Sozialismus und Selbstverwaltung (aus Lutte de Classe - Klassenkampf - von Juni 1967)

Sozialismus und Selbstverwaltung
Juni 1967

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist der Stalinismus durch den Einfluss, den er auf einen großen Teil der Arbeiterklasse bewahrt, das grundlegende Hindernis für die proletarische Revolution geworden. Aber zur gleichen Zeit wie dieser Einfluss der marxistischen Avantgarde jede organisatorische Perspektive versperrte und diese auf kleine Kreise von Intellektuellen beschränkt blieb, verursachte er auf theoretischer Ebene eine Anpassung eines Teiles der trotzkistischen Bewegung an die stalinistische Ideologie.

Die Anerkennung, im Jahre 1948, der Ostblockstaaten als "deformierte Arbeiterstaaten", konkretisierte sich logischerweise in den 50er Jahren in den Thesen von Pablo über die "historisch fortschrittliche" Rolle des Stalinismus.

Die Tatsache anzunehmen, dass ein Staat ein Arbeiterstaat werden konnte, ohne die Diktatur des Proletariates und die Mobilisierung der Arbeiterklasse als solche erlebt zu haben, führte letztendlich dazu, die Schaffung von Sowjets oder anderen Machtorganismen der Arbeiterklasse als zweitrangig und nicht notwendig zu betrachten und den Schwerpunkt ausschließlich auf die wirtschaftlichen Umwandlungen zu legen, die sich in den Ländern des Ostblocks ereignet hatten. Die Verstaatlichungen, die Planwirtschaft, das Außenhandelsmonopol wurden die äußerlichen Zeichen, die die "Arbeiternatur" dieser Staaten garantierten. Die UdSSR spielte so die Rolle des Maßstabs, an dem man den Grad des Sozialismus Polens, Ungarns, später Guineas, Kubas oder Algeriens maß.

Die Urheber solcher Gedankengänge erniedrigten einerseits die marxistische Analysemethode zu einer vulgären wirtschaftlichen Theorie, und zeigten andererseits ihr völliges Unverständnis von der Analyse der UdSSR, wie sie Trotzki formulierte. Für Trotzki waren die Planwirtschaft und das Außenhandelsmonopol Hinweise darauf, dass die UdSSR trotz der Bürokratie ein "Arbeiterstaat" blieb, aber die Planwirtschaft war eben nicht das grundlegende Kriterium der "Arbeiternatur" des russischen Staats, sondern die Oktoberrevolution. Nicht diese wirtschaftlichen Maßnahmen an sich machten den Arbeitercharakter aus, sondern die Klassennatur des Staates, die ermöglicht hatte, dass sie in Russland existieren, und dessen Eroberung sie blieben.

Es gibt natürlich nichts Vergleichbares in einem der anderen Staaten, die von der Mehrheit der trotzkistischen Bewegung "Arbeiterstaaten" getauft wurden. Und heute könnte man über diesen Begriff das sagen, was Trotzki über den Begriff "Staatskapitalismus" einmal schrieb, dessen grundlegender Vorteil laut ihm war, dass niemand genau wusste, was er bedeutete.

Die Analyse von Trotzki wurde in einen für alle Gelegenheiten passenden Beweis verwandelt. Sei es in China, in Polen oder in Kuba, die gute alte formelle Logik hat die Dialektik ersetzt und hat nunmehr Hausrecht. Sehr tief geht die pablistische Argumentation (und darunter ist ebenso das Internationale Komitee zu verstehen, wie das Vereinigte Sekretariat und andere) nicht: Weil diese Staaten wie die UdSSR die Wirtschaft verstaatlicht, geplant und den Außenhandel monopolisiert haben, sind sie Arbeiterstaaten.

Ursprünglich bestand ein anderer Teil der Argumentation darin, die "Arbeiternatur" des Staates teilweise dadurch zu erklären, dass stalinistische Parteien in China, Jugoslawien oder den Ostblockstaaten an die Macht gelangten. Mit dieser Erklärung schob man als unwichtig beiseite, dass sich diese Parteien schon seit langem nicht mehr auf die Arbeiter stützen, dass sie das Programm der Bauernschaft annahmen und sich in sie integrierten, und im genauen Sinn des Wortes sogar nicht einmal mehr stalinistisch waren, weil sie, um die Macht ergreifen zu können, mit Moskau brechen mussten. Kurz gesagt, man stützte sein Urteil nicht auf die sozialen Tatsachen, sondern auf die Etiketten.

