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Ins Deutsche übersetzte Texte
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Wohin treibt Russland ?
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April 2003
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Wohin treibt Russland, 50 Jahre nach Stalins Tod, 15 Jahre nach der Perestroika, und 11 Jahre nach dem Verschwinden der Sowjetunion?
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Vortrag des Leo Trotzki-Kreises (Paris) vom 25. April 2003
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Die Sowjetunion ist vor über elf Jahren in die Brüche gegangen. Wir möchten hier Bilanz ziehen, bezüglich der Art und Tiefe
der Veränderungen, die sich in der Wirtschaft und der Gesellschaft Russlands, der größten und wichtigsten Republik der
ehemaligen Sowjetunion, vollzogen haben.
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Die Einzigartigkeit dieser Gesellschaft, ihres Wirtschaftsystems und ihres Staates versteht nur, wer im Auge behält, dass sie
1917 aus der Oktoberrevolution hervorging. Ende des ersten Weltkrieges hatte in mehreren Ländern Europas eine proletarische
Revolution stattgefunden. In Russland ergriff die Arbeiterklasse die Macht, schuf den ersten dauerhaften Arbeiterstaat in der
Geschichte der Menschheit und machte sich daran, das Sozialgefüge der Vergangenheit grundlegend umzuwandeln. Überall sonst
erlitt die Revolution eine Niederlage. Damit verschwand für eine ganze Epoche erneut die Aussicht auf die Umwälzung der
kapitalistischen Bourgeoisie auf internationaler Ebene und das Schaffung der notwendigen Vorraussetzungen für den Aufbau einer
neuen, sozialistischen oder kommunistischen Gesellschaft, für deren Realisierung die Anführer der Revolution gewirkt hatten.
Obwohl die Konterrevolution die neue Regierung in Russland nicht hatte besiegen können, prägte und bestimmte der Druck, den
sie auf den aus der Revolution entstandenen Staat ausübte, grundlegend das Los, das ihm beschieden war. Auf internationaler
Ebene isoliert, in einem Land, das eine Mehrheit an Bauern zählte, erlebte der Arbeiterstaat eine sehr schnelle Entartung,
durch die die effektiv durch die Arbeiterdemokratie ausgeübte Macht in die Hände der staatlichen Verwalter, der großen und
der kleinen Chefs, also der Bürokratie gelangte.
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Die Entartung des Arbeiterstaates
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Lenin hatte dieses Phänomen vorausgeahnt und den Kampf dagegen eingeleitet. Doch er starb 1924 (1). Von da an verkörperte und
leitete Trotzki den Kampf der den Idealen der Oktoberrevolution treu gebliebenen Bolschewiki gegen die Entartung des ersten
Arbeiterstaats der Menschheit, an dessen Spitze sich, wie Trotzki sagte, eine “unkontrollierte und dem Sozialismus fremde
Kaste”(2) durchgesetzt hatte.
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Diesen Kampf führten Trotzki und seine Genossen in erster Linie innerhalb der Sowjetunion, inmitten der Bolschewistischen
Partei. Doch seit Ende der zwanziger Jahre war diese Partei zum Transmissionsriemen von Stalins Macht geworden, die sich auf die
entstehende Bürokratie stützte.
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Die marxistische Analyse der bürokratisierten sowjetischen Gesellschaft haben wir Trotzki zu verdanken. In der Schrift, in der
er diese am gründlichsten systematisierte, der Verratenen Revolution, betont er: „in unserer Analyse hüten wir
uns am meisten davor, der Dynamik des gesellschaftlichen Werdens, das keine Vorläufer und keine Analogien kennt, Gewalt
anzutun…“. Die sozialen Grundlagen und die Bedingungen, unter denen sich das Schmarotzertum der Bürokratie entfaltet,
charakterisiert Trotzki folgendermaßen:
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„(…) Die Verstaatlichung von Grund und Boden, industriellen Produktionsmitteln, Transport und Verkehr bilden mitsamt dem
Außenhandelsmonopol in der UdSSR, die Grundlagen der Gesellschaftsordnung. Diese von der proletarischen Revolution geschaffenen
Verhältnisse bestimmen für uns im Wesentlichen den Charakter der UdSSR, als den eines proletarischen Staates.
