Weltwirtschaft: „Globalisierung“ - ein Trendbegriff, der die imperialistische Realität eher vernebelt als verdeutlicht (übersetzt aus Class Struggle - Großbritannien - von Januar 1997)

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Weltwirtschaft: „Globalisierung“ - ein Trendbegriff, der die imperialistische Realität eher vernebelt als verdeutlicht
Januar 1997

In den letzten Jahren ist "Globalisierung" - ein Begriff aus dem Wortschatz der Ökonomen - in den Medien, unter Politikern und auch in gewissem Ausmaß unter den Linken zu einem Modewort geworden.

Der Vorteil, wenn man einen solchen Begriff benutzt, ist zumindest für diejenigen, die es benutzen, dass es für alle möglichen Gelegenheiten ein Schlagwort ist, das an und für sich nicht viel aussagt. Wird es aber, wie oft der Fall, zusammen mit Ausdrücken wie "Freihandel", "Deregulierung", "Flexibilisierung", "Standortverlagerung" ... gebraucht, so wird daraus für die Einen ein Weg auf eine fortschrittliche und glückliche Zukunft, und für die Anderen auf eine unheilvolle. Für die Ersten bedeutet die "Globalisierung" das Ende von einer zwei Jahrzehnte dauernden tiefen weltweiten Krise, indem sie dem Kapitalismus international vollkommen neue Entfaltungsmöglichkeiten eröffnet - zugegebenermaßen nicht ohne Opfer für die Bevölkerung, die diese aber bereitwillig tragen wird. Für letztere bedeutet "Globalisierung" eine grundlegende Veränderung in den Methoden und Mechanismen der imperialistischen Herrschaft, wenn nicht sogar in ihrem Wesen, eine Veränderung, die unwiderruflich gewöhnlichen Menschen jeder Mitbestimmungsmöglichkeiten über die Ausgestaltung ihrer eigenen Zukunft beraubt, und man muss sich deshalb um jeden Preis dagegen wehren. Obwohl beide Ansichten scheinbar zu ganz gegensätzlichen Schlussfolgerungen führen, so gehen sie doch von der gleichen Voraussetzung aus - nämlich davon, dass die "Globalisierung" eine qualitative Veränderung in der Arbeitsweise des Imperialismus darstellt.

Der erste Standpunkt wurde zum Beispiel ausführlich in einer "Übersicht über die Weltwirtschaft" vertreten, die im Oktober 1994 von der Wirtschaftszeitung The Economist veröffentlicht wurde. Im Kern ging es in dieser "Übersicht" darum, das Wesen jener "denkwürdigen" Veränderungen herauszustellen, die sich, laut diesem Journal, in der ganzen Welt breitgemacht haben, und auf dieser Basis eine kommende Ära des Wohlstands ankündigen: "In den nächsten 25 Jahren wird die Welt die größten Verschiebungen von Wirtschaftskraft seit mehr als einem Jahrhundert erleben. Heute dominieren die sogenannten Industrieländer den Globus, so wie schon in den etwa 150 vergangenen Jahren. Innerhalb einer Generation werden nun einige sehr wahrscheinlich von neu entstehenden Wirtschaftsriesen in den Schatten gestellt." Natürlich, so führte diese "Übersicht" aus, werden "die Anpassungen, die den Ländern der Dritten Welt aufgezwungen werden, schmerzhaft sein, selbst wenn sie langfristig segensreich sind." Anstatt sich gegen das Unvermeidliche zu wehren, führte die \"Übersicht\" weiter aus, "wäre es viel vernünftiger gegen alle Inflexibilitäten der Wirtschaft zu kämpfen, die schnellere Anpassungen behindern. Das bedeutet vor allem, dass die Arbeitsmärkte flexibler gemacht werden: Indem Mindestlöhne abgeschafft werden, die bloß verhindern, dass sich die Lohnverhältnisse angleichen können; indem Wohlfahrtsleistungen gekürzt werden, die Arbeitslose bloß von der Arbeitssuche abhalten; und indem Schutzbestimmungen gegen willkürliches Heuern und Feuern gelockert werden, die bloß Neueinstellungen behindern." Die Arbeitenden sollten sich also glücklich den "neuen" eisernen Gesetzen des "globalen" Wettbewerbs beugen und alle Konsequenzen seelenruhig auf sich zukommen lassen.

Aber diese "Übersicht" sagte zum Schluss: "Trotz des Ausmaßes der kommenden Veränderungen und trotz der Probleme, die durch sie entstehen, gibt es wenig Grund zur Sorge. Für die reichen Länder werden die nächsten 25 Jahre eine Zeit nie da gewesener Möglichkeiten sein, fast so wie für die aktuellen armen Länder."- damit liefern sie kurz und knapp die Rechtfertigung sowohl aller Regierungsmaßnahmen, die in Großbritannien seit den frühen 80ern durchgeführt worden sind, wie auch für die lange Reihe von Angriffen gegen Arbeitsplätze, Löhne und Arbeitsbedingungen, die die Unternehmer im gleichen Zeitraum vollzogen.

Nach zwei Jahren muss die Arbeiterklasse immer noch auf diese von The Economist angekündigte "Zeit nie da gewesener Möglichkeiten" warten. Bis jetzt ist das Einzige, was für sie noch nie da gewesen ist, das Ausmaß, in dem die Bosse immer noch Arbeitsplätze vernichten und den Beschäftigten erbärmliche willkürliche Arbeitsbedingungen aufzwingen! Auf der anderen Seite ist offensichtlich, dass es für die Kapitalistenklasse eine Menge Möglichkeiten zum Profitmachen gegeben hat (ob nie da gewesen oder nicht, das ist eine ganz andere Frage).

Am 6. Dezember 1996 prahlte Handelsminister Ian Lang im Unterhaus, "wir haben jetzt endlich das lang anhaltende Sinken von Großbritanniens Anteil am Welthandel gestoppt, und dies bei der nie da gewesenen Konkurrenz aus der ganzen Welt. Eine Investitionswelle für den Binnenmarkt wird nach Großbritannien her einrollen, so wie der Ruf dieses Landes wächst und die Konzerne beobachten neidisch die Leistungsfähigkeit ihrer Rivalen, die sich für ihren Standort hier entschieden haben. Binnen- und Außeninvestitionen, verbunden mit einer Exportwelle können dabei helfen, für Großbritannien ein Goldenes Dreieck des Wohlstands zu gestalten, wo jeder Teil mit dem anderen zum gegenseitigen Nutzen zusammenarbeitet." Natürlich ist Lang, sowohl mit Großbritanniens Weltmarktanteil, wie auch mit seiner Vision von den vielen ausländischen Konzernen, die für das Privileg, hier in Großbritannien Arbeitsplätze schaffen zu dürfen, Schlange stehen, etwas zu optimistisch gewesen. Aber zumindest an seiner Idee von "einem Goldenen Dreieck des Wohlstands" steckt etwas Wahres - die britischen Profitbarone haben ebenso ihr Goldenes Dreieck bekommen, nur wie die burmesischen Opiumbarone ihr eigenes hatten.

