Der Aufbau einer revolutionären Partei und die Taktik des Entrismus (übersetzt aus Lutte de Classe - Klassenkampf - von Februar 1968)

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Der Aufbau einer revolutionären Partei und die Taktik des Entrismus
Februar 1968

Der Aufbau einer revolutionären Partei und die Taktik des Entrismus

Seit 1933, das heißt seit dem Zusammenbruch der Kommunistischen Partei Deutschlands und der gesamten Kommunistischen Internationale, haben sich die trotzkistischen Aktivisten das Ziel gesetzt, in den verschiedenen Ländern der Welt revolutionäre Arbeiterparteien aufzubauen, die imstande wären, die Arbeiterklasse zur sozialistischen Revolution zu führen.

Von Anfang an vom Proletariat getrennt, -und dies aus historischen Gründen, auf die wir hier nicht weiter eingehen können-, befand sich die trotzkistische Bewegung, wie Victor Serge es ausdrückte, "im Exil in ihrer eigenen Klasse".

Das Hauptproblem für sie war, und ist immer noch, die bewusstesten Elemente der Arbeiterklasse für das marxistische Programm zu gewinnen, vor allem die, die sich in den verschiedenen sozialistischen und kommunistischen Parteien befinden oder die sich diesen anschließen.

Solange diese Avantgarde nicht unter der trotzkistischen Fahne kämpft, ist der Aufbau einer neuen Internationale nicht möglich.

Trotzki sagt zu diesem Problem in einer Schrift im August 1934 folgendes: "Derjenige, der behauptet: ,die Zweite und die Dritte Internationale sind unheilbar; die Zukunft gehört der Vierten Internationale', der drückt eine Meinung aus, deren Richtigkeit von der heutigen Lage in Frankreich erneut bestätigt wird. Diese Meinung, die zwar für sich richtig ist, verrät aber nicht, wie oder unter welchen Umständen, noch in welcher Frist die Vierte Internationale entstehen wird. Theoretisch lässt sich nicht ausschließen, dass sie aus der Vereinigung der Zweiten und der Dritten Internationale, aus einem Zusammenschluss von geläuterten, im Eifer des Kampfs gehärteten Elementen aus ihren Reihen. Sie kann auch aus der Radikalisierung des proletarischen Kerns der Sozialistischen Partei und aus der Zersetzung der stalinistischen Organisation entstehen. Sie kann im Verlauf des Kampfs gegen den Faschismus und aus dem Sieg gegen ihn entstehen. Sie kann aber auch viel später, in vielen Jahren erst, inmitten der Trümmer infolge des faschistischen Siegs und des Kriegs entstehen".

Diese letzte Möglichkeit hat sich leider als die wahrscheinlichste erwiesen. Weder die sozialistischen Arbeiter noch die kommunistischen Proletarier waren imstande, mit ihren opportunistischen Organisationen und Programmen zu brechen. Heute, dreiundzwanzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, während der Imperialismus die Vorbereitungen für den Dritten beginnt, besteht die revolutionäre Internationale noch immer nicht.

Und wenn man auch immer noch nicht sagen kann, in welchen Prozessen ihr Aufbau erfolgen wird, lässt sich jedoch sagen, dass die verschiedenen internationalen Zentren der trotzkistischen Bewegung sich unfähig erweisen werden, das Ziel zu erreichen, dass sie sich gesetzt haben, wenn sie die Politik, die sie seit über zwanzig Jahren führen, weiterverfolgen.

Für uns ist das wesentliche Problem, in Frankreich zum Beispiel, die revolutionären Elemente der Arbeiterklasse für unsere Ideen, für unser Programm zu gewinnen, und vor allem diejenigen in der Französischen Kommunistischen Partei (PCF). Die französische Gruppe des Vereinigten Sekretariats (die Internationalistische Kommunistische Partei - PCI) empfiehlt für den Aufbau der revolutionären Partei den Entrismus eines Teils ihrer Aktivisten, ihren eigenen Worten zufolge des Hauptteils ihrer Kräfte, in die PCF, um zentristische Strömungen innerhalb der stalinistischen Partei zu entwickeln, oder sich ihre Entwicklung zugute zu machen.