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In ihrer vermittelnden und regulierenden Funktion (…) und der Ausnutzung des Staatsapparates zu Privatzwecken ähnelt die
Sowjetbürokratie jeder anderen Bürokratie (…). Aber es gibt auch enorme Unterschiede. Unter keinem anderen Regime außer dem
der UdSSR hat die Bürokratie einen solchen Grad der Unabhängigkeit von der herrschenden Klasse erlangt. In der bürgerlichen
Gesellschaft vertritt die Bürokratie die Interessen der besitzenden und gebildeten Klasse, die über unzählige Mittel
verfügt, ihre Verwaltung zu kontrollieren. Die Sowjetbürokratie jedoch schwang sich über eine Klasse (dem Proletariat) auf,
die eben erst aus Elend und Dunkel befreit und keine Traditionen im Herrschen und Kommandieren besitzt. (…) In diesem Sinne
muss man zugeben, dass sie etwas mehr ist als eine Bürokratie. Sie ist die einzige im vollen Sinne des Wortes privilegierte und
kommandierende Schicht der Sowjetgesellschaft.
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(…) Aber bereits, dass sie in einem Lande, wo die Hauptproduktionsmittel in Staatshänden sind, die politische Macht an sich
riss, schafft ein neues noch nicht dagewesenes Verhältnis zwischen der Bürokratie und den Reichtümern der Nation Die
Produktionsmittel gehören dem Staat. Aber der Staat ‚gehört’ gewissermaßen der Bürokratie. (…) Die Bürokratie hat
für ihre Herrschaft noch keine sozialen Stützpunkte, will sagen besondere Eigentumsformen, geschaffen. Sie ist gezwungen, das
Staatseigentum als die Quelle ihrer Macht und ihrer Einkünfte zu verteidigen. “(3)
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Während nahezu der Hälfte ihrer Existenz, erlitt die sowjetische Gesellschaft die absolute und persönliche Diktatur Stalins.
Es war kürzlich wieder die Rede davon, da Stalin vor fünfzig Jahren, am 5 März 1953 starb. Wir nutzen die Gelegenheit, daran
zu erinnern, dass einzig die Trotzkisten diese abscheuliche Diktatur im Namen des Kommunismus anprangerten. Oftmals sind
diejenigen, die heute die entschiedensten Ankläger des Kommunismus - und nicht des Stalinismus – sind, dieselben, die zu der
Zeit, als die Macht des Stalinismus am größten war, sich vor ihm verneigten, ja ihm gar Lobeslieder sangen.
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Die Sowjetunion nach Stalin
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Entgegen der vom Stalinismus erfundenen Lüge, die fast 75 Jahre als „Staatsreligion” der Bürokratie währte, konnte die
UdSSR im Rahmen eines einzigen Landes keineswegs eine sozialistische Gesellschaft schaffen, und sei dieses Land noch so groß.
Die zukünftige sozialistische Gesellschaft muss einen Entwicklungsgrad haben, den die kapitalistische Gesellschaft längst
erreicht hat, und zwar auf internationaler Ebene, selbstverständlich mit den am meisten industrialisierten entwickelten
Ländern, welche auf ihrem Boden die Mehrheit der materiellen, wissenschaftlichen und technischen Güter angehäuft haben, die
aus der menschlichen Arbeit auf der ganzen Erde entstanden sind.
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Dennoch, mit der Aufgabe konfrontiert, ein großes Land auf seine Art zu verwalten, das heißt unter Abschaffung des
Privateigentums an den Produktionsmitteln, der Konkurrenz, der Jagd nach Profit, unter Einsatz der Planwirtschaft, bewies der
Arbeiterstaat die Überlegenheit des wirtschaftlichen Systems, das die Arbeiterklasse in sich trug.
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Trotz des ungeheuren Rückschritts, den die bürokratische Entartung darstellte, bewies die UdSSR mehrere Jahrzehnte hindurch
ihre starke Dynamik. Dank der Oktoberrevolution und der sozialen Umwälzungen, die diese bedeutete, machte dieses extrem arme
Land eine beachtliche Entwicklung durch.
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Die Oktoberrevolution befreite Russland von der adeligen Klasse der Großgrundbesitzer und von dem immensen Tribut, den die
Gesellschaft zahlen musste, um diese Klasse auszuhalten. Der aus der Revolution entstandene Staat übernahm die Zügel des
wirtschaftlichen Systems von einer kümmerlichen Bourgeoisie, die dem westlichen Großkapital unterworfen war. Dem
rückständigen Russland, das von der kapitalistischen Entwicklung kaum berührt worden war, gelang es, dank der freigesetzten
Produktivkräfte in wenigen Jahrzehnten einen Gutteil des Weges zurückzulegen, für den der Kapitalismus im Westen
Jahrhunderte gebraucht hatte.
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Die Industrialisierung erfolgte nicht nur blitzartig, sie war außerdem in qualitativer Hinsicht anders und dies obendrein auf
einem immensen Gebiet. Die Investitionen wurden nicht in Abhängigkeit des Profites getätigt, so dass nicht bloß einige
Regionen um eine Großstadt oder um an Bodenschätzen reiche Gebiete herum davon profitierten, sondern auch viele andere, die im
Zarismus zur Unterentwicklung verdammt gewesen waren.
