisanengruppen – erfahrene, aber isolierte Guerillakämpfer – verwandelten sich in eine echte Armee. Diese ehemaligen landlosen Bauern, Flüchtlinge, Entrechteten … wurden zu Ausbildern und fanden in dieser Aufgabe eine Mission, die es zu erfüllen galt: die Japaner und die Plünderer der Kuomintang zu vertreiben. Diese Politik „gab der Truppe wieder eine Seele und einen Glauben zurück, bildete Kader mit einer Mentalität und einem Bildungsniveau auf Grundschulniveau aus, die jedoch energisch, völlig uneigennützig und fanatisch für ihre Sache eintraten“. [3] Die Armee der KP wurde so die nationalistische Armee schlechthin: Sie verjagten den ausländischen Eindringling sowie all jene, die sich mit ihm verbündet hatten.

 

Eine von ihrer Zeit geprägte Führungsriege

Die Führer der KP hatten die Verfolgungen durch die Kuomintang, das Misstrauen der Bauern und ihre internen Konflikte überstanden. Sie hatten eine gemeinsame Vergangenheit, hatten mehr oder weniger die gleiche Ausbildung genossen, teilten dieselbe Weltanschauung. Sie alle waren überzeugt, dass es ihre Pflicht sei, ihr Leben der Umgestaltung eines aus den Fugen geratenen Chinas zu widmen. Hartnäckig und ausdauernd, waren sie geprägt von einer ganzen Epoche.

Die künftigen politischen Führer der KP erhielten ihre politische Ausbildung in einer Zeit, in der die gesamte Gesellschaft von Umwälzungen geprägt war. Ihre Jugend war eine Zeit, in der alles in Frage gestellt wurde. Die Entwicklung der Bourgeoisie in Europa und den Vereinigten Staaten führte dazu, dass die alten Strukturen der Vergangenheit zerbrachen. Das Selbstbewusstsein und die Aggressivität dieser neuen gesellschaftlichen Klasse, die durch ihren Erfolg immer stärker wurde, stellten das weltweite Gleichgewicht unaufhaltsam in Frage. Nach vielen Plünderungen und Gewalttaten wurden die Widersprüche ihres Systems im 20. Jahrhundert so groß, dass sie explodierten: in Form von zwei Weltkriegen, wie sie die Menschheit noch nie erlebt hatte. Und sie führten zu einer Revolution, die von einer jungen Arbeiterklasse angeführt wurde, die sich in dieser revolutionären Welle emanzipierte.

Die alte Welt begann an all ihren Nähten aufzureißen. In Europa, das sich im Krieg befand, platzte sie letztlich in ihrem schwächsten Glied: in Russland. In diesem Land, das gerade erst kapitalistisch geworden, aber gesellschaftlich noch mittelalterlich geprägt war, stürzte eine Revolution das zaristische Regime, an ihrer Spitze eine Avantgarde, der bewussten Arbeiterklasse, die von der bolschewistischen Kommunistischen Partei angeführt wurde.

Junge Chinesen gingen damals zum Studium nach Frankreich. Sie wurden aus ihren Provinzen, in denen sowohl unverändert uralte Traditionen als auch Chaos herrschten, in den brodelnden politischen Schmelztiegel katapultiert, der Europa in jener Zeit war. Ohne stets die ganze Komplexität der Situation zu erfassen, in der sie sich befanden, tauchten sie in diese Welt ein, nahmen sie in sich auf und wurden in der Schule der europäischen Arbeiterbewegung der 1920er Jahre zu Aktivisten, wie nur jene Zeit sie hervorbringen konnte.

Sie übernahmen wesentliche Ideen der Arbeiterbewegung – insbesondere, dass man die herrschenden, feudalen und imperialistischen Mächte stürzen und sich dazu auf die Massen stützen muss.  Doch Viele vergaßen die anderen Prinzipien des Kommunismus, nämlich dass das kapitalistische System auf dem Privateigentum beruht, allen voran des Eigentums an den für die Gesellschaft nützlichen Produktionsmitteln (Schwerindustrie, Verkehr, Ingenieurbauwerke usw.), und dass der Kommunismus im Gegensatz dazu auf deren gemeinschaftlichem Eigentum beruht. Diese beiden Systeme können nicht nebeneinander bestehen. Und der Internationalismus, ein Grundprinzip der kommunistischen Ideen, ist für diesen eine unabdingbare Voraussetzung.