In seiner 1965 erschienenen Broschüre Construire le parti révolutionnaire (Die revolutionäre Partei aufbauen) schrieb Pierre Frank über diese Taktik: "Der Entrismus in die Sozialistische Partei (im Jahre 1934) rief damals heftige Auseinandersetzungen innerhalb der internationalen trotzkistischen Organisation hervor, in denen er von vielen als ein Verzicht auf unser Grundprinzip einer unabhängigen marxistischen revolutionären Partei verstanden wurde. Seitdem wurde die Frage geklärt und für die Trotzkisten, ausgenommen einige engstirnige Einzelne, gilt es als unbestritten, dass über geringe Kräfte verfügende Gruppen in bestimmten Fällen Entrismus in eine andere Partei betreiben müssen, um am Aufbau dieser unabhängigen revolutionären Partei zu arbeiten..."

Nun haben die Taktik von 1934 der französischen und später der belgischen Trotzkisten in den sozialistischen Parteien und die vom Internationalen Sekretariat in den Jahren 1952-1953 empfohlenen Taktik nicht viel gemein - außer den von Pierre Frank benutzten Worten - und sie unterscheiden qualitativ und tiefgreifend voneinander.

Der Entrismus von 1934

Man muss den Entrismus der französischen Trotzkisten in die SFIO (die französische Sozialistische Partei) im Jahre 1934 wieder in ihren Kontext stellen.

Die Demonstrationen der Rechtsradikalen am 6. Februar 1934 wirkten als Katalysator für eine Radikalisierung der Arbeiterklasse, die zu einem großen Teil auf die beunruhigende soziale und wirtschaftliche Lage zurückzuführen war.

Der Generalstreik am 12. Februar 1934 in Paris, an dem sozialistische und kommunistische Aktivisten Seite an Seite teilnahmen, war der Vorläufer der großen Streikbewegungen, die im Juni 1936 ihren Höhepunkt erreichten.

In dieser Situation forderte Trotzki die Aktivisten der französischen Bewegung auf, als Tendenz in die SFIO eintreten, was im Juni 1934 geschah.

Mehrere taktische Gründe sprachen dafür, in der SFIO zu arbeiten.

Einerseits stand die Mehrheit der Arbeiterklasse immer noch unter dem Einfluss der Sozialistischen Partei und man konnte voraussehen, dass bei einer Intensivierung der Arbeiterkämpfe viele revolutionäre Arbeitende zu dieser Partei stoßen würden.

Andererseits war die SFIO keine zentralisierte Partei sondern eine Föderation aus verschiedenen Gruppen und Tendenzen. Das interne Parteiregime, im Unterschied zu der der Kommunistischen Partei, ließ also in gewissen Grenzen die Bildung einer revolutionären Tendenz innerhalb dieser Föderation zu.

Aber der tieferliegende Grund, der Trotzki zu dieser Haltung führte, liegt darin, dass die französischen Trotzkisten, die sich zum Großteil aus Intellektuellen zusammensetzten, in den Jahren 1928-1933 nicht die Möglichkeit hatten, auf dem Gebiet der Arbeiterkämpfe aktiv zu sein. Ohne wirklich kommunistische Ausbildung noch Tradition waren sie von der Arbeiterklasse vollkommen getrennt. Die Bildung einer Tendenz innerhalb der Sozialistischen Partei würde es ihnen erlauben, in ein frisches Umfeld von Arbeitenden einzutauchen.

Dieser Eintritt erfolgte unter offener Fahne. Das Programm, das dem Eintritt der bolschewistisch-leninistischen (trotzkistischen) Gruppe in die SFIO als Grundlage diente, lautete:

"Erbitterter Kampf gegen die Ideen und Methoden des Reformismus, völlig und endgültig grundlegender Bruch mit den Anhängern einer Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Parteien" (Punkt 1).

"Notwendigkeit des revolutionären Kampfs um die Macht, des bewaffneten Aufstands, um die Diktatur des Proletariats zu errichten, als einzigen Weg, um die kapitalistische Gesellschaft in eine sozialistische Gesellschaft umzuwandeln" (Punkt 2).

"Notwendigkeit, den Kampf für den revolutionären Zusammenschluss des Proletariats auf internationaler Ebene zu führen, das heißt, infolge des Scheiterns der Zweiten und der Dritten Internationale, eine Vierte Internationale zu errichten, die auf den theoretischen und strategischen von Marx und Lenin ausgearbeiteten Prinzipien beruht" (Punkt 14).

