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Diese „russische Gesellschaft (sei) allen Gesellschaften des europäischen Kontinents sehr ähnlich geworden“
behauptet die Historikerin Hélène Carrère d’Encausse, eine Anhängerin des Zaren und Putins21. Untersuchen wir, welche
Stellung hier die russische Bevölkerung innehat.
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Russland verliert jährlich über eine halbe Million Einwohner, eine Katastrophe aufgrund des Ausmaßes des Phänomens und
aufgrund der Not, die die Ursache für diese Entwicklung ist. Und dies auf allen Gebieten: Geburtenrate und Lebenserwartung22
gehen stark zurück, während die Todesrate unaufhörlich steigt. Alkoholismus und Selbstmordrate steigen explosionsartig an. Da
sie nicht über die nötigen Mittel verfügen, sind die kostenlosen sozialmedizinischen Zentren ohnmächtig angesichts des
Anstiegs von „Armutskrankheiten“ wie der Tuberkulose; Krankheiten, welche die UdSSR praktisch ausgerottet hatte. Die
verfügbaren, oft importierten Medikamente sind unerschwinglich.
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Auch von Unterernährung sind viele betroffen. Laut den Ärzten der Musterungskommissionenweisen zwei Drittel der
Wehrpflichtigen Krankheiten auf, die mit Unterernährung in Zusammenhang stehen. Dasselbe gilt für die Mehrheit der älteren
Leute, deren Renten kaum mehr als zehn Euro monatlich betragen. Die Aufsichtsbehörde für öffentliche Hygiene ist über die
Zahl der Todesfälle durch Vergiftung beunruhigt, da diverse Gauner nicht davor zurückschrecken, zum Verzehr ungeeignete oder
in Europa und den USA verbotene Produkte zu verkaufen.
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Im Winter erschwert das Klima die Lage noch. In Moskau, der reichsten Stadt Russlands, waren im Januar bereits 250 Menschen der
Kälte zum Opfer gefallen. Schlimmer noch ist es in den Regionen, in denen die Heizungen zeitweise abgestellt werden. Die
Behörden unterschlagen für den öffentlichen Dienst der städtischen Heizung bestimmte Gelder, dessen Ausrüstung dem Mangel
an Instandhaltung zum Opfer fällt.
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Dieses Bild lässt sich auf eine Zahl bringen: Laut dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen ist Russland, die Erbin
dessen, was einst die zweitgrößte Macht der Welt war, auf den 72. Rang hinab gesunken. Seine Nachbarn auf dieser Skala heißen
Malaysia und die Philippinen.
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Die Superreichen
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Doch nicht die gesamte Bevölkerung ist in die blanke Not hinabgerutscht. Genauer gesagt, die Mehrheit der Bevölkerung ist
gerade deshalb davon betroffen, weil eine Minderheit von Privilegierten dies verursacht hat23.
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Die gewaltsame Verelendung von Dutzenden Millionen Menschen, der Ruin einer von den Privilegierten kurz und klein geschlagenen
Wirtschaft, die Plünderung der öffentlichen Finanzen bildeten in der Tat die Grundlage der schlagartigen Bereicherung einer
Schar von Profiteuren, die aus der Bürokratie hervorgegangen waren in ihrem Schatten agierten.
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Diese Schmarotzer sind es, den hiesigen Zeitungen zufolge, die „20.000 Euro pro Tag in Courchevel, der Skistation der
Lebewelt, ausgeben“, in einem „paradiesischen Frankreich für reiche Moskauer“, wo „die (russischen) Kundinnen (der
Luxusboutiquen) fähig sind, mehrere tausend Euro auf einen Schlag auszugeben“ und wo die Luxushotels der Côte d’Azur
„darum buhlen, wer sich am besten auf die aus der Kälte kommenden Kunden einstellt“. In London „leben einige auf großem
Fuß“, nahe der City, dem Herzen des internationalen Finanzwesens, wo sich ihr Reichtum noch abrundet. Für diese Leute wurde
kürzlich in Moskau das Einkaufszentrum Krokus, der Tempel des internationalen Luxus, geschaffen. So brauchen vielleicht die
Bürokraten und „neuen Russen“24 nicht mehr das Flugzeug zu nehmen, um ihre Einkäufe zu erledigen.