Doch in der UdSSR tobte ein Kampf innerhalb der Führung der jungen Sowjetmacht. Und das stalinistische Lager, das sich schließlich durchsetzen sollte, begann die Idee zu vertreten, dass der Sozialismus in einem einzigen Land möglich wäre. Dies kam allen Kleinbürgern in den armen Ländern sehr gelegen, die davon träumten, durch die Ausbeutung ihrer eigenen armen und analphabetischen Bauern ins Großbürgertum aufzusteigen. Diese politische Vision, die darauf hinausläuft, die Herrschaft des Imperialismus zu akzeptieren, passte den chinesischen Führern perfekt in den Kram. Schließlich war deren politische Ausbildung im Wesentlichen im Kampf gegen die reaktionären Kräfte erfolgt, die die Chinesen in einer mittelalterlichen Welt gefangen hielten.

Es war nicht mehr nötig, Internationalisten zu sein… außer in Worten. Sie konnten nun zu konsequenten Nationalisten werden. Dabei vergaßen sie jedoch, dass die Arbeiterklasse, die in den Fabriken, Büros und Banken und insbesondere in den Hochburgen der Bourgeoisie in Europa und Amerika arbeitet, nicht nur die einzige Kraft ist, die die imperialistische Bourgeoisie stürzen, sondern auch die einzige, die sie ersetzen kann – und dass dies eine Revolution auf weltweiter Ebene voraussetzt.

Zhou Enlai, einer der einflussreichsten kommunistischen Führer, stand fast sein ganzes Leben lang an der Seite Maos. Als Sohn einer Gelehrtenfamilie engagierte er sich in der Bewegung des 4. Mai [4], was ihm eine Gefängnisstrafe einbrachte. In Frankreich gründete er 1922 den europäischen Zweig der KP Chinas. Mit 26 Jahren wurde er dann Leiter der Militärakademie von Whampoa. [5]

Lin Biao, der aus dem ländlichen Kleinbürgertum stammte, wurde mit 18 Jahren Kommunist, engagierte sich in der Studentenbewegung und trat 1925 in die Militärakademie ein. Nach dem Langen Marsch [6] wurde er zu einem berühmten Kommandanten, nachdem er die Mandschurei von der japanischen Armee zurückerobert hatte. Sie und andere Führer der KP begaben sich außerdem zur Ausbildung in die UdSSR, unter ihnen Liu Shaoqui, der nach seiner Rückkehr aus der UdSSR während der Revolution von 1925–1927 die Eisenbahner von Shanghai organisierte. Kaum waren sie politisch erwacht, standen sie schon an der Spitze der Revolution von 1927. Noch plötzlicher fielen sie der Repression zum Opfer und flohen unorganisiert aus den Städten. Sie suchten tastend nach einem Weg, wie sie weitermachen könnten. In kleinen bewaffneten Gruppen versteckten sie sich auf dem Land und wandten sich der Guerillatätigkeit zu. Es begann eine lange Phase der Flucht nach vorn, in der sie empirisch nach Lösungen suchten, um von den Bauern akzeptiert zu werden, sich zu versorgen und sich dort niederzulassen, wo es ihnen möglich war.

 

Der Einmarsch in die Städte und die demokratische Phase: eine Phase zur Etablierung und Stabilisierung ihrer Macht

Als die Truppen der KP 1949 in die Städte einmarschierten, hatte Mao große Sorge, dass die Arbeiterklasse ihren Eroberungskampf unterstützen und so die Bourgeoisie verschrecken könnte. Daher tat er alles, damit sich nichts änderte. Er warnte: „Verbreitet nicht leichtfertig Parolen für Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzung.“ „Beeilt euch nicht, die städtische Bevölkerung im Kampf für demokratische Reformen und die Verbesserung der Lebensbedingungen zu organisieren.“ [7] Als es in den Fabriken Shanghais und anderer Städte zu Streiks kam, erklärte derselbe Mao: „Jeder Bummelstreik und jede Sabotage werden bestraft.“ [8] Die Beamten der Kuomintang, ihre zur Roten Armee übergelaufenen Offiziere und die Unternehmer blieben im Amt. Bei den Versammlungen saßen die Kommunisten Seite an Seite mit ihren Henkern von 1927. Zwar war die KP in den abgelegenen Regionen des Nordens verankert, doch im reicheren und weiter entwickelten Süden und entlang der Küsten, wo die großen Städte Guangzhou und Shanghai lagen, war sie es nicht. Entsprechend prekär war das Kräftegleichgewicht.