Die "Bedrohung" durch die "neuentstehenden Wirtschaftsriesen" ist heutzutage vollkommen schablonenhaft. Es gibt regelmäßig selbstgerechte, wenn nicht begeisterte Hinweise auf die Tatsache, dass die Löhne in Vietnam, Malaysia oder China etwa dreißig Mal niedriger liegen als hier. Aber in den meisten Fällen geht es allein darum, die Löhne hier zu drücken, wenn darauf verwiesen wird, welche miserablen Löhne in diesen Ländern üblich sind. Die meisten der Wirtschaftsmagnaten, die zu dieser Rhetorik greifen, haben überhaupt keinerlei Absichten, ihr eigenes Kapital in diesen armen Ländern aufs Spiel zu setzen. Jene, die ihren Standort wirklich verlagern, gehen sogar oft genug in Länder, in denen die Löhne gleich oder sogar höher liegen als hier - weil sie gar keine andere Wahl haben, um ihre Profite zu maximieren, und nicht etwa, weil sie von irgendeinem geheimnisvollen oder mystischen "globalen Gesetz" dazu gezwungen wären.

Noch allgemeiner nährt dieser ganze Lärm um die "Globalisierung" die Vorstellung, dass die Arbeitslosigkeit, die Verschlechterung der Lebensbedingungen, und der Abbau ganzer Industrien in Großbritannien unvermeidliche Konsequenzen eines Wachstums in Welthandel und Kapitalexport sei - wobei letzteres mehr oder weniger mit Standortverlagerungen gleichgesetzt wird. Wenn Großbritannien doch bloß vom Weltmarkt und von der Konkurrenz isoliert werden könnte, damit hätte die Not der hiesigen Arbeiterklasse ein Ende - so verläuft die Argumentationslinie einer ganzen Strömung aus Gewerkschaftsfunktionären, Labour-Politikern und linken Aktivisten. Diese Strömung hängt auch, ganz besonders im gewerkschaftlichen Milieu, am altbekannten "Buy British"-Slogan. Und eigentlich ist diese ganze Argumentation eine alte Illusion - wie viel netter der Kapitalismus doch sein könnte, wenn er sich nur auf Großbritannien beschränken würde ... Als ob die britischen Kapitalisten ihre Investitionsentscheidungen nach der neuesten Mode - ob nun "global" oder vielleicht doch lieber "klein englisch" - treffen würden und nicht auf Grundlage dessen, was ihnen am profitabelsten erscheint!

Eine solche Argumentation geht vollkommen an der heutigen Realität vorbei. Außerdem könnten daraus vollkommen absurde und eventuell gefährliche Vorstellungen über die Ursachen und auch die Rezepte gegen Arbeitslosigkeit entwickelt werden.

Was will man uns eigentlich damit sagen?

Worum geht es nun bei dieser "Globalisierung?" Dieses Wort soll eine ganze Reihe von Entwicklungen umfassen, die in der heutigen Wirtschaft anzutreffen sind. Diese lassen sich wie folgt zusammenfassen:

- Die immer umfassendere Integration des ganzen Planeten in den Weltmarkt. Diese kommt von dem allmählichen Rückgang der Einflusssphären zweitrangiger imperialistischer Mächte (zuerst der Überreste der ehemaligen französischen und britischen Kolonialreiche) und dem Ende der relativen Isolierung jener Länder, die den ehemaligen Sowjetblock bildeten.

- Die Entwicklung des Welthandels. Diese ist durch internationale Handelsabkommen gefördert worden, wie jene, die zur Gründung des WTO, der Welthandelsorganisation, geführt haben, die Zoll und andere Barrieren abbauen soll, die fähig sind, ein Hindernis in der Entwicklung des Welthandels zu bilden.

- Die ungehinderte Zirkulation des Kapitals. Diese führt zu einer Steigerung dessen was Ökonomen als "Direktinvestitionen" bezeichnen - obwohl sie weitgehend dabei scheitern, eine klare Abgrenzung gegenüber rein spekulativen Kapitalbewegungen zu ziehen. Hier ist allerdings wichtig zu wissen, dass die Kapitalisten den Begriff "Investition" sowohl im Zusammenhang mit kompletter oder teilweiser Übernahme bestehender Fabriken benutzen, wie auch bei einem Neuaufbau. Während die Entwicklung des Kapitalexports über die letzten fünfzehn Jahre unstrittig ist, so kommt sie doch hauptsächlich daher, dass existierende Firmen auf irgendeine Weise, komplett oder teilweise, aufgekauft worden sind.

- Die verstärkte Kapitalkonzentration. Durch Fusionen von Finanz- und Industrieverbänden in riesigem Ausmaß, durch Übernahmen von Konzernen durch diese Multis im weltweiten Maßstab. Einige wenige gigantische multinationale Konzerne steuern die Wirtschaftsaktivität von Hunderttausenden oder gar von Millionen Menschen in vielen Ländern, die auf der ganzen Welt verstreut sind. Die Maßnahmen dieser Konzerne werden im weltweiten Maßstab geplant. Die Entscheidung, wo sie sich mit ihrem Inventar niederlassen und ihre Aktivitäten entfalten, hängt ganz allein davon ab, wie sie ihren Gesamtprofit maximieren können.

- Die Vorherrschaft der Finanz über die Industrie sowie die der Kapitalzirkulation vor der Warenzirkulation.

- Das allmähliche Zurückdrängen der wirtschaftlichen Rolle des Staates, sowohl in den reichen, wie auch in den armen Ländern - wobei die unmittelbare Kontrolle über mehr oder weniger große Wirtschaftszweige und sogar Öffentliche Dienste aufgegeben werden.

Die Vorherrschaft des Finanzkapitals über das Industriekapital, der Kapitalexport und die Bildung großer Finanzverbände, die in vielen Ländern eine wichtige Rolle spielen - wegen der wachsenden Kapitalkonzentration - sind in der Tat bedeutende Tendenzen, die die gesamte Wirtschaft bestimmen, und darüber hinaus, das gesamte soziale und politische Leben. Allerdings so neu sind diese Trends auch nicht. Sie sind schon seit fast einem Jahrhundert vorhanden!