Außerdem betonte Trotzki die Notwendigkeit, keinen Kompromiss innerhalb dieses Programms zu schließen, auch nicht um Bündnisse mit "linkssozialistischen" Tendenzen zu schließen. Über den SFIO-Kongress in Mulhouse schrieb er: "In allen Bezirken, wo unsere Genossen, mögen sie auch noch zahlenmäßig schwach sein, unbeugsam den anderen unseren Text entgegengehalten haben, haben sie Stimmen und Zuneigungen gewonnen, und sie haben gleichzeitig die von der Mitte dazu gezwungen, sich von der Rechten ein bisschen mehr zu trennen, um nicht allen Einfluss zu verlieren. In den wenigen Fällen hingegen, wo unsere Genossen den schweren Fehler begangen haben, Kombinationen mit denen der Mitte einzugehen, haben sie nichts für unsere Tendenz gewonnen und zugleich die von der Mitte nach rechts gedrückt".

Und denen, die dazu neigten, den "Arbeitercharakter" der SFIO zu idealisieren, antwortete er: "Die SFIO ist nicht nur keine revolutionäre Partei mehr, sondern sogar keine Arbeiterpartei. Sie ist kleinbürgerlich nicht nur wegen ihrer Politik, sondern auch wegen ihrer sozialen Zusammensetzung. Diese Partei hat uns eigene Möglichkeiten eröffnet und es war richtig, diese erkannt und genutzt zu haben" (aus Eine neue Wende ist notwendig, 10. Juni 1935).

Alle diesen Vorsichtsmaßregeln reichten doch nicht. Als die Trotzkisten aus der SFIO ausgeschlossen wurden, erklärte sich ein bedeutender Teil von ihnen bereit, um in der sozialistischen bleiben zu können, vor den Forderungen der Bürokratie zu kapitulieren und Wasser in ihren Wein zu schütten ... und in ihr Programm.

Später haben diese Aktivisten übrigens das trotzkistische Programm zugunsten eines "offeneren" Programms in fünf Punkten beiseitegelassen, um einen Zusammenschluss mit linkssozialistischen Aktivisten zu ermöglichen. Wie wir sehen werden, wird der "Entrismus sui generis" diese opportunistische Praxis theorisieren.

Heute,30 Jahre später kann man sich im Rückblick fragen, ob die von der trotzkistischen Bewegung aus dem Eintritt ihrer Mitglieder in die SFIO gezogenen Vorteile (besonders der Anschluss der Sozialistischen Jugend an ihr Programm) nicht durch schlimmere Nachteile wettgemacht wurden: zum einen die Spaltung der französischen Gruppe und zum andern die Zuspitzung früherer Deformierungen (nicht-bolschewistische Ausbildung und Verhalten), bedingt durch den Einfluss des sozial-demokratischen Milieus.

"Der Entrismus in fremde und sogar feindliche Organisationen", schrieb Trotzki am 7. Juni 1936, "regt nicht nur neue Möglichkeiten an, sondern birgt auch Gefahren. Nur grundkonservative Dickköpfe können behaupten, dass der Entrismus auf jeden Fall abzulehnen ist. Aber den Entrismus als Gegenmittel gegen alle Probleme benutzen zu wollen, führt unausweichlich an die Grenzen des Verrats, wie uns das französischen Beispiel gerade zu beobachten und zu erleben die Gelegenheit bietet" (aus Nach der Krise der Bolschewiki-Leninisten).

Der "Entrismus sui generis"

In den Jahren 1952-1954 stellte ein Teil der trotzkistischen Bewegung, im Grunde die Mehrheit, den Eintritt in die sozialistischen oder kommunistischen Parteien erneut in den Mittelpunkt, indem sie einen Entrismus eines neuen Typs, den so genannten "Entrismus sui generis", befürworteten. Dieses neue Konzept ging von der Vorstellung aus, dass der Korea-Krieg der erste Kampf des Dritten Weltkrieges sei, der in einer nahen Zukunft zu einer Gegenüberstellung der UdSSR und der Imperialisten führen würde, und die Revolutionäre somit keine Zeit mehr für den Aufbau revolutionärer Parteien hätten. Man müsse sich also in die "Arbeiterparteien", sozialistischen oder kommunistischen, integrieren und darin bleiben, koste es was es wolle. Von offener Fahne war nicht mehr die Rede, was zum Ausschluss geführt hätte (binnen kurzer Zeit in den sozialistischen Parteien, umgehend in den kommunistischen Parteien), und also entsprechend der Vorstellung der Erfinder des Entrismus sui generis zu einer Trennung von der realen Massenbewegung. Diese Taktik wurde in aller Bescheidenheit als ein "in der Geschichte der Arbeiterbewegung noch nie erreichtes Verständnis der Integration in die reale Massenbewegung" (Quatrième Internationale, Januar-Februar 1954).

a) In der Sozialdemokratie

Der Entrismus in die reformistischen Organisationen hatte im Vergleich zu dem von 1934 einen völlig verschiedenen Charakter.