 

Der Koreakrieg (1950–1953)

Die Macht der KP wurde noch prekärer, als die Vereinigten Staaten 1950 in den Koreakrieg eintraten, um die asiatischen Länder zur Ordnung zu rufen, die sich ihrem Einflussbereich zu entziehen suchten und sich der UdSSR zuwandten. Die Kommunistische Partei Chinas beschloss, sich trotz ihrer technischen Unterlegenheit in den Krieg einzumischen, wobei sie den patriotischen Aufschwung in der Bevölkerung nutzte und diesen selber schürte. Sie startete zahlreiche Kampagnen wie „Unterstützt die Löwen an der Front“ und „Leistet Amerika Widerstand“. Karikaturen von Uncle Sam wurden durch die Dörfer getragen.

Die chinesische Armee war sehr viel schlechter ausgerüstet als die US-Armee. Dennoch drängte sie die US-Armee innerhalb weniger Monate zurück. Der Konflikt endete mit einer Rückkehr zu den vorherigen Grenzen, wodurch Korea in zwei Teile geteilt wurde. Es war kein Sieg, aber es war eine Revanche nach einem Jahrhundert der Schande, eine Heldentat gegen eine imperialistische Armee.

Gestärkt durch die Unterstützung der Bevölkerung gelang es der KP, die verbliebenen Mitglieder der Kuomintang zu beseitigen und sogar die Verwaltung und die Partei zu säubern. Es war die „Kampagne gegen die drei Anti“, die sich gegen Veruntreuung, Verschwendung und Bürokratismus richtete. Der relative Erfolg der KP im Koreakrieg zog Millionen junger Menschen vor allem aus dem städtischen Kleinbürgertum an. Er stärkte landesweit den Apparat der Partei und sein Rückgrat: die Armee. Und sobald sich die Regierungsmacht stabilisiert hatte, nahm die Führung die Wirtschaft in Angriff.

 

Den wirtschaftlichen Rückstand aufholen

Sowjetrussland hatte Jahre mit dem Versuch verbracht, seinen wirtschaftlichen Rückstand aufzuholen. Denn seine Industrie, die noch in den Kinderschuhen steckte, war völlig unfähig, der Bauernschaft die Güter zu liefern, die sie brauchte. In China hatte es weder eine vorherige Anhäufung von Reichtum gegeben (was Marx als „ursprüngliche Akkumulation“ bezeichnete), noch konnte das Land auf die Hilfe der fortgeschrittenen Länder zählen. Diese waren China im Gegenteil feindlich gesinnt und verhängten eine Wirtschaftsblockade. Somit war die Bauernschaft die wichtigste Kraft, um Reichtum zu produzieren. Doch die Bauern waren so zahlreich und so wenig produktiv, dass sie unmöglich einen Überschuss an Reichtum produzieren konnten, der als Grundlage für eine Industrie hätte dienen können. Dieses Dilemma wurde zu einer regelrechten Obsession für die Parteiführung. Um sich ihm zu stellen, hatten sie nur die Parteikader und die Armee zu ihrer Verfügung, die einer Masse von mehreren hundert Millionen hungernder Bauern gegenüberstanden. Ununterbrochen wurde die Bevölkerung diszipliniert – angefangen bei den Parteikadern selber, unter denen regelmäßig Säuberungsaktionen stattfanden. Diese Säuberungen sollten den Parteikadern jeden Widerstandsgeist rauben, damit sie willfährig und gnadenlos alle von der Parteiführung beschlossenen „Kampagnen“ umsetzten.