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Die schnelle Entwicklung der Industrie hatte die sozialen Umwälzungen der revolutionären Zeit verlängert und vertieft. Die
wachsende Verstädterung(4) riss Millionen Menschen aus dem begrenzten Horizont der ländlichen Gebiete. Die Arbeiterklasse, die
1917 nur eine Minderheit darstellte, wurde innerhalb einiger Jahrzehnte die weit größte Klasse des Landes. Vom zweiten
Weltkrieg bis in die achtziger Jahre stieg die Anzahl der Arbeiter von 24 auf 83 Millionen an. Dies war eine zahlenmäßige
Entwicklung ohnegleichen, deren Besonderheit darin bestand, dass die Industrialisierung und die Verstärkung des Proletariats
ohne Bourgeoisie erfolgten.
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Die Entwicklung des Schulwesens, insbesondere der Grundschulen, jedoch auch der weiterführenden Schulen und der Universitäten
in einem so großen Land, der massive Zugang der Frauen zur Ausbildung waren ebenfalls der Ausdruck des revolutionären Geistes,
welcher selbst unter der Vorherrschaft der Bürokratie weiterlebte. Dasselbe galt für die Verbreitung der Kultur und die
Demokratisierung der Möglichkeiten, Zugang zu ihr zu haben.
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Während die von Stalin durchgesetzte Diktatur ihn in kaum abgeschwächter Form überlebte, veränderte sich die sowjetische
Gesellschaft von innen. Dies war kaum sichtbar, denn jede Diktatur hat es an sich, das wahre Leben zu verdecken. Doch im Stillen
entwickelte sich die Wirtschaft weiter, und das gesellschaftliche Leben mit ihr.
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Das Echo dieser Veränderungen lies sich ab und zu vernehmen. Als 1956 Chruschtschow manche Verbrechen des Stalinismus
öffentlich verurteilte und die Tore der Lager(5) einen Spalt breit öffnete, löste dies großes Aufsehen aus. Diese Gesten
bedeuteten nicht die Abschaffung der Diktatur, jedoch ein gewisses Tauwetter, nach dem Titel eines Romans aus dieser
Zeit(6). Die verheerenden Zerstörungen des Krieges beseitigt, führte die wirtschaftliche Entwicklung zu einer Akkumulation,
die ihrerseits gesellschaftliche Veränderungen mit sich brachte, die zwar kaum spürbar, jedoch sehr echt waren.
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Die Komplexität der sowjetischen Gesellschaft nahm zu. Während die Arbeiterklasse zahlenmäßig wuchs, wuchs auch die
Bürokratie; sie erweiterte ihre Basis und differenzierte sich aus. Ebenso vergrößerte sich der soziale Unterschied zwischen
einer höheren Bürokratie, die sich von ihrem Lebensstil her der westlichen Bourgeoisie annäherte und einer Masse kleiner
Bürokraten, die - wenn sie auch einige Vorzüge genossen - kaum ein besseres Leben als die Arbeiter hatten. Und es
vergrößerte sich die kleinbürgerliche Klasse von Künstlern, Schriftstellern, Wissenschaftlern, Spitzensportlern bis hin zu
anderen, die die Fehler der bürokratischen Planwirtschaft ausnutzten, um mehr oder weniger legalen Geschäften nachzugehen.
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Trotz alledem bewahrte die sowjetische Gesellschaft grundsätzlich ihre Eigenheit: Es gab gegenüber dem zahlenmäßig starken
Proletariat keine kapitalistische Bourgeoisie im marxistischen Sinne, das heißt keine Klasse, welche die Produktionsmittel
privat besessen, das Kapital akkumuliert und es wieder in die Produktion eingespeist hätte, um daraus Profit zu schlagen.
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Die einzig privilegierte Schicht war die Bürokratie, das heißt alle diejenigen, die von ganz unten bis ganz oben die
verschiedenen Staatsapparate und die Partei verwalteten, leiteten und befehligten. Ganz oben standen die rund tausend
Personen(7), die die Ministerien, die großen Staatsapparate leiteten sowie die Mitglieder des Politbüros. Darunter befanden
sich die Mitglieder der Parteileitungen, die Führung der nationalen und regionalen Regierungen, die Direktoren der
Staatsbetriebe und noch etwas darunter die Vorsitzenden der städtischen Sowjets usw. Sie alle waren um einen Ausdruck Trotzkis
zu gebrauchen, eine „im vollen Sinne des Wortes privilegierte und kommandierende Schicht“ . Diese Kaste wurde sich
ihrer Interessen und ihrer Eigenschaft als herrschende Schicht immer bewusster und versuchte dementsprechend, die Zahl ihrer
kleinen und großen Privilegien noch zu erhöhen.