Bereits 1916 bemerkte Lenin in seiner Broschüre "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus", "das 20. Jahrhundert ist also der Wendepunkt vom alten zum neuen Kapitalismus, von der Herrschaft des Kapitals schlechthin zu der Herrschaft des Finanzkapitals."

Wie alle damaligen Marxisten - wenn auch nicht alle zu den gleichen Schlussfolgerungen kamen - nannte Lenin dieses Stadium des Kapitalismus "Imperialismus". Er bekämpfte nicht etwa das Erscheinen dieses Stadiums, indem er argumentiert hätte, das alte Stadium sei besser - es sei das "kleinere Übel." Er bekämpfte auch nicht die wachsende Macht der Finanzverbände, indem er für eine Rückkehr zum Kleinkapitalismus und zur freien Konkurrenz eingetreten wäre. Ebenso wenig kämpfte er gegen die wachsende internationale Konkurrenz, den Kapitalexport und die "Standortverlagerung" (neu ist das Wort, nicht das Phänomen), indem er argumentieren würde, die Konkurrenz möge doch innerhalb nationaler Grenzen bleiben - was in jedem Fall vollkommen utopisch gewesen wäre. Lenin argumentierte ebenso wenig für nationalen Protektionismus gegen freien internationalen Handel. Tatsächlich wusste Lenin, dass es sich hierbei um Maßnahmen handelte, zu denen die Kapitalistenklassen längst irgendwie sowieso schon mehr oder weniger griffen, abhängig von ihren jeweiligen Kräfteverhältnissen und Bedürfnissen. Und sicherlich wäre er nie darauf gekommen, der Arbeiterklasse vorzuschlagen, irgendeine dieser bürgerlichen Maßnahmen als die für ihre Ziele geeignete zu übernehmen.

Lenin forderte auch keinen stärkeren Nationalstaat der "sich den Finanzmärkten entgegenstellt" - so wie einige Labour-Politiker. Er wusste, dass die imperialistischen Staaten angesichts der Multis und der Großbanken nicht im Geringsten "impotent" sind, sondern hauptsächlich deren Instrumente.

Wenn Lenin einen Schluss aus all dem gezogen hat, dann folgenden: Dass der Kapitalismus im imperialistischen Stadium, während er Quelle von Fäulnis dieser Gesellschaft ist, gleichzeitig alle notwendigen Mittel zu seinem Sturz und zur rationalen Umwälzung der Wirtschaft unter Führung des Proletariats ansammelt. Die folgende Passage aus Lenins Broschüre ist vielleicht moderner und korrekter als all die Literatur, die sich heute mit "Globalisierung" beschäftigt.

"Wenn aus einem Großbetrieb ein Mammutbetrieb wird, der planmäßig, auf Grund genau errechneter Massendaten, die Lieferung des ursprünglichen Rohmaterials im Umfang von zwei Dritteln oder drei Vierteln des gesamten Bedarfs für Dutzende von Millionen der Bevölkerung organisiert; wenn die Beförderung dieses Rohstoffs nach den geeignetsten Produktionsstätten, die mitunter Hunderte und Tausende Meilen voneinander entfernt sind, systematisch organisiert wird; wenn von einer Zentralstelle aus alle aufeinanderfolgenden Stadien der Verarbeitung des Materials bis zur Herstellung der verschiedenartigsten Fertigprodukte geregelt werden; wenn die Verteilung dieser Produkte auf Dutzende und Hunderte von Millionen Konsumenten nach einem einzigen Plan geschieht (Petroleumabsatz in Amerika wie in Deutschland durch den amerikanischen \'Petroleumtrust\') - dann wird es offensichtlich, dass wir es mit einer Vergesellschaftung der Produktion zu tun haben und durchaus nicht mit einer bloßen \'Verflechtung\'; dass privatwirtschaftliche und Privateigentumsverhältnisse eine Hülle darstellen, die dem Inhalt bereits nicht mehr entspricht und die daher unvermeidlich in Fäulnis übergehen muss, wenn ihre Beseitigung künstlich verzögert wird; eine Hülle, die sich zwar verhältnismäßig lange in diesem Fäulniszustand halten kann (wenn schlimmstenfalls die Gesundung von dem opportunistischen Geschwür auf sich warten lassen sollte), die aber dennoch unvermeidlich beseitigt werden wird."

Alles nur eine Frage der Wortwahl?

Wenn man uns die "Globalisierung" als neues Phänomen präsentiert, dann geht es um mehr als einfach nur darum, ein neues Vokabular anzunehmen - wobei auch die Wahl eines neuen Vokabulars an sich schon notgedrungen parteiisch ist. Hinter der scheinbaren Neutralität von Worten wie "Globalisierung" steht die bewusste Entscheidung, das wahre Wesen der Herrschaftsbeziehungen zwischen einer kleinen Zahl imperialistischer Länder und dem Rest der Welt zu verbergen, oder zumindest zu verdunkeln.

So ermöglicht das Wörtchen "Globalisierung" zu suggerieren, dass sich eine große Zahl von Ländern auf dem besten Weg zu einer kapitalistischen Entwicklung befindet, und dass ihre Wirtschaftskraft ein vergleichbares Niveau erreichen könnte, wenn sie die alten Industrieländer nicht sogar überholen könnten. Dies ist für die meisten Politiker aus dem gesamten Spektrum nun nicht mehr nur eine Möglichkeit, sondern eine Tatsache. So begrüßen sie die "Wirtschaftswunder" der "asiatischen Tigerstaaten" (Hongkong, Singapur, Südkorea, Taiwan und Malaysia), Brasilien oder Chile. Unter Akademikern ist es sogar schick, sich auf einstudierte Polemiken darüber einzulassen, in welchem Jahr genau denn ihrer Meinung nach die chinesische Wirtschaft zur größten der Welt geworden sein wird.

Im Namen der "Globalisierung" haben 1993 auch die Weltbank und der IWF - die von den wichtigsten imperialistischen Mächten, primär von den USA, kontrolliert werden - eine neue Vergleichsmethode für das Brutto-Sozialprodukt eines Landes eingeführt. Das wesentliche Ergebnis daraus ist eine scheinbare Verringerung des Abstandes zwischen reichen und armen Ländern, speziell gegenüber jenen mit den größten Einwohnerzahlen. Dadurch wird erreicht, dass wirtschaftliche Vergleiche zwischen armen Ländern und Industrieländern nicht ganz so verrückt klingen - ein Beweis für die Tatsache, dass die Wahl eines Vokabulars ebenso parteiisch sein kann, wie die Wahl eines statistischen Instrumentes.