Scheinbar setzten diese Kampagnen alle in Bewegung. Doch viele drückten sich vor ihnen. Die Aufgabe der Parteikader bestand darin, die „Begeisterung“ zu vermitteln. Doch es gab auch all diejenigen, die die Unruhe ausnutzten, um ihre eigenen Interessen zu verfolgen oder ihre Macht zu missbrauchen. Dennoch ermöglichten es diese Kampagnen, die Bevölkerung im Gleichschritt marschieren zu lassen, auch wenn dieser zu langsam war.

Die KP hatte einen gesamten Staatsapparat zu ihrer Verfügung. Mit seiner Hilfe setzte sie niedrige Löhne durch, zwang die Bauern, ihre Erzeugnisse an den Staat zu verkaufen … Jeder noch so kleine, von der Bauernschaft erwirtschaftete Überschuss floss die Industrie, ohne dass die Bevölkerung jemals davon profitierte.

Der erste Fünfjahresplan von 1953 bis 1957 war eine erste große Kampagne. Sie wurde mit Hilfe der UdSSR durchgeführt und teilweise von ihr finanziert. Man nahm sich dabei die wirtschaftlichen Maßnahmen der UdSSR als Vorbild. Schließlich schien der große Nachbar damit erfolgreich zu sein. Die chinesische Führung machte sich mit wehenden Fahnen auf den Weg der Industrialisierung und plante 146 Großprojekte, vor allem in der Schwerindustrie. Um diese zu finanzieren, sollte die Landwirtschaft modernisiert werden, doch es gelang nicht, deren Produktivität zu steigern. Den neuen Fabriken fehlte es an qualifizierten Ingenieuren und Technikern, was auch die aus Russland kommenden Fachkräfte nicht ausgleichen konnten. Zahlreiche Projekte wurden aufgegeben. Diese „russische“ Kampagne erwies sich als halber Misserfolg, sodass die KP rasch eine neue Kampagne ankündigte, diesmal jedoch „nach chinesischem Vorbild“. Sie schlug vor, „auf zwei Beinen zu gehen“ – Landwirtschaft und Industrie.

 

Vom Großen Sprung nach vorn (1958–1961) zur Kulturrevolution

Im Namen dieser zweiten Kampagne – dem „Großen Sprung nach vorn“ – wurde die Zentralisierung gelockert. Jede Region sollte autonomer werden. Die Führungskräfte mussten um jeden Preis die industriellen und landwirtschaftlichen Erträge steigern. Die Bauern, die bislang zu Kommunen von 20.000 bis 40.000 Einwohnern zusammengefasst worden waren, wurden nun in militärähnlichen Brigaden organisiert, die je nach Bedarf auf die Felder, in die Fabriken und zu Großbaustellen geschickt wurden. Doch der Aufbau einer lokalen Industrie erwies sich schnell als Fiasko. Bezeichnend hierfür sind die Hochöfen in den Dörfern, in denen die Bauern sogar ihr Besteck einschmelzen mussten und die letztlich nur Roheisen von schlechter Qualität erzeugten. In diesem Chaos mussten die Bauern zudem einen großen Teil ihrer Ernte an den Staat abtreten. Schon bald kam es zur Katastrophe und zur Hungersnot. Doch die Machthaber exportierten weiterhin Getreide, um den Erlös in die Industrie investieren zu können.

Trotz alledem erzielte dieser Gewaltakt gegen die Bevölkerung in gewisser Weise einige Ergebnisse: Sümpfe wurden trockengelegt, Wälder gerodet, Deiche gebaut. Und der Anteil des Reichtums aus der Landwirtschaft, der für den Aufbau der Industrie genutzt werden konnte, stieg von unter 10% auf über 20%. Doch diese Erfolge forderten unzählige Opfer – darunter die fast 30 Millionen Tote der Hungersnot. Diese Episode sollte für die gesamte chinesische Gesellschaft ein echtes Trauma bleiben.