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Die Mittelschicht
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Daneben zielen riesige Verbrauchermärkte auf eine breitere Kundschaft ab, die bescheidener lebt als die Klasse der
Superreichen. In Moskau oder Petersburg kann man Produkte mehr oder weniger renommierter westlicher Marken25 kaufen;
vorausgesetzt natürlich, man verfügt über genügend Geld.26
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Neben den Superreichen und trotz des starken Anstiegs der Arbeitslosigkeit und des ebenso starken Rückgangs der Produktion
innerhalb eines Jahrzehnts, konnten manche Gesellschaftsschichten ihren Lebensstandard aufrechterhalten und manchmal sogar
verbessern. In Moskau und in geringerem Maße in der Provinz bildet das Kleinbürgertum eine Schicht von ein paar Millionen
Individuen27, von 145 Millionen Einwohnern, die Russland zählt. Diese Gesellschaftsschicht ist mickrig; seit dem Sturz des
Rubels wurde sie fast durch den Börsenkrach weggefegt, den die Superreichen und Privilegierten ausgelöst hatten. Seither
entwickelt sie sich weiter, aber recht langsam. Einige ihre Mitglieder sind sogar zu echten Bourgeois geworden, zu Unternehmern,
die im Baugewerbe, im Transport oder, was öfter vorkommt, im Handel und im Dienstleistungssektor tätig sind.
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Es existiert auch eine kleinbürgerliche Schicht von Arbeitnehmern, deren bestbezahlte Mitglieder von den in der Hauptstadt und
in kleinerem Maße in Petersburg ansässigen Banken und Import- und Exportgeschäften Hauptstadt, abhängen. In diesen
Ballungsgebieten von neun, beziehungsweise fünf Millionen Einwohnern arbeitet eine starke Minderheit im Dienstleistungssektor -
im weitesten Sinne des Wortes28. Dieser Sektor ist eng verbunden mit den ausländischen Firmen, den freien Berufen, dem Hotel-
und Gastgewerbe, dem Handel, den Kliniken, Reiseagenturen und den Makleragenturen für große wie kleine Reiche.
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Die Masse derjenigen, die am Wegrand zurückbleiben
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Die Arbeiter machen mehr oder weniger gute Miene zum bösen Spiel in den wenigen Unternehmen, die vor allem Rohstoffe
exportieren. Doch für die Mehrheit der Angestellten in der Industrie, im landwirtschaftlichen Sektor und in den öffentlichen
für die Bevölkerung bestimmten Diensten sind die Löhne, wenn sie überhaupt ausgezahlt werden, miserabel.
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In Moskau liegt der durchschnittliche Lohn bei rund 500 Euro, doch viele Arbeiter verdienen weniger. Allen voran die
Hunderttausenden Arbeiter aus der Provinz und die Immigranten aus den Republiken der ehemaligen Sowjetunion, die dort ohne
Aufenthaltsgenehmigung leben, ebenso wie in den Großstädten, wo diese Ausgestoßenen Ausbeutern aller Art zum Opfer fallen.
Überall sonst im Land sind die Löhne selten höher als 100 Euro. Was die Millionen Arbeiter anbelangt, die die Zerrüttung der
Wirtschaft um den Genuss regelmäßiger Einkünfte29 gebracht hat, so beziehen nur die wenigsten Sozialleistungen, das sowieso
äußerst niedrig ausfällt.30
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Die daraus resultierende Armut ist fern der großen Zentren im Norden nicht nur materiell oder physiologisch, das heißt im
fernen Osten und in fast ganz Sibirien - also auf über Dreiviertel des Territoriums - weshalb alle, die es können, von dort zu
fliehen versuchen. Hinzu kommen die tausend und eine Formen geistiger Misere, die die soziale Zurückentwicklung mit sich
bringt, mit dem starken Rückgang dessen, was als Ersatz für die Erziehung der Kinder der arbeitenden Bevölkerung diente; mit
dem kulturellen Leben, das in den Großstädten unerschwinglich geworden ist und überall sonst brach liegt31; mit der
Unterstützung der orthodoxen Kirche durch die Politiker32, die sich durch diverse Schmuggelgeschäfte bereichert und die Poren
des sozialen Lebens verstopft.
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Hinzu kommt auch die Fäulnis, die ganze Teile der Gesellschaft ergreift, mit der Kriminalität als Überlebensform, dem
Drogenhandel, der Prostitution, unter anderen der Kinderprostitution. Es kommen reihenweise mittelalterliche Bräuche und
Vorurteile wieder zum Vorschein, eben so das Joch des Patriarchats, eine größere Unterdrückung der Frauen. Und dies nicht nur
in einigen Völkern der Peripherie, die die sowjetische Gesellschaft aus ihrer Rückständigkeit geholt hatte, sondern ein
bisschen überall.
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