"Heute, konnte man in der schon erwähnten Ausgabe von Quatrième Internationale lesen, geht es nicht um die gleiche Art von Entrismus. Wir treten nicht in diese Parteien ein, um sie wieder gleich zu verlassen. Wir treten für eine lange Zeit ein, da wir auf die sehr wahrscheinliche Möglichkeit setzen, dass diese Parteien unter geänderten Umständen zentristische Tendenzen entwickeln werden, die in den jeweiligen Ländern an der Spitze einer ganzen Etappe der Massenradikalisierung und des objektiven revolutionären Prozesses stehen werden..."

Diese von den belgischen Genossen angewandte Taktik, in einem Land wo die Sozialdemokratie bei weitem die Mehrheit in der Arbeiterklasse hat, führte zur Auflösung der trotzkistischen Bewegung als solche, dann zu einer Unterstützung der "Linkssozialisten", die sich, ebenso wie die Belgische Sozialistische Partei, am Verrat des Generalstreiks von 1960 beteiligten. Schließlich, nach dem Ausschluss des linken Flügels der Sozialistischen Partei im Dezember 1964, versuchten die belgischen Trotzkisten ihr Glück in der Errichtung einer neuen sozialistischen Partei zusammen mit offenkundigen Opportunisten und wallonischen Nationalisten.

Faktisch hat die Übernahme einer Taktik, die Trotski seinerzeit schon angeprangert hatte, im Grunde nur dazu gedient, die trotzkistische Bewegung in Belgien vollkommen von der politischen Bühne verschwinden zu lassen.

b) In den stalinistischen Parteien

Die gleiche Taktik wurde in Bezug auf die kommunistischen Parteien angewandt, mit diesem bedeutenden Unterschied, dass es angesichts ihrer inneren Parteiregimes nicht nur unmöglich war, Tendenzen zu bilden, sondern die einzige Tarnung, die die Eintretenden benutzen konnten, sich als überzeugte Stalinisten auszugeben.

Theoretisch bestand außerhalb der kommunistischen Parteien ein unabhängiger Sektor weiter, der im Wesentlichen "die publizistische Tätigkeit unserer Organisationen durch die möglichst häufige Publikation völlig trotzkistischer Zeitungen und Zeitschriften, Büchern und Broschüren der trotzkistischen Literatur, sowie ihre möglichst vollständige Verbreitung übernahm".

Nach über fünfzehn Jahren kann man sagen, dass diese Taktik nichts gebracht hat denn sie war gerade durch ihre Natur selbst zum Scheitern verurteilt.

Für den Aufbau der revolutionären Partei auf ein Entstehen zentristischer oder revolutionärer Tendenzen innerhalb der stalinistischen Bewegung zu setzen, bedeutete im Grunde, die Arbeit für den Aufbau der Partei aufzugeben.

Und wenn solche Tendenzen innerhalb der stalinistischen Bewegung nicht entstanden sind, so deshalb, weil sie dort nicht entstehen können. Denn für Bildung derartiger Tendenzen bei den stalinistischen Arbeitenden fehlt die Voraussetzung, und zwar das Vorhandensein von Aktivisten mit ausreichenden theoretischen und politischen Grundlagen, um ihre Parteigenossen um ein revolutionäres Programm zusammenzuschließen.

Und in der stalinistischen Bewegung gibt es solche Männer und Frauen nicht oder besser gesagt nicht mehr. Dass sich solche Aktivisten besinnen, damit hatte die Internationale Linksopposition damals gerechnet, um die Kommunistische Internationale wieder aufzurichten. Die Geschichte hat schon in den dreißiger Jahren gezeigt, dass es solche Aktivisten so gut wie nicht mehr gab.

Im August 1934 stellte Trotzki fest: "In der (kommunistischen) Partei gibt es unzweifelhaft Tausende von kämpferischen Arbeiter. Aber sie sind hoffnungslos verwirrt. Gestern noch waren sie bereit, an der Seite von authentischen Faschisten auf den Barrikaden gegen die Daladier-Regierung zu kämpfen. Heute fügen sie sich wortlos den Losungen der Sozialdemokratie (nach der Wende nach rechts der Komintern, Anmerkung von Lutte de Classe). Die von den Stalinisten gebildete proletarische Organisation von Saint-Denis resigniert vor dem Pupismus (die PUP war eine rechtszentristische Organisation, die aus der PCF abstammte, Anmerkung von Lutte de Classe)."