In einem Teil der städtischen Bevölkerung, darunter Parteikader und Arbeiter nahm die Unzufriedenheit stark zu. Im Bewusstsein dieser Gefahr startete die Führung der KP eine neue Kampagne, diesmal unter Einbeziehung der kleinbürgerlichen Jugend. Im Jahr 1966 und den zwei darauffolgenden Jahren wurden Millionen von Studierenden und Schülern, die sogenannten Roten Garden, fanatisiert. Sie wurden gegen Parteikader und Intellektuelle aufgehetzt, denen vorgeworfen wurde, Konterrevolutionäre zu sein. Zweifellos mussten die Führer der KP eine sehr reale Gefahr gespürt haben. Nach der Hungersnot während des „Großen Sprungs nach vorn“, die man als persönlichen Misserfolg Maos ansah, musste die Bevölkerung dazu gebracht werden, weiterhin wie in einer belagerten Festung in äußerster Entbehrung zu leben.

Die Roten Garden wurden bis zum Äußersten getrieben, aufgehetzt unter anderem durch die Demonstration von etwa einer Million Jugendlicher in Peking im Sommer 1966, die mit dem Zug aus ganz China herangekarrt worden waren. Die Roten Garden hatten freie Hand; nur Kasernen und Fabriken waren ihnen verboten. Sie zerstörten alles Kulturelle, gingen gegen Intellektuelle und Führungskräfte vor, plünderten deren Häuser und schlugen sie. Sogar Parteiorgane und die Verwaltungen wurden verwüstet, die Führungskräfte mussten „Kampf-Versammlungen“ über sich ergehen lassen, mit anderen Worten: Demütigungen und Folter.

Hinter diesem zerstörerischen und barbarischen Wahnsinn standen die Machthaber: Die Armee, die einmal mehr das Sagen hatte, leitete die Jugendlichen an. Die Polizei lieferte die Adressen, die Züge waren kostenlos… Die Arbeiter standen den Roten Garden instinktiv feindlich gegenüber, vor allem, wenn diese ihnen sagten: „Jetzt, da wir die Macht ergriffen haben, können wir Faulheit nicht mehr tolerieren.“ [9] Auch um spontanen Entwicklungen zuvor zu kommen, rief Mao daher die Arbeiter in Shanghai dazu auf einzugreifen. Das ging jedoch nach hinten los. Denn auch wenn die Arbeiter offiziell die Parolen der Kulturrevolution übernahmen, füllten sie diese doch mit ihrem eigenen Inhalt: mit dem Hass auf die Parteikader und Gewerkschaftsführer ihrer Fabrik. Sie traten in den Streik, um Lohnerhöhungen zu erzwingen.

Im Winter 1966 legte ein zweimonatiger Streik Shanghai lahm. Es folgten weitere Streiks in allen Industriegebieten. Es kam zu blutigen Zusammenstößen zwischen den Roten Garden und den Arbeitern, wobei letztere manchmal von der übrigen Bevölkerung unterstützt wurden. Daraufhin schickte die Regierung die Armee: Ausgangssperren, Panzer auf den Straßen, schwere Artillerie und sogar Napalm-Bomben. Die nun überflüssig geworden zwanzig Millionen Rote Garden wurden gewaltsam aufs Land geschickt. Die zuvor zerschlagenen Verwaltungsapparate und die entlassenen Parteikader, die überlebt hatten, wurden wieder eingesetzt. Diese Kampagne hatte die Partei ins Visier genommen wie nie zuvor. Jegliche Opposition wurde ausgeschaltet, die Stadtbevölkerung und insbesondere die Arbeiter wurden mundtot gemacht.

 

Der Tod des Großen Steuermanns“ (1976)

Im Jahr 1972 änderten die Vereinigten Staaten, die im Vietnamkrieg feststeckten, ihre Politik in Asien und nahmen wieder Beziehungen zu China auf. Diese Entscheidung veränderte Chinas Lage grundlegend. Umso mehr, als diese Zeit von der Frage um die Nachfolge Maos geprägt war. Je näher sein Ende rückte, desto erbitterter wurde der Kampf zwischen den Anwärtern, die seine Nachfolge antreten wollten. Deng Xiaoping machte das Rennen. [10] Nur einen Monat nach Maos Tod ließ er – gestützt auf seinen Einfluss in der Partei und der Armee – die Anführer der maoistischen Fraktion verhaften. Die als „Viererbande“ bezeichnete Gruppe wurde beschuldigt, für die Exzesse der Kulturrevolution verantwortlich zu sein. Maos Witwe wurde zum Tode verurteilt. Dieser Prozess symbolisierte das offizielle Ende des Maoismus und ermöglichte es Deng Xiaoping, an die Macht zu gelangen und dort bis zu seinem Tod zu bleiben.