Doch mit Kuba ging man einen Schritt weiter, da hier ohne Eingreifen der Kubanischen Kommunisten Partei eine kleinbürgerliche Führung Reformen durchführte, die mit denjenigen identisch waren, die unter Führung Maos in China oder Titos in Jugoslawien umgesetzt wurden. Was soll's! Kuba wurde auch ein "Arbeiterstaat" und die Mehrheit der pablistischen Bewegung spöttelte sogar über diejenigen, zu denen wir auch gehören, die, um einen Staat als Arbeiterstaat zu charakterisieren, es für nötig befanden zu sehen, dass die Arbeiter durch ihre Klassenorgane die Macht ergreifen.

Aber diese Anpassung an die kleinbürgerlichen Führungen der Länder des Ostblocks oder der dritten Welt führt die pablistische Strömung dahin, das Problem des Klassencharakters dieser Staaten beiseite zu lassen und das zu entdecken, was in ihrer Wirtschaft wirklich "sozialistisch" ist.

Und ein Aspekt dieser Haltung war die entscheidende Bedeutung, die die Tendenz von Pablo (vom Vereinigten Sekretariat in kurzem Abstand gefolgt) der Selbstverwaltung zuerst in Jugoslawien und dann in Algerien gewährte.

Dabei ist das, was man mit dem modernen Begriff der "SELBSTVERWALTUNG" getauft hat, keineswegs eine neue oder originelle Sache, sondern ganz einfach die Einrichtung landwirtschaftlicher oder industrieller Genossenschaften, die keineswegs den Klassencharakter der Staaten vorentscheiden, in denen sie existieren.

Bislang aber war es in revolutionären Perioden das Vorrecht der Anarchisten gewesen, den Schwerpunkt auf die wirtschaftlichen Umwandlungen oder die Gründung von Genossenschaften zu legen statt auf den politischen Kampf.

In Spanien zum Beispiel veröffentlichte das Nachrichtenblatt der CNT-FAI am 3. September 1936 einen Artikel mit dem Titel "Die Nutzlosigkeit der Regierung", in dem man sich ausrechnete, dass die wirtschaftliche Enteignung, die gerade im Gange war, "ipso facto" die Auflösung des bürgerlichen Staates zur Folge habe, da er ersticken würde. Kurz nach dem 19. Juli 1936 übernahmen die spanischen Arbeiter und Bauern die leer stehenden, von den Industriellen und den Grundbesitzern verlassenen Güter. Am 24. Oktober institutionalisierte ein Erlass der Regierung die Selbstverwaltung.

Aber tatsächlich ging die von den Anarchisten befürwortete Selbstverwaltung Hand in Hand mit ihrer Weigerung, die Frage der Machtergreifung durch das Proletariat zu stellen und die Unterwerfung und dann die Teilnahme der CNT-FAI-Führung an der bürgerlichen republikanischen Regierung.

Die Aktion der pablistischen Bewegung in Algerien, die auf Ben Bella Druck ausübt, damit er die Selbstverwaltung legalisiert, statt die Arbeiter vor ihm zu warnen, ist von derselben Art, wenn auch in kleinerem Maßstab. In Jugoslawien, wo die Selbstverwaltung seit 17 Jahren existiert, wurde seitdem der Beweis erbracht, dass dies keineswegs den titoistischen Staatsapparat in Gefahr gebracht hat. Mehr noch, eben dieser Staatsapparat hat sie organisiert. Deshalb hat es keinen Sinn für einen Marxisten, die Selbstverwaltung als einen Fortschritt in Jugoslawien oder in Algerien zu betrachten. In den kapitalistischen Ländern haben die revolutionären Marxisten der Losung "die Fabrik den Arbeitern" niemals einen wirtschaftlichen Inhalt gegeben. In einer wirtschaftlichen Form enthält diese Losung in Keim die Begründung einer Doppelherrschaft auf der Ebene des Unternehmens. Die Revolutionäre haben niemals dafür gekämpft, dass die Arbeiter ihre Fabrik verwalten, sondern dass die Arbeiterklasse, in ihrer Gesamtheit, die Wirtschaft verwaltet.

Was grundlegend verschieden ist.

In einem Arbeiterstaat wird die Macht der Arbeiter in erster Linie von ihren politischen Organen, den Sowjets, ausgeübt. Die Form, die die Verwaltung jedes Unternehmens annimmt, ist in der Tat zweitrangig im Vergleich zur Kontrolle, die die Arbeiter über die Gesamtheit der Wirtschaft und des Staates werden ausüben müssen. Als er Alexandra Kollontai antwortete, die zusammen mit der Arbeiteropposition einen allrussischen Kongress der Erzeuger zur Leitung der Wirtschaft des Landes und eine kollektive Leitung der Unternehmen einforderte, schrieb Lenin: "Kongress der Erzeuger! Was bedeutet das? Ich habe Mühe, die Wörter zu finden, um diesen Blödsinn zu bezeichnen. Ich frage: Scherzen sie? Kann man diese Leute ernst nehmen?" Und später: "Die Herrschaft der Arbeiterklasse besteht in der Verfassung, im Eigentumsregime und in der Tatsache, das wir die Sachen beginnen. Aber die Verwaltung, das ist eine andere Sache, das ist eine Frage von Know-how, von Geschicklichkeit".