"Globalisierung" im Bereich des weltweiten Handels heißt ebenso, dass eine wachsende Zahl von Ländern - einschließlich einiger der ärmsten - bereits echte Konkurrenten sind, oder auf dem besten Weg dahin, und dadurch in der Lage sind, die Funktionen vieler Industriezweige in den imperialistischen Ländern zu stören, wenn nicht sogar deren Gesamtwirtschaft (manche Stimmen gehen sogar so weit!). Damit kommt man natürlich zwangsläufig zu dem Argument, dass die Arbeitslosigkeit aus der Konkurrenz der Billiglohnländer entsteht und dass die Arbeitenden in den Industrieländern letztendlich zu der Überzeugung kommen sollten, dass sie mit denen aus den armen Ländern konkurrieren. Indem man diese Länder als eigenständige Konkurrenten darstellt, hat man damit gleichzeitig eine Möglichkeit, die Tatsache zu verbergen, dass die meisten davon effektiv durch Finanzverbände aus den alten imperialistischen Mächten kontrolliert werden.

Ein anderes Klischee, das man in allen sogenannten seriösen Zeitungen finden kann, ist die des "globalen Kapitals" - was den riesigen Kapitalbetrag bezeichnen soll, der in der ganzen Welt zirkuliert. Als "global" scheint es keinerlei Wurzeln zu haben, keinen namhaften Besitzer, so als ob es aus eigener Kraft existieren und zirkulieren würde. Dies verbirgt bequemerweise die Tatsache, dass diese Tausende von Milliarden Pfund entweder unter direkter Kontrolle, oder Privateigentum individueller Kapitalisten sind, von denen die überwiegende Mehrheit aus einer Handvoll reicher imperialistischer Länder stammt.

Abgesehen von der Tatsache, dass die wahre Natur dieses "globalen Kapitals" gewöhnlich hinter dem Wort "Investment" versteckt wird. Das Meiste davon dient keinem anderen Zweck als der Spekulation auf den sogenannten "neu entstehenden" Wertpapiermärkten, die den Besitzern enorme Spielgewinne (oder -Verluste) bringen. Das Einzige, was die lokalen Wirtschaften bei dieser Spekulation gewonnen haben, ist das Entstehen einer Schicht von lokalen Finanzvermittlern, welche dem Parasitismus ihrer westlichen Masters nachäffen, und ... gelegentliche Markteinbrüche, die ab und zu die lokalen Finanz- und Handelsbeziehungen zugrundegerichtet haben, ganz zu schweigen von der Kaufkraft der Bevölkerung.

Schließlich bleibt noch das "globale" Zurückdrängen des Staates und die Öffnung von Handelsschranken, was von den Tory-Politikern so oft bejubelt wird, diesmal als Beweis dafür, dass Thatchers Maßnahmen "die Welt auf den richtigen Weg gebracht" haben, was wieder einmal die Ungleichverteilung der Konsequenzen verbirgt. Zum Beispiel buchstabiert man das Zurückdrängen des Wohlfahrtsstaates als Armut für einen Teil der Arbeiterklassen in den reichen Ländern. In den armen Ländern bedeutet sie aber das Verschwinden jeglicher Art von Gesundheitsversorgung für die überwiegende Mehrheit, das Ende der Lebensmittelhilfe für die hungernden Massen - es bedeutet den sicheren Tod für Millionen. Desgleichen bedeuten in den reichen Ländern die Privatisierungen staatseigener Bereiche im Allgemeinen Verschlechterungen des Lebensstandards für die arbeitende Bevölkerung. Aber in den armen Ländern bedeuten sie den Zusammenbruch der ganzen Lokalindustrie und die Festigung des imperialistischen Griffs über deren Wirtschaft.

Ausmaß und Grenzen des Wachstums im Welthandel

Die kapitalistische Wirtschaft ist international und war innerhalb nationaler Rahmen lange Zeit am Ersticken. Aber diese nationalen Rahmen gibt es immer noch, und die "Globalisierung" der Wirtschaft ist das Produkt eines ständigen Kampfes, in dem jeder Kapitalist, jede Kapitalistengruppe und ihr Staat, bestrebt sind, sich innerhalb ihres nationalen Marktes zu schützen, während sie gleichzeitig versuchen, den Welthandel von bestehenden Handelsbarrieren zu "befreien", um ihren Zugriff auf andere Teile des Weltmarktes zu erweitern.

Trotz der wachsenden Zahl bilateraler, regionaler oder weltweiter Handelsabkommen und obwohl es die Welthandelsorganisation gibt, die seit Januar 1995 tätig ist, ist der Weltmarkt auf keine Weise "frei", in dem Sinne, dass jeder den gleichen Zugriff darauf hätte. Er ist vielmehr ein Ort der Konfrontation für die konkurrierenden Mächte. Die Führer der größten imperialistischen Macht, der USA, die auch die wichtigsten Unterstützer der Welthandelsorganisation sind, erklären ganz offen, dass sie nur bereit sind, sich an die Regeln dieser Organisation zu halten, soweit diese nicht gegen ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen gerichtet sind. Die US-Außenpolitik ist nichts weiter als ein Hilfsmittel bei den Wirtschaftsstrategien der großen amerikanischen Konzerne - dies umso mehr, seit es keinen Sowjetblock mehr gibt, der der US-Diplomatie politische und militärische Betrachtungen aufdrängen kann. Bei dem weitergehenden Wirtschaftskrieg zwischen dem amerikanischen und dem japanischen Imperialismus zum Beispiel, ist es ein Witz von Freihandel zu reden - da alle inneren und äußeren Hebel von beiden Staaten aktiv eingesetzt werden, um die rivalisierenden Interessen ihrer eigenen Kapitalisten zu verteidigen.

Mit anderen Worten, nur die reichsten Mächte haben wirklich vollen Zugang zum Weltmarkt. Falls mal ein armes Land wirklich begrenzten Zugang hat, dann oft nur, weil es damit einer imperialistischen Macht als trojanisches Pferd für deren eigene Waren gelegen kommt. Ein Teil der industriellen Entwicklung Südkoreas und Taiwans, zum Beispiel bei Elektronik und Küchenausrüstung, kam von den hohen Strafzöllen und Einfuhrsteuern, die zeitweise von den USA und einigen europäischen Staaten auf japanische Waren verhängt worden sind. Die japanischen Konzerne entschlossen sich, diese Hindernisse zu umgehen, indem sie ihre "Made in Japan"-Schilder durch "Made in Taiwan" oder "Made in Korea" ersetzten.

