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Bereits ab dem zweiten Streiktag - als die Frühschicht am Donnerstag in der Fabrik ankommt, nehmen die Streikenden die Idee
auf, ein Streikkomitee zu bilden. Viele unter ihnen waren am Streik von 2005 beteiligt und erinnern sich noch gut daran. Als
Aktivisten die Idee vorschlagen, wird diese ganz natürlich angenommen. Siebzig Arbeiter der Frühschicht erklären sich bereit,
ihm anzugehören und werden unter Beifall gewählt. Ungefähr 40 Arbeiter der Spätschicht stoßen zu ihnen hinzu. Die Zahl der
Arbeiter, die an diesem Komitee teilnahm, betrug oft über hundert. Der Zugang war frei und viele Streikende haben daran
abwechselnd teilgenommen.
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Ab dem 1. März und bis zum Ende des Streiks wird sich das Komitee ein- bis zweimal täglich versammeln. Es traf sich mindestens
jeden Morgen, nach der Verteilung der Streikzeitung und der Vollversammlung - das heißt gegen 8 Uhr. Oft, gegen 15 oder 16 Uhr,
fand eine zweite Versammlung des Streikkomitees statt.
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Vor und nach der Sitzung des Komitees fand eine Vollversammlung statt. Am Morgen stimmte man erneut über den Streik als solchen
ab; am Vormittag stellte man den Streikenden die Vorschläge des Streikkomitees vor, um sie zu diskutieren und gegebenenfalls
anzunehmen. Je nach der Etappe im Streik konnten die Vollversammlungen zwischen 200 und 350 Streikende vereinen.
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Bei jeder Sitzung des Komitees wurden ein Vorsitzender und ein Schriftführer vorgeschlagen und gewählt. Dann wurden die Bilanz
des Tages und des Vorabends, das Programm des kommenden Tages, und vor allem die Probleme und die Politik der Streikenden
diskutiert. Die Versammlungen des Komitees fanden im Allgemeinen in einem verglasten aber geschlossenen Saal, in H14 statt, was
Diskussionen möglich machte, die nicht unbedingt für die Ohren der Vorarbeiter und der Handlanger der Betriebsleitung bestimmt
waren. Diesen Ort wird ein Streikender "die Schule des Streiks" nennen.
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Die Versammlungen waren sehr lebhaft: Jeder konnte seine Meinung abgeben, auf vollkommen demokratische Weise; die Entscheidungen
wurden meist einstimmig angenommen, weil sie gründlich diskutiert worden waren und weil jede Meinung berücksichtigt wurde.
Manchmal öffnete sich plötzlich die Tür des Komitees und ein Streikender unterbrach die Diskussion, um anzukündigen, dass
die Chefs versuchten, die Fließbänder wieder anfahren zu lassen, oder dass ein Chef einen Leiharbeiter ins Büro bestellt hat,
um ihn zu entmutigen. Ein oder zwei Mitglieder des Komitees gehen dann raus, um nachzusehen, was vor sich geht und die
Streikenden zu begleiten, um das Problem zu regeln.
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Die Autorität des Streikkomitees war vom Anfang bis zum Ende der Bewegung unleugbar. Es handelte sich um keine von irgendwem
vorgeschriebene Macht: Das Komitee hat ganz einfach im Laufe des Streiks an Prestige gewonnen, wurde zu einer Art Parlament der
Bewegung, wo alles frei debattiert werden konnte.
