August 1944 - Die Legende der Befreiung von Paris

Lutte ouvrière (Arbeiterkampf)
August 2024

Anlässlich der großen Inszenierung am 25. August zum Gedenken an die Befreiung von Paris griff Macron – wenig überraschend – die vor 80 Jahren geschaffene Legende wieder auf: die eines Volksaufstands, der es ermöglicht habe, die feindlichen Truppen zu vertreiben und die Demokratie wiederherzustellen. Die Realität sah ganz anders aus.

 

Die Landung am 6. Juni 1944 und der rasche Vormarsch der alliierten Streitkräfte ließen den militärischen Sieg und das Ende des Weltkriegs erahnen. Doch unter den Führern dieser Länder war die Angst groß, mit Volksaufständen konfrontiert zu werden, die noch umfangreicher sein könnten als jene, die am Ende des Ersten Weltkriegs in mehreren Ländern stattgefunden hatten.

Die Schrecken des andauernden Krieges, das erlittene Leid, die verwüsteten Länder und die zig Millionen Toten hätten durchaus Grund genug geboten, einen Aufstand auszulösen und – wie 1917 in Russland – Revolutionen hervorzurufen. Nicht nur Regimes wie die von Hitler und Mussolini, sondern alle kapitalistischen Regimes, die für diese beispiellose Barbarei verantwortlich waren, hätten dabei untergehen können.

Die Angst vor Revolutionen

Für die Kriegstreiber bestand die Priorität nun darin, in den Ländern, in denen sich die neuen Besatzungstruppen niederlassen würden, kein staatliches Vakuum und keinen Raum für Massenaufstände entstehen zu lassen. Bereits im Dezember 1943, auf der Konferenz von Teheran, hatten sich die Staatschefs der drei alliierten Mächte – Roosevelt für die Vereinigten Staaten, Churchill für das Vereinigte Königreich und Stalin für die UdSSR – darauf geeinigt, wie Europa nach Kriegsende regiert werden sollte.

Frankreich war nach seiner Niederlage von 1940 und unter dem Regime von Marschall Pétain, das den nationalsozialistischen Besatzern völlig unterworfen war, bei dieser Konferenz natürlich nicht vertreten. De Gaulle hatte sich jedoch auf die Seite der Alliierten gestellt, damit eine französische Regierung Anspruch auf einen Platz an der Seite der Sieger erheben konnte. Dafür reichte die Unterstützung durch in den Kolonien rekrutierte Streitkräfte nicht aus: de Gaulle musste seine Fähigkeit unter Beweis stellen, eine Regierung wiederherzustellen, die im Land über Autorität verfügte. Um eine kapitalistische Wirtschaft zum Vorteil der Bourgeoisie wieder in Gang zu bringen, musste er gewährleisten, dass jeder Aufstandsversuch der Arbeiterklasse im Keim erstickt würde. Genau diesen großen Dienst sollte ihm die PCF erweisen, jene Kommunistische Partei, die sich fortan als „durch und durch französisch“ profilieren wollte.

Die KP hatte bereits 1936 gezeigt, dass sie den Anweisungen der stalinistischen UdSSR folgte, die jede revolutionäre Bewegung fürchtete, indem sie den Arbeitern sagte, man müsse „wissen, wann man einen Streik beenden muss“. Und während des Krieges mobilisierte sie ihre Aktivisten ausschließlich unter dem nationalistischen Ziel, genau wie die gaullistische Résistance, der sie sich anschloss, indem sie dem 1943 gegründeten CNR (Conseil national de la Résistance) beitrat, der die Nachfolge der Regierung Pétain vorwegnahm.

Ein inszenierter Aufstand

Im August 1944 trug die PCF dazu bei, die Legende eines Volksaufstands zu schaffen, der zur Befreiung von Paris geführt habe, obwohl dieser nichts weiter als eine von Grund auf inszenierte Aktion war – strategisch nutzlos und kriminell für die Hunderte von Widerstandskämpfern, die dabei ihr Leben ließen. Am 11. August traten die Eisenbahner in den Streik; am 15. rief die CGT einen Generalstreik aus, dem sich am 18. die U-Bahn-Arbeiter, die Postbeamten und … die Gendarmen und Polizisten anschlossen. Nachdem sie an allen Schandtaten des Pétain-Regimes mitgewirkt hatten, sollten sie anschließend für ihre Tapferkeitsakte sogar ausgezeichnet werden!

Mehrere Tage lang griffen Aktivisten der FFI (Forces françaises de l’intérieur, Widerstand unter der Kontrolle der PCF) unter der Führung von Oberst Rol-Tanguy in kleinen Gruppen Rathäuser und andere offizielle Gebäude, deutsche Patrouillen oder vereinzelte Fahrzeuge an. Da sich die alliierten Truppen näherten und die deutsche Übermacht bereits gebrochen war, war der militärische Nutzen verschwindend gering. Entgegen der Legende eines massiven Aufstands der Pariser beteiligten sich nur wenige Tausend Aktivisten an diesen Angriffen. Doch der politische Zweck bestand darin, zu demonstrieren, dass sich Paris befreit hatte … unter der Führung der Widerstandsbewegung und von De Gaulle.

Die 2. Panzerdivision von General Leclerc, die am 25. August 1944 in Paris einmarschierte, war vollständig von den alliierten Truppen ausgerüstet worden. Dank einer im Dezember 1943 zwischen de Gaulle und General Eisenhower, dem Oberbefehlshaber der amerikanischen Truppen, geschlossenen Vereinbarung konnte sie sich somit an deren Spitze positionieren. Es ging darum, die wenig ruhmreiche Vergangenheit der französischen Armee vergessen zu machen, deren Niederlage im Juni 1940 den Weg für die deutsche Besatzung geebnet hatte.

Indem sie sich hinter de Gaulle auf dasselbe nationalistische Terrain stellte und ihm half, einen autoritären bürgerlichen Staat wiederherzustellen, verriet die PCF einmal mehr die Arbeiterklasse, die gerade vier Jahre voller Entbehrungen und Gewalt hinter sich hatte, und drängte sie dazu, sich der Kapitalistenklasse zu unterwerfen, um die Wirtschaft wieder aufzubauen und dem französischen Imperialismus zu ermöglichen, seinen Platz wieder einzunehmen.

Luttte ouvrière 28. August 2024