Laut "Globalisation in question", einem jüngst erschienenen Buch der beiden britischen Ökonomen Hirst und Thompson, ist der Welthandel seit 1945 wertmäßig ständig schneller gewachsen als die Produktion - was die wachsende Integration der Wirtschaftsräume zeigen würde. Allerdings zeigen Hirst und Thompson auch, dass sich diese Wachstumsdifferenz in den 80ern, verglichen mit den vorangegangenen drei Dekaden, halbiert hat - womit sich die Geschwindigkeit des Integrationsprozesses der Weltwirtschaft eher verringert als beschleunigt. Während das im Vergleich zur Produktion schnellere Nachkriegswachstum des Welthandels sicherlich eine Rolle dabei gespielt hat, dass aus der wirtschaftlichen Stagnation der vergangenen zwanzig Jahre kein katastrophaler Zusammenbruch geworden ist, kann man auch den Eindruck gewinnen, dass die vergangene Periode gar nicht von so spektakulärem Wachstum im Welthandel geprägt sein kann, wie von vielen Kommentatoren der "Globalisierung" gesagt wird. Darüber hinaus weisen Hirst und Thompson darauf hin, dass insgesamt der Anteil der Weltproduktion, der in fremde Märkte exportiert wird, heute kaum größer ist als ... 1913!

Veränderungen von Grenzen, die in einigen Fällen mit Veränderungen in der Natur der Produkte einhergehen, machen exakte Vergleiche schwierig. Trotzdem macht bei den USA der Exportanteil an der Produktion nur 7,1% aus, gegenüber 6.1% 1913. Für Frankreich und Deutschland, zwei sich ergänzende Länder, hat sich deren Exportanteil an der nationalen Produktion zwischen 1913 und 1992 zugegebenermaßen von 13,9% auf 17,5% und von 17,5% auf 24% erhöht. Auf der anderen Seite, und im Gegensatz zu weitverbreiteten Annahmen, hat sich im gleichen Zeitraum der Exportanteil von Japan und Großbritannien verringert, jeweils von 12,3% auf 9,2% und von 20,9% auf 18,2% zwischen 1913 und 1992.

Man muss allerdings hinzufügen, dass bereits der Austausch zwischen den Tochtergesellschaften, oder gar nur den Abteilungen oder Fabriken eines Multis einen enormen Anteil am heutigen Welthandel nimmt. Beispielsweise wurde 1993 geschätzt, dass bei mehr als einem Drittel aller amerikanischen Exporte Verkäufer und Käufer zum selben Konzern gehörten. Für 1995 zitierte das Wall Street Journal eine Schätzung von 50%. Wenn man nach diesen Zahlen gehen kann, so könnte die heute fortgeschrittene Verflechtung der Wirtschaftsräume hauptsächlich dadurch kommen, dass sich die Multis wie Kraken ausgebreitet haben.

Zur Bedeutung der asiatischen Herausforderung...

Ist der Niedergang der britischen Industrie - und die daraus resultierende massive Vernichtung von Arbeitsplätzen in der Produktion - das Ergebnis der Konkurrenz aus den Billiglohnländern, besonders aus Asien? Kommt dies davon, dass britische Firmen nach Übersee "standortverlagert" wurden?

Geschichten über asiatische Konkurrenz, die britische Arbeitsplätze bedroht, sind schon recht altbekannte Neuigkeiten, sie gab es bereits, lange bevor überhaupt irgendjemand nur von "Globalisierung" geträumt hat. Autoarbeiter in Großbritannien hörten während der 70er und 80er Jahre von der "japanischen Bedrohung." Ihnen wurde erzählt, dass sie mehr Arbeitshetze - und später Arbeitsplatzabbau - annehmen müssten, weil dies der einzige Weg sei, zu verhindern, dass eine Welle japanischer Autos unser Land überflutet, was letztlich das Ende der britischen Autoproduktion bedeuten würde. Was ist seither geschehen? In der Automobilindustrie verschwanden Zehntausende Arbeitsplätze, während die Autoproduktion weiter stieg. Die letzten beiden großen britischen Autobauer, Rover und Jaguar, wurden verkauft - aber nein, nicht etwa an japanische "Banditen", sondern an BMW und Ford. Die zusätzlichen Finanzmittel hieraus wurden jedoch von den britischen Anteilseignern nicht wieder in neue Produktionsanlagen investiert. Eigentlich sind die einzig neuen Produktionsanlagen in diesem Sektor jene, die japanische Konzerne in den 80ern aufgebaut haben - Nissan, Honda, Isuzu, Subani ... - und die einige Zehntausend direkte und indirekte Arbeitsplätze geschaffen haben. Das Schreckgespenst von der "japanischen Bedrohung" war auf jeden Fall ein Schwindel. Die britischen Kapitalisten haben es nur benutzt, um mehr Profit aus den Arbeitern herauszupressen, und ... ihr Kapital - sonst wohin - zu verschieben, sobald sie profitablere Aussichten hatten.

Jetzt erschrickt gerade niemand die Arbeiter bei Ford, Rover oder Vauxhall mit der Konkurrenz der "Asiatischen "Tiger". Südkoreas Hyundai oder Malaysias Proton (die beide bis zu einem gewissen Grad Subunternehmer für japanische Autokonzerne sind) sind in Großbritannien nur schwach vertreten. Aber die britische Bourgeoisie wäre scheinheilig genug, aus dieser geringen Präsenz eine Bedrohung durch die Konkurrenz zu machen. Falls die britische Regierung immerhin ihre Zollbarrieren abbauen würde, um Wareneinfuhr von den "asiatischen Tigern" zu gestatten, so wäre dies bestimmt nicht umsonst, sondern als Gegenleistung dafür, dass britische Konzerne ihre Waffen, Flugzeuge, Ausrüstungsgüter ... in diese Länder verkaufen oder Kraftwerke, Staudämme Flughäfen ... bauen dürfen.

Hinter der kapitalistischen Konkurrenz stehen keine abstrakten wirtschaftlichen Kräfte, die im Dunkeln walten, sondern Interessenverbände. Der Staat ist auch kein Opfer von Kräften, gegen die er machtlos ist: Er handelt vielmehr im Namen seiner Kapitalisten.