* * *

Die spektakuläre Entwicklung der chinesischen Wirtschaft seit Maos Tod vor fast fünfzig Jahren bestärkt die etwas radikaleren politischen Führungen verschiedener Nationen, die versuchen, sich etwas aus dem wirtschaftlichen und politischen Griff des Imperialismus zu befreien. China ist für sie ein Vorbild; es ist das Land, das es „geschafft“ hat, indem es sich auf seine arme Bauernschaft und (in dem Maße, in dem sich diese entwickelte) auf seine Arbeiterklasse stützte. Durch die unerbittliche Ausbeutung dieser Massen gelang es der regierenden KP, eine leistungsfähige Industrie aufzubauen, die es China ermöglichte, zur „Werkbank der Welt“ zu werden. Im Wettbewerb innerhalb der imperialistischen Welt hat China die Grundproduktion der gängigsten Industriegüter. Und auch wenn seine Industrie noch nicht ganz in der Lage ist, mit den von der imperialistischen Welt so geschätzten Spitzentechnologiebranchen zu konkurrieren, so arbeitet sie unermüdlich daran, dieses Ziel zu erreichen.

Eine Reihe weiterer Staatschefs armer Länder hat dieses Rezept ausprobiert, darunter Vietnam, Nordkorea… Doch weitaus zahlreicher sind diejenigen, die es aufgegeben haben, sei es auf Kuba oder in Afrika. Diese Länder, deren Revolution weniger tiefgreifend war, haben den Weg des sozialen und wirtschaftlichen Wandels aufgegeben und das Diktat des Imperialismus akzeptiert – nicht zuletzt, weil sie weniger Gründe hatten daran festzuhalten als die chinesische Führung. Letztere hatte die Besonderheit, dass sie ihre Wurzeln im Schmelztiegel der bolschewistischen Revolution hatten. Es war eine jakobinische, radikale Führung. Als kommunistisch getarnt und gestützt auf einen Bauernaufstand, dessen Führung sie übernommen hatte, gelang es ihr, sich trotz interner Konflikte zu behaupten –  möglicherweise gerade wegen ihrer gemeinsamen Wurzeln und Ausbildung. Sie profitierte aber auch davon, dass China ein großes Land mit einer sehr großen Bevölkerung ist, mit bedeutenden Bodenschätzen, ohne Feinde an seinen Außengrenzen und vor allem mit einer sehr langen Tradition von staatlich gelenkter Wirtschaft, die sich vom Kaiserreich bis zur Diktatur Maos erstreckte. All dies musste zusammenkommen, um das heutige China zu schaffen.

Wir überlassen es den Bewunderern Chinas, darin eine Art Wunder oder gar ein Vorbild zu sehen – im Gegensatz zur heutigen Lage der überwältigenden Mehrheit der anderen Länder. Wir hingegen sehen kein Wunder in der Ausbeutung einer Bevölkerung durch einen weitverzweigten Staatsapparat und kostengünstige Maßnahmen (Gesundheitsversorgung, günstige Lebensmittel und Ähnliches…). Wir hingegen sehen in China vor allem das Potenzial der Arbeiterklasse. In diesem Land lebt und arbeitet heute in konzentrierter Form ein Großteil der weltweiten Arbeiterklasse. Und das eröffnet seiner Bevölkerung und der ganzen Menschheit tatsächlich eine Zukunft, viel mehr als der frenetische und endlose Wettlauf Chinas, die Großmächte einzuholen – ein Wettlauf, obendrein nur dazu führt, dass es in dem Konkurrenzkampf, den die imperialistischen Mächte heute gegeneinander führen, noch einen weiteren Konkurrenten gibt.