Wenn man dazu nimmt, dass der Bezirk der PCF von Saint-Denis seinem Leiter bis zur Errichtung einer faschistischen Partei, der Französischen Volkspartei (PPF), folgen sollte, erhält man ein Bild von der Zersetzung des politischen Bewusstseins in einem traditionell kämpferischen Arbeitersektor durch die stalinistische Ausbildung.

Und doch liegen Welten zwischen dem kommunistischen Aktivisten von 1934, der in der dritten Periode der Kommunistischen Internationalen unter Losungen wie "Sowjets überall" zur Partei stieß, und dem kommunistischen Aktivisten von heute, der mit Patriotismus und moderner oder neuer oder erneuerter Demokratie gefüttert wird. Und der Vergleich fällt nicht zugunsten des letzteren aus. Der Stalinismus, diese Syphilis der Arbeiterbewegung, hat ihr zerstörerisches Werk konsequent zu Ende geführt.

Der Entrismus einer politisch und theoretisch mit revolutionären Auffassungen ausgerüsteten Handvoll Aktivisten ändert nichts an diesen Umständen. Isoliert in Zellen mit wenigen Mitgliedern kann ihre Haupttätigkeit nur darin bestehen, den Kontakt mit einem oder zwei stalinistischen Aktivisten aufrecht zu halten, denen gegenüber sie gezwungen sind, ihr Programm zu verstecken. Der Gewinn, den sie aus einer derartigen Arbeit ziehen können, besteht im besten Fall darin, einen oder zwei Aktivisten zu gewinnen. Aber diese Tätigkeit kann über einen beschränkten Rahmen nicht hinausgehen, sonst droht der Ausschluss. Niemals aber sieht man aber diese so oft erwähnten zentristischen Tendenzen entstehen, nicht einmal in den politischen Krisen (Algerienkrieg, Machtübernahme durch de Gaulle, usw.).

Natürlich kommt es vor, dass werktätige Aktivisten der PCF bei einem beliebigen Ereignis den Widerspruch zwischen den Interessen ihrer Klasse und der Politik ihrer Partei, die sie angeblich verteidigt erfassen. Aufgrund ihrer Ausbildung selbst sind sie aber nie imstande, einer umfassenden und zusammenhängenden Kritik des Stalinismus Ausdruck zu verleihen. Nach ein paar oppositionellen Vorsätzen treten sie wieder in die Reihe oder äußern ihre Uneinigkeit mit den Füßen, indem sie die Partei verlassen und an ihren Aktivitäten nicht mehr teilnehmen. Und solange es neben der PCF keine andere kommunistische revolutionäre Organisation gibt, die imstande ist, ihnen Kampfperspektiven anzubieten, sind sie zumindest für einige Zeit für die revolutionäre Bewegung verloren.

Die Revolutionäre und die PCF

Aus dieser Taktik des Entrismus ergibt sich eine bei Weitem verhängnisvollere Folge als die irreführende Illusion in Bezug auf die Entwicklung der PCF.

Indem sie ihre Aktivitäten auf die Arbeit innerhalb der PCF beschränken, verbieten sich die "eintretenden" Genossen jegliche Propaganda in Richtung der großen Mehrheit der Arbeiterklasse, die nicht in der PCF oder in ihren Satellitenorganisationen organisiert ist.

Und aus diesem Verbot ergibt sich logischerweise die Unmöglichkeit, revolutionäre Aktivisten nach bolschewistischem Modell auszubilden, das heißt die Unmöglichkeit eine revolutionäre Partei aufzubauen.

Denn im Grunde liegt hier der Kern des Problems. Ist der Aufbau einer solchen Partei heute möglich oder nicht?

"Nein", antworteten 1952 Pablo und der leitende Ausschuss des Internationalen Sekretariats. "Angesichts der Kriegsnähe haben wir keine Zeit mehr". Diese Vorhersage wurde vor sechzehn Jahren formuliert und die Organisationen des Internationalen Sekretariats, die diesen Standpunkt anscheinend nicht mehr teilen, befürworten dennoch weiterhin die gleiche Taktik.

Wird der Imperialismus der trotzkistischen Bewegung weitere sechzehn Jahre Irrtümer gewähren? Daran lässt sich zweifeln.