... und der schrecklichen der "Standortverlagerung"

Hirst und Thompson führen aus, dass "der Verlust von Arbeitsplätzen an Niedriglohnländer in den entwickelten Ländern weit weniger bedeutend für die Schaffung struktureller Arbeitslosigkeit ist, als der weitergehende Prozess der stetigen Produktivitätserhöhung, sowohl im Produktions- wie im Dienstleistungsbereich der meisten dieser Länder." Mit anderen Worten sind Arbeitsplatzverluste an Niedriglohnländer, im Vergleich zur Raffgier der britischen Kapitalisten, kein bedeutender Faktor.

Natürlich wurden einige britische Industriezweige, wie Textil und Elektronik, ernsthaft von "Standortverlagerungen" betroffen, eben wegen der niedrigen Löhne - Courtaulds und Coats Viyella sind zwei bekannte Beispiele. Allerdings muss man sagen, dass diese "Standortverlagerungen", hauptsächlich in den 80ern, mit der Einführung neuer Technologien einher gingen, welche selbst ohne irgendeine "Standortverlagerung" schon drastischen Arbeitsplatzabbau zur Folge gehabt hätten.

Betrachtet man die Industrie insgesamt, so können definitionsgemäß nur arbeitsintensive Industriezweige wirklich von Niedriglohnländern angezogen werden. Man schätzt, dass in den reichen Ländern die Arbeitskosten allgemein nicht mehr als 20% der gesamten Produktionskosten ausmachen. Man sagt, dass diese Zahl in kapitalintensiven Industriezweigen drastisch fällt: auf 10% in der Autoindustrie, 5% bei der Produktion von Bildröhren der neuesten Generation, 3% bei der Herstellung hochintegrierter Chips. Deshalb werden zum Beispiel die neuesten Mikroprozessoren und höchstintegrierten Speicher Chips auch in den USA oder Japan hergestellt. Erst wenn sie bereits einige Generationen überholt sind und es immer noch Bedarf an sehr billigen älteren Teilen gibt, kann es vorkommen, dass die Produktion in Länder wie Südkorea geht. Als Ford entschied, in China eine Autofabrik aufzubauen, so war ihr Ziel - wie für die meisten Autoriesen in den letzten zehn Jahren - für den chinesischen Markt zu produzieren, nicht für Großbritannien. Hier nehmen sie lieber Teile, die aus ganz Europa kommen, einschließlich aus Deutschland, wo die viel höheren Arbeitskosten schon mal durch höhere Produktivität mehr als überkompensiert werden.

Wenn man die sogenannten "Direktinvestitionen" der reichen Länder in der Dritten Welt näher betrachtet, dann hilft dies diese "Standortverlagerungen" besser einzuordnen. Diese "Direktinvestitionen\\\" bestehen aus mehreren Teilen - Investitionen in Produktion, Investitionen in Dienstleistungen und anscheinend auch in einem gewissen Umfang in spekulatives Kapital. Es heißt, dass die Bereiche Bergbau, Öl und Touristik etwa die Hälfte aller "Direktinvestitionen" repräsentieren - diese können überhaupt keine "Standortverlagerung" auslösen. Somit machen Investitionen in Produktion wahrscheinlich nicht mehr als die Hälfte der Gesamtinvestitionen aus. Weiter wurde geschätzt, dass zwischen 1990 und 1994 der gesamte Abfluss von "Direktinvestitionen" in die armen Länder den Gesamtbestand der vorhandenen Investitionen in den Industrieländern nur um 0,5% verringert hat - bloß ein Tropfen auf den Ozean, der überhaupt nicht so viel zu den im gleichen Zeitraum in der britischen Produktion abgebauten 800.000 (16,9% von allen) Arbeitsplätzen beitragen kann.

Was ist denn mit den "Standortverlagerungen" in die Industrieländer? Natürlich könnte man sagen, wenn 1994 eine Million Amerikaner direkt bei britischen Firmen in den USA beschäftigt waren, dann muss es doch massive "Standortverlagerungen" von Großbritannien nach Nordamerika gegeben haben. Aber, war dies tatsächlich der Fall? Direkte produktive Investitionen britischer Kapitalisten fallen mehr oder weniger in zwei Kategorien. Entweder mit dem Ziel Handelsbarrieren zu umgehen, die von der US-Regierung verhängt wurden, indem vorhandene Firmen aufgekauft werden, um deren Marktanteile auf dem amerikanischen Markt zu übernehmen - was den Export aus Großbritannien, und damit auch die Zahl der Arbeitsplätze sicherlich nur erhöhen kann. Oder diese Direktinvestitionen haben rein kurzfristige, spekulative Ziele, wobei britische Konzerne vorhandene US-Konzerne aufkaufen, um sie bei der nächstbesten Gelegenheit wieder mit Gewinn zu verkaufen (dies ist zum Beispiel die Hauptaufgabe der Hanson-Gruppe). Jedenfalls kann man nur einen sehr kleinen Teil dieser Investitionen als "Standortverlagerung" bezeichnen.

Schließlich wäre es auch lächerlich, den etwa zwei Millionen Arbeitenden, die im Ausland bei britischen Konzernen beschäftigt werden, für die Arbeitslosigkeit hier die Schuld zu geben, wenn wie 1993 33% der Investitionsaufwendungen sowie 25% des Fertigungsausstoßes Großbritanniens aus der Tätigkeit ausländischer Firmen kommt !

Diese "globale" Gefährdung britischer Arbeitsplätze ist ein Schwindel. Die einzig wirkliche Bedrohung kommt von der Weise, wie individuelle britische Kapitalisten mit ihrem Kapital umgehen - um ihre Profite zu maximieren, statt im Dienste der Bedürfnisse der Gesellschaft. Was empörend ist, ist nicht die Tatsache, dass Produktion und Fabriken beliebig verlagert werden können - es ist die Tatsache, dass ein Chef das "Recht" hat ein Werk zu schließen und Tausende von Arbeitenden auf die Straße zu werfen, allein weil es seinen eigenen Interessen dient.

Holen die armen Länder auf?

Diese selbstzufriedene Dummheit ist weitverbreitet. Er ist vor allem auf einem doppelten Schwindel aufgebaut - zuerst werden die Beispiele der wenigen sogenannten "neuen Industrieländer" über alle Maßstäbe aufgeblasen, und dann werden diese Beispiele auf alle anderen armen Länder extrapoliert.