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Die Idee eines Streikkomitees wurde vor allem so schnell angenommen und von den Streikenden so gut aufgenommen, weil sie ganz
einfach genug von den üblichen Auseinandersetzungen zwischen den Gewerkschaften hatten: Dieses Komitee - ohne sich am Anfang
irgendwie auf die Gewerkschaften zu beziehen - erschien den Arbeitern als ein ausgezeichnetes Mittel, die
Gewerkschaftsstreitereien zu vermeiden. Während des Streiks erklärt ein Arbeiter: "Was die Streiks zerstört und was die
Geschäftsleitung will, ist, dass sich die Gewerkschaften untereinander zerstreiten, dass sich die Arbeiter untereinander
zerstreiten. Währenddessen bleibt die Leitung in ihrer Ecke und profitiert von der Lag%. Aber in diesem Streik halten die
Arbeitenden alle zusammen, Vertrauensleute oder nicht Vertrauensleute, Gewerkschaftsmitglieder oder nicht, keine Werbung, keine
Fahne. Die Gewerkschagtsvertreter sind nützlich, sie kennen die Ge3etze, sie können uns beraten. Aber es sind die Arbeitenden,
die entscheiden und ihre Meinung sagen.36"
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Im Streikkomitee denken die Arbeiter nach, stellen sich alle Fragen der Taktik und Strategie, lernen, sich zu organisieren.
"Diese Firma möchte nicht, dass man nachdenken kann", sagt ein Streikender. "Wir können aber besser nachdenken, als wie ein
Roboter zu schuften", sagt ein anderer... Das ist eine der ersten und wichtigsten Errungenschaften des Streiks.
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Die Geschäftsführung sieht dieses Streikkomitee nicht gern: Es wirkt umso gefährlicher, da sich die verschiedenen
Gewerkschaften dort nicht befinden, die doch so beruhigend für die Bosse sind... So kann man in "Die Hauptsache", der
innerbetrieblichen Propagandazeitung der Firmenleitung, die ausschließlich für die Vorgesetrten bestimmt ist und die den
Vermerk trägt "Streng vertrauliches Dokument. Soll nicht öffentlich ausgehängt werden", lesen: L'84Vier Tage nach Beginn der
Arbeitsniederlegung sind die Flugblätter immer noch nicht von Gewerkschaftsorganisationen, sondern von einem ‚Streikkomitee'
untarschriebeN, dessen Zusammensetzung und Legitimität unbekannt ist. Man sieht keine Fahne in den innerbetrieblichen
Demonstrationen und einige Gewerkschaftsführer tragen ihre Abzeichen nicht mehr."
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Ein bekannter "Gewerkschaftsführer" trägt sein Abzeichen nicht mehr und die Geschäftsleitung ist ganz beunruhigt... Es
genügt ein ganz kleiner Fußtritt gegen die Arbeitgeberroutine, um diese Leute aus der Fassung zu bringen!
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Das Streikkomitee erwirbt sich im Laufe der Wochen seine Legitimität, bis es zur einzigen von den Streikenden akzeptierten
Streikleitung wird. Am Ende des Streiks, während das Komitee noch darüber debattiert, ob ein "Protokoll zum Ende des
Konfliktes" mit der Geschäftsleitung unterschrieben werden soll oder nicht, erklärt ein Vertreter der Gewerkschaft "Sud"
barsch, dass, was auch immer vorkommen mag, seine Gewerkschaft keine Vereinbarung unterschreiben wird. Ein Streikender antwortet
darauf noch barscher: "Hast du noch immer nicht verstanden? Nur das Streikkomitee leitet den Streik. Nicht die Gewerkschaften.
Also wird ‚Sud' das machen, was das Komitee beschließen wird."
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Schließlich haben viele Arbeiter in diesem Streik erfahren, dass das Streikkomitee und die Organisation zwei ausgezeichnete
Mittel sind, um "einen sauberen Streik" zu führen, wie die Arbeiter sagten. So sehr, dass sie dieser Organisationsform
außerordentliche Eigenschaften verliehen: Mitten in Streik fährt ein Gewerkschaftsmitglied von PSA am Wochenende nach
Westfrankreich. Auf dem Rückweg sieht er ein Streiktransparent eines kleinen Unternehmens. Da er sich betroffen fühlt, hält
er an, um zu verstehen, was vor sich geht. Die Arbeiter sagen ihm, dass sie nicht recht wissen, was sie machen sollen. Da
erklärt der Streikende ihnen: "Also zuallererst: Richtet ein Streikkomitee ein!"
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