Im Grunde liegt das Problem heute nicht mehr als in den fünfziger Jahren darin, ob wir die Zeit haben, eine solche Partei aufzubauen oder nicht. Wir haben keine andere Wahl als uns gründlich mit ihrem Aufbau zu befassen. Und es ist wichtig zu verstehen, dass die Taktik des "Entrismus sui generis" ein Verzicht auf diese Arbeit ist, ungeachtet wie aufrichtig die Aktivisten sein mögen, die ihn betreiben. Die Ausbildung von revolutionären Aktivisten ist nur mit im Kampf der trotzkistischen Aktivisten auf der Grundlage ihres eigenen Programms denkbar. Und diese Aktivisten und ihre Ideen müssen nicht nur einer möglichst großen Anzahl von Arbeitenden bekannt sein, sondern sie müssen ihre Ideen täglich, im Eifer jeden Kampfes, jeder Auseinandersetzung, bei jedem Problem, denen der Stalinisten gegenüberstellen und es so der Arbeiterklasse ermöglichen, sich ein Urteil über ihre Gültigkeit zu bilden.

Nur so werden wir imstande sein, revolutionäre Aktivisten auszubilden, nicht nur was die theoretische Ausbildung betrifft, sondern auch was unsere tägliche Haltung betrifft. Aus diesem Grunde brauchen wir unbedingt eine aktive von der PCF unabhängige Organisation, die sich nicht mit Buchhandel begnügt.

"Aber, können uns die Genossen der PCI erwidern, mit einer solchen Methode werdet ihr die kommunistischen Aktivisten und Sympathisanten, bei denen es einen Parteipatriotismus gibt und die einer von außen kommenden Kritik des Stalinismus aufmerksam nie ein Ohr schenken werden, niemals gewinnen".

Dieser Einwand hält einer ernsthaften Analyse nicht stand.

Um die Möglichkeit zu haben, die stalinistischen Aktivisten und Sympathisanten für sich zu gewinnen, muss man zunächst existieren und als Organisation anerkannt werden.

Die Voraussetzung, damit die aufrichtigen Arbeiteraktivisten der PCF eines Tages ihre Partei verlassen, ist, dass neben ihnen ein Kern für einen möglichen Anschluss existiert.

Der "Parteipatriotismus" der stalinistischen Aktivisten ist nur eine Form des Vertrauens, das sie ihrer Organisation schenken und in einem anderen Maßstab, eine Form des Vertrauens, das die Arbeiterklasse den trotzkistischen Organisationen nicht schenkt. Aber das ist nicht erstaunlich, da die trotzkistischen Organisationen bis jetzt noch nichts getan haben, womit sie es verdient hätten.

Und das einzige Mittel, um dieses Vertrauen zu gewinnen, sowohl das der einfachen Arbeiter als auch das der stalinistischen Aktivisten, ist, bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Richtigkeit unserer Ideen in der Praxis zu zeigen. Und auch das setzt eine Organisation voraus, die sich in den Kämpfen härten kann.

Aber im Unterschied zu den arbeitenden Massen widmen sich die Aktivisten der PCF einer gewissen politischen Aktivität und sehen sie die politische und soziale Realität durch das verzerrende Prisma der Ideen und der Presse ihrer Partei.

Die Herausgabe einer besonderen Propaganda, vor allem eines besonderen Materials in Richtung der stalinistischen Arbeiter muss daher ins Auge gefasst werden. Es geht darum, sich in der ihnen vertrauten Sprache an sie zu wenden, und ihnen die Taktik und die Ziele der revolutionären Bewegung in einer besonderen Form darzulegen. Durch enge Kontakte mit dem stalinistischen Milieu müssen sich die Revolutionäre bei jeder Gelegenheit bemühen, die größere Leistungsfähigkeit des revolutionären Aktivisten aufgrund der Richtigkeit seiner Ideen zu beweisen, auch wenn er einer kleinen Organisation angehört.

Diese Arbeit hat mit Entrismus nichts gemein. Zwar kann es für revolutionäre Aktivisten oft nützlich sein, in stalinistische Bewegungen einzutreten, um sie besser kennenzulernen, um sie nachher wirkungsvoller erreichen zu können, doch hat diese Aktivität mit der Bildung von Tendenzen innerhalb der PCF nichts zu tun.

Aber seine Kräfte einzig auf diese Arbeit zu konzentrieren, würde bedeuten, dass man auf den Aufbau der revolutionären Arbeiterpartei verzichtet.