Der Leiter des UNDP (Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen), der ganz bestimmt kein Revolutionär ist, erklärte neulich in einem Interview: "Es gibt vor allem einen Mythos, gegen den wir kämpfen müssen. Es ist der Mythos einer sich entwickelnden Welt, die dank der Globalisierung der Weltwirtschaft ständig besser wird und von etwa fünfzehn Drachen geleitet wird." Realität ist heute, dass "in mehr als hundert Ländern das Pro-Kopf- Einkommen niedriger ist als vor fünfzehn Jahren. Um es deutlich zu sagen, fast 1,6 Milliarden Menschen geht es schlechter als zu Beginn der 80er. Innerhalb von anderthalb Generationen hat sich der Abstand zwischen armen und reichen Ländern vergrößert. Zu Beginn der 60er waren die ärmsten 20% der Länder der Welt 30mal ärmer als die reichsten 20%. Nun sind sie 60mal ärmer, während gleichzeitig der gesamte Wohlstand deutlich gesteigert ist (...). Drei Viertel vom direkten Investitionsabfluss für die armen Länder konzentriert sich eigentlich auf weniger als ein Dutzend Länder, wovon die meisten in Asien liegen. Afrika dagegen bekommt nur einige Krümel (6%), und die unterentwickeltsten Länder, von denen die meisten in Afrika liegen, erhalten nur schäbige 2%."

Darüber hinaus wächst der Abstand zwischen dem Wohlstand der 20% reichsten Länder und dem der 20% ärmsten in den 90er mit derselben Geschwindigkeit wie in den 60ern - was überhaupt kein Wunder ist, wenn zum Beispiel 1994 der Abfluss von Direktinvestitionen in die armen Länder sogar um 38 Milliarden Pfund geringer war als die Zinsen, die diese Länder für ihre Schulden an die imperialistischen Banken zahlten!

Was die angebliche Entwicklung des etwa einen Dutzends Länder betrifft, die fast den gesamten westlichen Investitionsabfluss in arme Länder auf sich vereinen, so ist dies an sich bereits eine verzerrte Extrapolation, die sich auf die Industrialisierung und die rasche Produktionssteigerung in einigen "Freihandels" Zonen gründet, die im Einklang mit den Bedürfnissen ihrer imperialistischen Partner errichtet worden sind.

Wie lange können diese Länder solche spektakulären Wachstumsraten, die hier als Beweis ihrer Entwicklung, so sehr bejubelt worden sind, noch halten? Selbst bürgerliche Ökonomen, die einmal begeistert auf den "Globalisierungs"-Zug gesprungen waren, fangen nun langsam an zu zweifeln. So gab zum Beispiel Barry Riley, ein Kolumnist der Wirtschaftszeitung Financial Times, eine viel vorsichtigere Einschätzung der Lage, sein Artikel trägt die Überschrift "Das asiatische Wunder gönnt sich eine Pause: Viele der Tiger sehen plötzlich aus wie Schmusekater" (28. Nov 1996).

Indem er den "verblassten orientalischen Glanz" der Finanzmärkte der "Asiatischen Tiger" erörtert, der dazu führt, dass sich immer mehr "Investoren" (das heißt Spekulanten) nach vielversprechenderen Profitquellen umsehen, erklärt Riley dass sich diese Märkte "während 1995 nach einer Talsohle ganz gut erholten, aber nach Februar dieses Jahres nur noch sehr wenig weiter entwickelt hätten. Ein allgemeines Thema ist der scharfe Rückgang im Wirtschaftswachstum der exportorientierten asiatischen Wirtschaftsräume gewesen. Die Wachstumsrate des Bruttosozialprodukts lag in den vorangegangenen beiden Aufschwungjahren bei typischen 8 oder 9%, aber 1996 ist sie auf 5% gerutscht." Was ist die Ursache für diesen Rutsch? Laut Riley, "während die Wachstumsrate des Exports im letzten Jahr oft im Bereich von 20 bis 30% lag, ist sie in so unterschiedlichen Ländern wie China, Singapur, und Thailand in diesem Jahr unter 10% zusammengebrochen (...) Das notleidende Japan und Kontinentaleuropa sind schlechte Kunden gewesen (...) Eigentlich scheint ein allgemeines Überkapazitätsproblem vorzuliegen." Riley schließt mit den Worten, "Südostasien ist zu einer stark konjunkturabhängigen Region geworden, deren wirtschaftliches Gedeihen von einem starken weltweiten Wachstum abhängt."

Anders formuliert, stehen die "Asiatischen Tiger" nach nur wenigen Jahren dieses spektakulären Wachstums vor dem alten chronischen Problem des imperialistischen Marktes und der Ursache der weitergehenden weltweiten Krise der letzten zwei Jahrzehnte - nämlich der Unfähigkeit des Kapitalismus, die Produktion mit den wirklich dringenden Bedürfnissen in Einklang zu bringen. Darüber hinaus ist, was heute zählt, dass ihre wirtschaftliche Entwicklung total abhängig ist von einer wachsenden Nachfrage -und also von dem ökonomischen Aufschwung- in den imperialistischen Ländern, die bisher nirgends spürbar geworden ist.

Unter britischen Ökonomen macht sich bereits Enttäuschung über Chinas Potential breit. In der bereits erwähnten "Übersicht" von 1994 zitiert The Economist begeistert die neuen vom IWF im Vorjahr übernommenen Vergleichskriterien für Bruttosozialprodukte mit den Worten: "Der IWF setzt das BSP Chinas für 1991 auf 1,4 Trillionen Dollar fest, und macht es damit zum drittgrößten Wirtschaftsraum (nach Amerika und Japan). Alternative Schätzungen gehen bis zu 3,4 Trillionen Dollar, was es zum zweitgrößten machen würde. Es ist nur eine Frage der Zeit bis es der größte ist." Die "Übersicht" fuhr damit fort, den riesigen Konsumentenmarkt zu bejubeln, der China zwangsläufig für die industrialisierten Länder werden müsse. Zwei Jahre später allerdings, in ihrer Ausgabe vom 12. Oktober 1996, veröffentlichte dasselbe Blatt einen Artikel mit dem Titel "Wie arm ist China?". Indem sie den letzten Weltbankbericht zitierte, gab The Economist reuig zu, dass "die neuen Zahlen die Schätzungen über die Größe der chinesischen Wirtschaft um über 25% reduzieren. Weiter hat die Bank entschieden, dass der Anteil der chinesischen Bevölkerung, der in Armut lebt, näher an einem Drittel als an den bis jetzt allgemein angenommenen etwa 7% liegt (...). Die chinesische Wirtschaftskraft hat nun gerade mal 10% der amerikanischen erreicht und könnte erst in einem Zeitraum von etwa 40 Jahren diese aufholen". Einen Monat später veröffentlichte die Independent on Sunday einen ähnlich ernüchternden Artikel über den chinesischen Automarkt. Laut diesem Artikel lagen 1992 die für das Jahr 2000 offiziell projektierten Verkaufszahlen für Familienwagen bei 1,4 Millionen Einheiten, bei geschätzten 300 Millionen potentiellen Käufern insgesamt. Wegen der Größe solcher Zahlen haben sich westliche Autobauer und Zulieferer beeilt, in China große Werke zu errichten. Die Verkaufspreise betragen aber immer noch das Doppelte des Jahreseinkommens eines besserbezahlten chinesischen Freiberuflers. Das Ergebnis war, dass die Verkäufe nur um 5% im Jahr gestiegen sind, mickerige 340.000 erreicht haben, und all die Hersteller auf riesigen Lagerhalden unverkäuflicher Fahrzeuge sitzen - so hatte man sich das mit dem Konsumenten- Eldorado aber nicht vorgestellt!