 

22. Oktober 2025

 

Anhang

Folgendes schrieben wir Nr. 76 der Zeitschrift Lutte de Classe, die am 8. Oktober 1963 erschienen:

China vor vierzehn Jahren

[…] Das alte China war tot, und zwar endgültig tot. Aber die Kommunistische Partei Chinas war keine proletarische revolutionäre Partei. [… ] Ihr Anliegen nach der Machtübernahme war nicht die Ausweitung der Revolution, sondern die Befreiung der chinesischen Volkswirtschaft aus den Klauen des Weltimperialismus, um der chinesischen Bourgeoisie ein Überleben zu ermöglichen. Das entsprach weder der Tradition von Marx noch der von Lenin, sondern war in Wirklichkeit die Fortsetzung des Traums von Sun Yat-sen.

Dennoch haben sich die Lebensbedingungen der Massen erheblich verändert. Sie haben Land erhalten, die neue Regierung hat die Korruption und die schamlose Verschwendung beseitigt, die unter Chiang geherrscht haben.

Im Oktober 1949 wurde ein Viertel der Menschheit dem Einfluss des Imperialismus entzogen. Dies bedeutete jedoch nicht die endgültige Befreiung dieser 600 Millionen Menschen. Im Zeichen der „neuartigen Demokratie“ spannte das Regime sie für den wirtschaftlichen Aufbau ein, dessen Nutznießer vor allem die herrschenden Schichten, die nationale Bourgeoisie, waren. Doch wie dem auch sei: Dieses Datum markiert dennoch die größte Niederlage des Imperialismus seit Oktober 1917, und in den Fabriken und auf den Baustellen des neuen Chinas wächst und reift ein neues Proletariat.

 

[1] Nationalistische Partei, die 1912 von Sun Yat-sen gegründet wurde, nachdem die Revolution von 1911 das Kaiserreich beendet und die Republik ausgerufen hatte. Sie regierte China bis zum militärischen Sieg der KP im Jahr 1949.

[2] General und Vorsitzender der Kuomintang; er schlug 1927 die Arbeiterrevolution in Shanghai nieder und regierte anschließend, unterstützt von den Vereinigten Staaten, bis zum Sieg Maos im Jahr 1949.

[3] Jacques Guillermaz: Geschichte der Kommunistischen Partei Chinas, Band 2 – Von Yenan zur Machteroberung.

[4] Demonstration in Peking im Jahr 1919 gegen die Siegermächte des Ersten Weltkriegs; diese hatten im Versailler Vertrag chinesisches Territorium, das zuvor deutsche Kolonie gewesen war, an Japan abgetreten, statt es ihrem Verbündeten China zurückzugeben.

[5] Sie wurde 1924 in der Nähe von Kanton dank der Unterstützung der UdSSR und nach dem Vorbild der von Trotzki gegründeten Akademie gegründet; unter der Leitung von Chiang Kai-shek und Zhou Enlai war sie eine Talentschmiede für nationalistische und kommunistische Militärkader.

[6] Rückzug von Maos Armee vor den Truppen der Kuomintang in den Jahren 1934–1935; sie zog sich 12.000 Kilometer weit vom Süden in den Norden des Landes zurück. Der Rückzug forderte etwa 100.000 Opfer. In dieser Zeit gelang es Mao, seine Macht in der Partei zu festigen.

[7] Mao Zedong: „Telegramm an den Befehlshaber der Luoyang-Front nach der Rückeroberung der Stadt“, 8. April 1948.

[8] Mao Zedong und Zhu De: „Proklamation der Volksbefreiungsarmee Chinas“, 25. April 1949.

[9] Ken Ling: The revenge of Heaven. Journal of a young Chinese, 1972.

[10] Deng Xiaoping stammte aus einer Bauernfamilie. Er wurde 1923 von Zhou Enlai in Paris rekrutiert, wo er sich politisch engagierte. Anschließend hielt er sich in der UdSSR auf. Er nahm am Langen Marsch teil und war ein militärischer Führer. Nach 1949 wurde er Generalsekretär der KP. Als Kritiker des „Großen Sprungs nach vorn“ wurde er während der Kulturrevolution heftig angegriffen und ausgeschlossen. Es gelang ihm jedoch, wieder aufgenommen zu werden, die Karriereleiter erneut hinaufzuklettern und 1973 sogar das Amt des Vizepremierministers zu bekleiden.