Trotzki entwickelte dieselbe Idee in seinem Buch "Terrorismus und Kommunismus" (Verteidigung des Terrorismus): "Die Selbstbetätigung der Werktätigen wird nicht dadurch bestimmt und danach bemessen, ob drei Arbeiter an der Spitze eines Betriebs stehen oder einer, sondern durch tiefgehendere Faktoren und Erscheinungen. Aufbau der Wirtschaftsorgane unter aktiver Mitwirkung der Gewerkschaften, Aufbau aller Sowjetorgane durch die Sowjetkongresse, die Dutzende von Millionen von Werktätigen vertreten; Hinzuziehen der Verwalteten selbst zur Verwaltung oder zur Kontrolle über die Verwaltung, - darin drückt sich die Selbstbetätigung der Arbeiterklasse aus... Es wäre daher eine grobe Verirrung, wenn man die Frage der Herrschaft des Proletariats mit der Frage der Arbeiterkollegien an der Spitze der Betriebe verwechseln wollte. Die Diktatur des Proletariats kommt in der Aufhebung des Privateigentums über die Produktionsmittel, in der Herrschaft des Kollektivwillens der Werktätigen über den ganzen Sowjetmechanismus zum Ausdruck, keinesfalls aber in der Form der Verwaltung der einzelnen Wirtschaftsunternehmen." Wenn daher Pablo behauptet, dass sich Lenin und Trotzki des wichtigen Problems der Selbstverwaltung nicht bewusst gewesen seien, weil man eine längere historische Erfahrung als die ihre brauchte, um zu dieser Schlussfolgerung zu gelangen ("Unter der Fahne des Sozialismus" - September 1966), so vergisst er, oder gibt vor zu vergessen, dass diese berühmte Diskussion über die Verwaltung der Fabriken durch die Arbeiter nicht nur zur Zeit Lenins existierte, sondern auch das Wesentliche der Diskussion zwischen Marx und Proudhon war. In "Über das föderative Prinzip" und in "Mélange"1 (befürwortete letzterer bereits von den Arbeitern selbst verwaltete Betriebe, die in einer Föderation die Soziale Republik bilden würden.

Diese Vorstellungen wurden von Marx mit vollem Recht angeprangert.

Aber noch heute schreibt ein Teil der Anarchisten, der sich selbst und Proudhon treu bleibt: "In Algerien erklärte die Charta von Algier, dass die Selbstverwaltung das Grundprinzip des Sozialismus ist. Es ist auch das Grundprinzip des jugoslawischen Sozialismus. Die unterschiedlichen Kräfte der Selbstverwaltung könnten eine neue Form von Demokratie andeuten, die das Problem der Freiheit in den Ostblockstaaten ebenso wie in den Kolonialländern lösen würde." (Vereinigung der anarchistisch-kommunistischen Gruppen - 1966).

Dabei schließen sich die Anarchisten Pablo an, der auch behauptet, dass die Selbstverwaltung eine sozial-wirtschaftliche Grundbeziehung in diesen Staaten sein muss. An diesem Punkt angekommen behauptet er, dass die Partei verschwinden und der Klasse als solche ihren Platz überlassen muss. Auf gut deutsch gesagt bedeutet das, dass in Jugoslawien, in den Ostblockstaaten, in China und in Kuba die Schaffung von revolutionären Parteien durch die Arbeiter zumindest in der Theorie aufgegeben wird.

Überhöhung der Bedeutung von wirtschaftlichen Maßnahmen, der Selbstverwaltung; Ablehnung der Partei; Verharmlosung der Rolle der Klassenorgane und der Diktatur des Proletariates. Der Kreis ist geschlossen. Pablo und seine Tendenz haben nach und nach das Gebiet des Marxismus verlassen, um sich Seite an Seite mit den Anarchisten wieder zu finden. Sie haben Marx und Trotzki so viel revidiert und bereichert, dass sie letztendlich auf ideologischer Ebene Ideen angenommen haben... aus der Zeit vor Marx und die Marx schon bekämpft hatte. Der Erneuerer hat nur olle Kamellen wieder entdeckt.