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In vieler Hinsicht glich ihre Stellung in der Gesellschaft derjenigen der Bourgeoisie im weitesten Sinne des Wortes; das heißt
nicht nur das Großbürgertum, sondern auch dieses mittlere Bürgertum, das die Gesellschaft der Städte beherrscht, das die
Journalisten gerne als „die Eliten“ bezeichnen und das sich wiederum auf den breiten Sockel des Kleinbürgertums stützt,
das heißt auf all jene, die, unter dem Banner des Privateigentums vereint, irgendetwas besitzen.
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Im Gegensatz zur Macht der Bourgeoisie war die Vorherrschaft der Bürokratie nicht an den Besitz von Kapital gebunden, sondern
an die Macht selber. Der Rang eines jeden Bürokraten innerhalb der sozialen Hierarchie hing von seinem Platz in der staatlichen
Hierarchie ab. Desto höher sein Dienstrang, desto mehr hatte er Zugang zu den Privilegien, die das bürokratische System
kollektiv von den Arbeitern abzweigte.
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Die letzte Erinnerung an diese Ära, die von Stalins Tod bis in die achtziger Jahre reichte, ist das Bild von Paradetagen, von
alternden Würdenträgern aneinander gereiht auf dem roten Platz, das Bild eines scheinbar fest im Sattel sitzenden Regimes.
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Die Geschichte überschlägt sich
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Jedoch war ein neues Kapitel in der Geschichte der UdSSR dabei geschrieben zu werden. Es sollte das letzte werden. Wie es die
Natur nun einmal will, verstarb hintereinander die gesamte Generation der hohen Bürokraten, die das Land seit Chruschtschow(8)
regiert hatten. Der Tod Breschnews, rasch gefolgt von dem seiner Nachfolger Andropow und Tschernenko, führte zu einer Krise,
die sichtbar wurde, als Gorbatschow(9) im März 1985 an die Macht kam.
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Um ein System zu reformieren, dem die Luft auszugehen schien, oder einfach nur um seine Macht zu verstärken - und
höchstwahrscheinlich aus beiden Gründen zugleich -, beschloss Gorbatschow, die Debatte über die Umstrukturierung - auf
Russisch Perestroika- öffentlich zu führen. Um sowohl den Apparat der Partei als auch den der Verwaltung zu umgehen, tat er,
was sich die Spitzen der Bürokratie immer geweigert hatten zu tun, von einigen Versuchen Chruschtschows abgesehen: Er sprach
zum Volk, um es zu einen Zeugen, wenn nicht gar zum Schiedsrichter zu machen.
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Diese „Glasnost“ (Transparenz), ein weiterer Slogan Gorbatschows, löste eine solche Dynamik aus, dass Gorbatschow,
überrollt von den Ansprüchen der Bürokratie und seinem eigenen Willen, jegliche zentrale Kontrolle loszuwerden, Boris Jelzin
weichen musste, welcher die sozialen Veränderungen in der ehemaligen Sowjetunion verkörpern sollte. Denn diese gab es nicht
mehr: Sie war im Dezember 1991 auseinander gebrochen.
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Gorbatschow hatte sich sechs Jahre lang gehalten. Die Ära seiner Nachfolger dauert nun bereits über zwölf Jahre an.
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Spätestens seit der Machtübernahme Jelzins ist es das offen verkündete Programm der Bürokraten, den Kapitalismus
wiedereinzuführen. Wie viel davon war zu Beginn Demagogie in Richtung der Privilegierten, die über die Staatsgüter
hergefallen waren und denen der Gedanke nur schmeicheln konnte, diese kürzlich und keineswegs redlich erworbenen Güter in
Privateigentum zu verwandeln? Wie viel dieses Programms war für den Westen bestimmt, damit dieser den Kredithahn des Kredits so
weit wie möglich öffnen möge? Wie viel davon war wirklich der politische Willen der hohen Kader der Bürokratie?
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Das Staatseigentum in Privateigentum zu verwandeln, war der alte Traum der Bürokratie, denn sie hatte von diesem Eigentum ja
nur den Nießbrauch. Doch von diesem Traum zu seiner Verwirklichung überzugehen, bedeutete eine soziale und wirtschaftliche
Umwälzung, bedeutete die Liquidierung all dessen, was vom Werk der russischen Revolution 1917 übrig geblieben war. Es
bedeutete eine wirkliche soziale Gegenrevolution. Zwölf Jahre nachdem die politische Führung der Bürokratie diesen Willen
offenbarte, kann man noch nicht behaupten, dass diese Gegenrevolution vollzogen sei.
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