Also, entwickelt sich China weiter? Entwickelt sich etwa Mexiko weiter? Das "Privileg" in den Genuss westlicher Investitionen zu kommen, bedeutet in erster Linie größere Ausbeutung und Plünderung, das Entstehen oder die Wiedereinsetzung einer mehr oder weniger örtlichen privilegierten Kompradorenschicht von Vermittlern, zusammen mit (und dies ist für die Zukunft der einzig positiver Aspekt) der Transformation eines (sehr kleinen) Teiles der armen Klassen dieser Länder in ein Industrieproletariat. Aber sind heute ausländische Konzerne in China - relativ betrachtet - wirklich größer als 1927?

Kann irgendjemand einige koreanische oder brasilianische multinationale Konzerne nennen? Selbst wenn, so müsste man dabei unbedingt einen Unterschied machen, indem man den Anteil amerikanischen oder japanischen Kapitals, der hinter diesen Konzernen steht, berücksichtigt. In jedem Fall ist aber unter den Hundert größten Konzernen, die die Welt beherrschen nicht ein einziger aus der Dritten Welt. Drei Viertel davon (75 von 100) sind auf fünf imperialistische Länder verteilt: die USA natürlich, Japan, Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Die Macht-Balance hat sich seit der Zeit, als Lenin "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus" schrieb, zwar verändert, aber nicht die Identität der größten Räuber, die die Welt plündern.

"Globalisierung" und Staat

Die "Globalisierung hat die Bedeutung des Staates nicht verringert. Das Gegenteil trifft zu, und das nicht nur auf dem Gebiet der Wirtschaftsdiplomatie. Selbst The Economist musste dies in einem Leitartikel mit dem Titel "Der Mythos vom machtlosen Staat" vom Oktober 1996 zugeben: "Seit 1980 ist der Anteil der öffentlichen Ausgaben am BSP im Schnitt von 36% auf 40% gestiegen. Nicht nur, dass die nationalen Regierungen große Diskretion über den wahren Umfang ihrer Kontrolle über die Ressourcen bewahren, sondern nach 15 Jahren der Integration tendieren sie auch dahin mehr zu kontrollieren statt weniger".

In allen imperialistischen Ländern, selbst wo die Führer die stürmischsten Verteidiger des Liberalismus sind, haben sich Staatsbudget und Öffentliche Kassen in ein Geldreservoir verwandelt, aus dem das parasitäre Leben großer Finanzverbände finanziert wird. Daher das verstärkte Zurückdrängen der Öffentlichen Dienste, selbst in den reichsten Ländern. Daher auch die enorme und ständig wachsende Staatsverschuldung.

Es ist also eine besonders einseitige Interpretation, wenn man uns die imperialistischen Staaten als die ohnmächtigen Opfer der Finanzmärkte präsentieren will. Staaten sind keine passiven Opfer von wirtschaftlichen Veränderungen, sondern bewusste Agenten in diesen Veränderungen. Sie sind es, ihre Defizite, ihre Kreditaufnahme für diese Defizite, ihr Finanzbedarf um ihrer Bourgeoisie zu helfen und selbst ihre Privatisierungsmaßnahmen, die das spekulative Kapital speisen.

Das ist der Grund, warum der Ruf nach einer stärkeren Rolle der Nationalstaaten, als Gegenmittel zur "Globalisierung" - die als Synonym für ungezügelten Kapitalismus gilt -, wie dies von einigen in den Gewerkschaften und von den Labour-Linken als progressive Idee hingestellt wird, eine Absurdität ist. Darüber hinaus ist es eine reaktionäre Absurdität.

Es gibt überhaupt keinen Rückgang, was den Imperialismus betrifft. Falls der Imperialismus sich durch eine Krise genötigt sähe, wegen einem wirtschaftlichen Kollaps hinter protektionistischen Maßnahmen Schutz zu suchen, so würden diese durchgeführt, zum Preis von einem noch verheerenderen Fall des Lebensstandards der Arbeiterklasse und zum Preis autoritärer oder faschistischer Regime, um dies auch durchzusetzen. Es ist im Interesse des Proletariats, nicht gegen die Globalisierung der Produktion und die Verflechtung der Wirtschaftsräume zu kämpfen, sondern für den Sturz der kapitalistischen Ordnung im weltweiten Maßstab. Die Reorganisierung der Wirtschaft auf einer höheren rationalen Grundlage - das ist Kommunismus - ist nur möglich auf der Basis einer Wirtschaft, die, egal was Reaktionäre aller Art auch immer sagen mögen, schon seit langer Zeit internationalisiert ist. Wenn wirklich, als kleines Nebenprodukt des imperialistischen Kapitalexports, Industrieanlagen in Regionen errichtet werden, wo es vorher keine gab, und wenn dies zum Entstehen eines Industrieproletariats in Regionen führt, wo es vorher nur verarmte Unterklassen gegeben hat, dann um so besser. Die Werktätigen Südkoreas, Indonesiens oder Chinas sind weder unsere Feinde noch unsere Konkurrenten, sondern neue Kontingente für das Weltproletariat, welches allein der Bourgeoisie die Macht aus der Hand reißen, und dem Kapitalismus und seiner letzten Inkarnation, dem Imperialismus, ein Ende bereiten kann.

26. Dezember 1996